Dicke Decken oder T-Shirt bei gleicher Temperatur? Warum manche Menschen frieren, während andere sich wohlfühlen, hat wissenschaftliche Gründe – von Rezeptoren bis zu Hormonen.
Jeder kennt das Phänomen: Während eine Person in dicke Decken gehüllt mit heißem Tee friert, sitzt die andere im T-Shirt daneben und genießt ein Eis. Diese unterschiedliche Kältewahrnehmung ist kein Zufall, sondern hat wissenschaftliche Grundlagen.
Ein entscheidender Faktor ist der TRPM8-Rezeptor, den Nobelpreisträger David Julius Anfang der 2000er Jahre entdeckte. Pharmakologe Jan-Erik Siemens beschreibt ihn als „Hauptmediator für Kältesignale“. Bei Berührung kalter Oberflächen wird dieser Sensor in den Nervenzellen aktiviert. Das ausgelöste Signal wandert von der Kontaktstelle über das Rückenmark bis ins Gehirn, wo es verarbeitet wird. Experimente mit Mäusen zeigten, dass eine Blockierung von TRPM8 die Kältereaktion deutlich verringert – ein Mechanismus, der beim Menschen vermutlich ähnlich, wenn auch komplexer funktioniert.
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Körpers Thermostat
Im Körper spielen Hormone eine zentrale Rolle bei der Temperaturregulation. „Hormone beeinflussen das Temperaturzentrum im Hypothalamus – diese Hirnstruktur regelt die Körpertemperatur“, erläutert Siemens. Der Hypothalamus arbeitet dabei wie ein Thermostat: Nervenzellen in Haut und Organen melden Temperaturwerte an diese Hirnregion. „Diesen Ist-Wert vergleicht der Hypothalamus mit einem Soll-Wert für die Körperkerntemperatur“, so Siemens. Bei Menschen liegt dieser Sollwert bei etwa 37 Grad.
Erkennt der Körper eine zu große Differenz zwischen Ist- und Sollwert, leitet er Gegenmaßnahmen ein. Wir ziehen uns wärmer an, bekommen Gänsehaut, unsere Muskeln beginnen zu zittern, die Hautgefäße verengen sich, und Extremitäten können kalt oder bläulich werden.
Geschlechterunterschiede
Die Kälteempfindlichkeit wird auch durch körperliche Faktoren beeinflusst. Die Muskelmasse spielt eine wichtige Rolle, da Muskeln Wärme produzieren, die sich im Körper verteilt. Männer verfügen durchschnittlich über 40 Prozent Muskelmasse, Frauen hingegen nur über etwa 32 Prozent. Ein weiterer Unterschied: Die männliche Haut ist durchschnittlich 20 Prozent dicker als die weibliche, wodurch Frauen mehr Körperwärme verlieren.
Dennoch bleibt das Kälteempfinden grundsätzlich subjektiv. Fachleute weisen darauf hin, dass neben den genannten Faktoren zahlreiche weitere Einflüsse existieren – darunter Müdigkeit, Hunger, Durchblutung, Körperfettanteil, Stresslevel und genetische Veranlagung.
Professor Siemens von der Universität Heidelberg dämpft jedoch überzogene Erwartungen an eindeutige Erklärungen. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärt er: „Wissenschaftlich lässt sich das nicht so leicht beantworten.“
„Testosteron zum Beispiel kann TRPM8 weniger empfindlich machen. Da müssen wir allerdings vorsichtig sein – wie groß dieser Effekt wirklich ist, ist noch nicht geklärt.“
Diese hormonelle Wirkung könnte jedoch erklären, warum Männer statistisch betrachtet weniger kälteempfindlich sind als Frauen.