Start AKTUELLE AUSGABE Džemal Šibljaković: „Mit dem richtigen Trigger kann jeder radikalisiert werden”
INTERVIEW

Džemal Šibljaković: „Mit dem richtigen Trigger kann jeder radikalisiert werden”

Šibljaković: „Jeder Mensch hat ein gewisses Radikalisierungspotenzial.
Es kommt nur auf den richtigen Auslöser an.” (FOTO: KOSMO)

Die Weltreligionen predigen Nächstenliebe, Menschlichkeit usw. Wie kann es sein, dass dann ein Mensch konträr zu diesen moralischen Werten agiert und glaubt, im Namen des Glaubens zu handeln?
Religiöse Gemeinschaften sind keine homogenen Gruppen. Auch da gibt es Menschen mit ganz unterschiedlichen Überzeugungen, die dann in das religiöse Weltbild und Selbstverständnis übernommen werden. An dieser Stelle kommen schließlich Prediger bzw. Pseudoprediger ins Spiel, die weniger theologisch fundiert argumentieren, sondern versuchen, junge Menschen davon zu überzeugen, dass alle Nicht-Muslime ihnen feindlich gesinnt sind. Sie nähren das Narrativ von „wir gegen sie”. Wenn dies bei einem jungen Menschen Anklang findet, dann ist dieser schnell bereit, alles zu tun, um sich mit dieser vermeintlichen Gerechtigkeit zur Wehr zu setzten. Wir wissen, dass Jugendliche ein enormes Gerechtigkeitsbewusstsein haben. Sie haben Widerstandsbewegungen mitbegründet oder mitgetragen und diesen Hunger nach Gerechtigkeit nützen dann diese Gruppierungen aus, um sie als Kanone für ihre poli tischen Ziele zu verwenden. Theologie hat immer eine sehr anziehende Wirkung, sonst gäbe es nicht seit tausenden von Jahren so viele verschiedene Religionen. Leider gibt es Leute, die mit diesem Wissen bewusst spielen und jungen Menschen das Gefühl geben, ihre Gruppierungen wären die einzigen, die etwas gegen diese Ungerechtigkeit tun. Und das ist ein ganz entscheidender Punkt im Radikalisierungsprozess. Die Jugendlichen glauben dann, sie tragen zur Gerechtigkeit bei, nicht wissend oder nicht verstehend, dass sie damit nur eine andere Ungerechtigkeit vorantreiben und teilweise auch Kriegstreibern helfen, ihre Ziele zu erreichen.

Wann genau kommt das Deradikalisierungsprogramm zum Einsatz und wie sieht dieser Prozess aus?
Das ist leider eine formelle Geschichte. Wenn eine Person nach dem Paragraphen 278 verurteilt wurde, dann startet das ganze Programm. Im Strafvollzug, wo ich meine Tätigkeit ausübe, gibt es einen genauen Vollzugsplan, der festlegt, welche Schritte individuell an die Person angepasst werden müssen. Dann kommt verstärkt Sozialarbeit zum Einsatz, der Verein Derad (Verein für Deradikalisierung und Prävention), der mit der Person Abklärungsgespräche macht und auch PsychologInnen sind Teil des Betreuungsplans. In Österreich haben wir eine im internationalen Vergleich schnelle und sehr restriktive Rechtsprechung, wenn es um solche Fälle geht. Das Problem bei diesem Prozess ist es, dass Menschen, die aufgrund ganz anderer Straftaten verurteilt wurden, Gefahr laufen, sich im Gefängnis zu radikalisieren, denn Faktoren, die zu einen Radikalisierungsprozess führen können, werden in der Haft verstärkt, wie etwa die Entwurzelung aus der eigenen Gemeinde, Perspektivlosigkeit und Fremdbestimmung, aber auch Diskriminierung.

