Keine Artikel gefunden
Versuche einen anderen Suchbegriff
Gesundheitsgefahr

Tödliche Likes? Warum Influencer-Gesundheitstipps junge Leben gefährden

Tödliche Likes? Warum Influencer-Gesundheitstipps junge Leben gefährden
Foto: iStock
3 Min. Lesezeit |

Zwischen Likes und Leichtgläubigkeit: Millionen junge Menschen vertrauen auf medizinische Tipps von Social-Media-Stars – mit gefährlichen Folgen für ihre Gesundheit.

Eine aktuelle Studie im renommierten British Medical Journal warnt eindringlich vor den Gesundheitsratschlägen von Social-Media-Influencern. Die Untersuchung, durchgeführt vom Management Center Innsbruck (MCI), zeigt gravierende Mängel bei Online-Gesundheitstipps auf. „Influencerinnen und Influencer sind für junge Menschen eine der wichtigsten Gesundheitsquellen, aber ihr Rat ist oft verzerrt, interessengeleitet oder schlicht falsch“, erklärt Hauptautor Raffael Heiss vom Center for Social & Health Innovation des MCI.

Der US-Kardiologe Eric Topol, einer der meistzitierten Mediziner weltweit, hat die Analyse besonders hervorgehoben und auf die problematischen medizinischen Ratschläge von Influencern hingewiesen – insbesondere auf deren mangelndes Fachwissen und finanzielle Interessenkonflikte.

Die Zahlen aus Österreich sind alarmierend: 83 Prozent der 15- bis 25-Jährigen nutzen bereits Gesundheitsinformationen von Influencern. Infolgedessen haben 31 Prozent dieser jungen Menschen Nahrungsergänzungsmittel erworben, 13 Prozent kauften Medikamente und elf Prozent medizinische Selbsttests.

Die Forschenden identifizierten vier Hauptprobleme bei den verbreiteten Gesundheitstipps: fehlende medizinische Fachkenntnisse, industrielle Einflussnahme, eigene Geschäftsinteressen und persönliche Überzeugungen der Influencer.

Prominente Beispiele

Besonders problematisch ist der Fall des US-amerikanischen Chiropraktikers „Dr. Eric Berg“, der mit 14 Millionen Followern eigene Nahrungsergänzungsmittel vertreibt. Seine empfohlenen Dosierungen überschreiten häufig deutlich die Empfehlungen wissenschaftlicher Fachgesellschaften. Wegen bedenklicher Inhaltsstoffe in seinen Produkten erhielt er bereits eine rechtliche Abmahnung.

Auch Kim Kardashian fällt negativ auf: Trotz fehlender medizinischer Qualifikation empfahl sie ihren 360 Millionen Instagram-Followern ein Ganzkörper-MRT-Screening – ein Verfahren ohne nachgewiesenen Nutzen, das zu Überdiagnosen, unnötigen Eingriffen und hohen Kosten führen kann.

Das Forschungsteam verweist auf mehrere Studien zur Unzuverlässigkeit von Influencer-Ratschlägen. Eine Untersuchung ergab, dass Beiträge über medizinische Heimtests überwiegend werblicher Natur waren: In 87 Prozent der Fälle wurden Vorteile betont, während nur 15 Prozent auf mögliche Risiken hinwiesen.

Eine weitere Studie über deutsche Influencer zeigte, dass etwa zwei Drittel der empfohlenen Nahrungsergänzungsmittel-Dosierungen die nationalen Sicherheitsrichtlinien überschritten und sieben Prozent sogar die Grenzwerte der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit.

Lösungsansätze

Die Gefahren werden durch sogenannte „parasoziale Beziehungen“ verstärkt – einseitige emotionale Bindungen der Nutzer zu den Influencern. „Ohne klare Regeln riskieren wir Fehlbehandlungen, unnötige Ausgaben und eine steigende Skepsis gegenüber evidenzbasierter Medizin“, warnt Heiss.

Selbst medizinische Qualifikationen schützen nicht vor irreführenden Ratschlägen, besonders wenn Influencer außerhalb ihres Fachgebiets sprechen oder pauschale Empfehlungen ohne Kenntnis individueller Krankengeschichten geben. Während der Corona-Pandemie bewarben sogar medizinisch ausgebildete Influencer unzureichend getestete Behandlungen wie hochdosierte Vitamin-D-Präparate und das Entwurmungsmittel Ivermectin.

Die Wissenschaftler erkennen durchaus positive Aspekte der Influencer-Arbeit an, etwa bei der Aufklärung medizinischer Mythen oder der Unterstützung von Menschen mit ähnlichen Erfahrungen. „Doch im derzeitigen Umfeld überwiegen die Risiken, da viele Nutzerinnen und Nutzer Werbung nicht erkennen oder falschen Empfehlungen vertrauen.“

Einzelmaßnahmen seien nur begrenzt wirksam – nötig sei vielmehr ein umfassendes Maßnahmenpaket, das Politik, Plattformen und Nutzer einbezieht. Auf EU-Ebene geschieht dies bereits durch den Digital Services Act, der große Plattformen verpflichtet, systemische Gesundheitsrisiken zu erkennen und zu reduzieren.

Auch nationale Regierungen können handeln, indem sie Influencern mehr redaktionelle Verantwortung auferlegen oder bestimmte Formen gesundheitsbezogener Werbung einschränken. Ebenso wichtig sei die Stärkung der Gesundheits- und Digitalkompetenz junger Menschen, damit diese Online-Gesundheitsratschläge kritischer bewerten können.

„Wir brauchen ein Update des Gesundheitsschutzes für das digitale Zeitalter“, fordert Heiss.

„Dafür sind eine bessere Regulierung und die gezielte Unterstützung der Nutzerinnen und Nutzer zentral.“

Unabhängiger Journalismus braucht Unterstützung

Guter Journalismus entsteht nicht nebenbei. Gründliche Recherche, sorgfältige Faktenprüfung und eine kritische Einordnung brauchen Zeit, Erfahrung und Ressourcen. Damit wir weiterhin unabhängig berichten können – frei von politischem oder wirtschaftlichem Einfluss – sind wir auf deine Unterstützung angewiesen.

Hilf mit, unabhängigen Journalismus zu sichern.
KO KOSMO-Redaktion
Teilen