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MORDFALL HADISHAT

Mordfall Hadischat: Doch Blutgeld anstatt Blutrache?

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Blutrache-Hadischat-Mordfall-Familie
(FOTOS: Screenshot, zVg.)

Die Familie der ermordeten Hadischat hat laut Berichten bei ihrer Beerdigung in Tschetschenien zu Blutrache aufgerufen. Schaikhi Musaitov, Obmann des Rates der Tschetschenen, glaubt jedoch nicht daran, dass es zu einer Vendetta kommen wird.

Im Interview für den „Kurier“ und „Profil“ erklärte Musaitov, dass die tschetschenische Community in Österreich noch immer schockiert sei. „Viele Eltern haben Angst um ihre Kinder und lassen sie nur in Begleitung zur Schule gehen. Auch wenn es jetzt etwas ruhiger geworden ist, ist immer noch eine große Anspannung unter unseren Landsleuten zu spüren“, so der Obmann weiter.

Schlechtes Image der Tschetschenen
Musaitov äußerte sich auch über den schlechten Ruf, den Tschetschenen in Österreich haben: „Es stimmt, wir haben ein schlechtes Image, das hat auch mit der medialen Berichterstattung zu tun, wo auch aus sehr kleinen Problemen große Schlagzeilen produziert werden.“ Allerdings gab er auch zu, dass es innerhalb der Gemeinschaft Versäumnisse gebe, die sich aber nicht von jenen, anderer Gruppen unterscheiden würden. Vielmehr sei es seiner Meinung nach das negative mediale Bild, dass nicht der Wahrheit entspreche, welches das Image der tschetschenischen Gemeinschaft in Österreich schädigen würde.

Der Rat der Tschetschenen in Österreich würde mit vielen Organisationen, sowie der Stadt Wien und der Landespolizei zusammenarbeiten, um integrative Maßnahmen zu verbessern und zu verstärken.

Aufruf zur Blutrache
Vor einigen Tagen ist ein Video vom Begräbnis der ermordeten Hadischat in Tschetschenien aufgetaucht, worin ein Familienmitglied zu Blutrache an der Täter-Familie aufruft. (KOSMO berichtete) Hierbei müsse man laut Musaitov beachten, dass dieses Video aus Tschetschenien stammt, was einen großen Unterschied mache: „Die Gemeinschaft in Österreich vertraut ganz klar dem Rechtsstaat, und ist auch überzeugt davon, dass hier ein faires Urteil fallen und dass der Täter mit der vollen Härte des Gesetzes bestraft wird. Das wird dann auch die Gemeinschaft zufriedenstellen und die Anspannung und Aggressivität abklingen lassen“, fügte er hinzu.

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Seiner Meinung nach gehöre solch eine Vendetta-Rhetorik nicht nach Österreich. Zudem ist er sich sicher, dass der Aufruf zur Blutrache hier keine Auswirkungen haben werde. Eine Erklärung für solche Worte sieht der Obmann im sozialen Umfeld der Gegend, in welcher das Begräbnis stattfand. Musaitov glaubt nicht, dass die Familie des Täters in unmittelbarer Gefahr schwebe: „Die Familie des Mädchens selbst hat erklärt, dass von ihr keine Gefahr ausgeht. Es dürfte sich nach alter Tradition – rein hypothetisch – auch nur die Familie des Opfers direkt am Täter oder Mittäter rächen. In 90 Prozent der Fälle wurde auch schon früher ein anderer Weg gefunden, zum Beispiel durch Blutgeld oder Vergebung. Wenn die Familie vergibt, darf kein anderer sich dagegen stellen. Noch über Generationen wird es Schande genug sein für die Familie, dass sie einen Mädchen-Mörder hervorgebracht hat“, erzählte der Obmann gegenüber „Profil“.

Vertrauen in Polizei und Rechtsstaat
Entgegen vorherrschenden Gerüchten würde die tschetschenische Community im Mordfall Hadishat der Polizei vertrauen und daran glauben, dass es zu einer kompletten Aufklärung des Falles kommen wird. Einzig die Tatsache, dass die Eltern von Robert K. so schnell entlastet wurden, sei für einige Mitglieder der Gemeinschaft nicht nachvollziehbar: „Viele Menschen glauben, dass sie zwar unmittelbar mit dem Mord nichts zu tun hatten, aber sehr wohl geholfen haben, die Leiche zu beseitigen.“ Diese Vorwürfe konnte die Polizei jedoch bisher nicht bestätigten, da keine Hinweise diesbezüglich existieren.

„Kein Rechtspluralismus“
Zudem wies der Obmann des Rates der Tschetschenen jeglichen Vorwurf bzw. Verdacht auf Scharia bzw. Schattenjustiz zurück. „Wir respektieren und achten natürlich das österreichische Recht, das steht außer Frage. Aber unsere Aufgabe und Funktion im Rat ist es, dass wir Menschen aufklären, was sie hier dürfen, und was nicht. Und dazu wenden wir unser Gewohnheitsrecht an“, erklärte Musaitov im Gespräch mit dem „Kurier“.

Zudem schloss er aus, dass innerhalb der tschetschenischen Gemeinde Recht, abseits des allgemeingültigen österreichischen, gesprochen wird und Straftaten innerhalb der Community, ohne Miteinbeziehen der hier zuständigen Justizbehörden, gelöst werden.