Sie sind Imam und Seelsorger für Muslime. Worin besteht Ihre Arbeit und worin unterscheidet sie sich von der Arbeit der Organisation Derad?
Die Organisation Derad arbeitet ausschließlich mit Personen, die nach dem Paragraphen 278 inhaftiert worden sind. Menschen hingegen, die wegen anderer Delikte im Gefängnis sitzen, aber eventuell extremistischen Ideologien anhängen, werden von ihnen leider nicht erfasst. Die islamische Seelsorge ist ein Zusatzangebot, das derzeit leider noch kein integraler Bestandteil der Deradikalisierungsarbeit. Derad führt über seine Arbeit und die Gespräche genauestens Protokoll, das wissen die InsassInnen natürlich. Im Gegensatz dazu unterliegen GefägnisseelsorgerInnen einer Schweigepflicht. Dadurch haben wir einen ganz anderen Zugang zu den InsassInnen und können rasch eine Vertrauensbasis aufbauen. Aufgrund der Schweigepflicht haben die InsassInnen die Möglichkeit, ganz persönliche Sachen anzusprechen. Dadurch eröffnen sich besondere Gesprächsmomente, in denen sie uns von Dingen berichten, die sie ihren Familienmitgliedern nie anvertrauen würden. Wenn so ein Näheverhältnis herrscht, ist es auch möglich, über eventuelle extremistische Ideologien zu sprechen und diese zu dekonstruieren. Neben der Arbeit im Gefängnis gibt es auch andere Institutionen, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Sowohl die Beratungsstelle Extremismus, als auch die Kontaktstelle für Extremismusprävention und Deradikalisierung der Islamischen Glaubensgemeinschaft sind wichtige Ansprechpartner. Letztere arbeitet unter anderem mit MultiplikatorInnen wie z. B. LehrerInnen oder SozialarbeiterInnen zusammen, um sie dafür zu sensibilisieren, Gefährdungen bei Jugendlichen frühzeitig zu erkennen.

„Extremistische Gruppierungen nützen jugendlicher Hunger nach Gerechtigkeit aus, um sie als Kanone für ihre poli tischen Ziele zu verwenden.”

Ist es wichtig, dass der Betreuer bei dem Deradikalisierungsprozess derselben Religion wie der Betroffen angehört?
Das ist ein wichtiger Punkt, den man leider viel zu selten bedenkt. In jedem Fall braucht es sowohl einen multiprofessionellen, als auch einen multikulturellen bzw. multiethnischen Zugang, um viele verschiedene Teilbereiche bearbeiten zu können. Wenn es z. B. Jugendliche gibt, die sich speziell aufgrund ihres Religionsverständnisses einer Gruppe angeschlossen haben, dann kann man mit theologischen Argumenten und Angeboten wie in der islamischen Seelsorge Erfolge erzielen. Wir konnten in der Praxis Bruchstücke von islamischem Wissen ergänzen und zeigen, dass Interpretationen oder das Islamverständnis zu kurz greift. Dann gibt es aber Menschen, die einen hohen Grad an psychologischem Behandlungsbedarf haben. Bei ihnen ist die Religion lediglich eine Fassade, die man leicht durchbricht und erkennt, dass es sich um ein unbefriedigtes Bedürfnis nach Anerkennung oder ein unüberwundenes Trauma handelt. Es gibt auch diejenigen, die hohen sozialarbeiterischen Bedarf haben, die nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Diese Perspektivlosigkeit betrifft häufig Jugendliche, die die Schule abgebrochen haben, in einem schwierigen Elternhaus aufgewachsen sind oder keine ausreichende Unterstützung erhalten haben. Die fehlende Unterstützung finden sie dann in extremistischen Gruppen. Zusammenfassend kann man sagen, dass jeder Mensch individuelle Bedürfnisse hat, die durch einen multiprofessionellen Zugang abgedeckt werden müssen. Wenn man zusätzlich noch multikulturell aufgestellt ist, kann man einerseits als Vorbild auftreten und zeigen, dass man ungeachtet der eigenen Religion oder Herkunft friedlich und erfolgreich in einer multikulturellen Gesellschaft leben kann. Man durchbricht so also die „Wir gegen sie”-Dynamik, indem man Settings aufzeigt, in denen das Gemeinsame funktioniert, ohne dass die eigene Identität verleugnet werden muss. Gelebte Plura-lität in Betreuungssystemen ist daher ganz wichtig.

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