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Geburtskliniken

Bosnien und Herzegowina: Traumatische Erfahrungen in Spitälern (Teil 1)

(Foto: iStock/globalmoments)

Eine Million Euro erhalten die Halbgötter in Weiß in Bosnien und Herzegowina jährlich, damit sie Geburten sicher
durchführen. Doch dort blüht die Korruption. Wir berichten über einige brisante Fälle aus den Geburtskliniken in
Bihać und Banja Luka
.

Jede Gebärende muss im Durchschnitt 70 Euro für Geschenke an das medizinische Personal hinblättern, um sich vor Traumata und inhumaner Behandlung durch das Personal, dem sie während der Geburt ihr eigenes Leben und das ihres Kindes anvertraut, zu schützen! Dieses Problem ist Bosnien und Herzegowina ein Tabu, von dem man im Prinzip weiß, aber kaum jemand offen spricht – vor allem aus Angst vor Vergeltung. Besonders beunruhigend ist an dieser Geschichte, dass die Verantwortung des medizinischen Personals für die während der Geburt entstandenen Traumata und selbst für die tragischen Ausgänge manch einer Geburt fast nie festgestellt wird. Und in noch weniger Fällen wird das Vergehen der Korruption festgestellt.

Ein Fall aus Bihać, einer Stadt im Nordwesten des Landes, hat das Interesse der Öffentlichkeit an den Bedingungen, unter denen Geburten in Bosnien und Herzegowina stattfinden, geweckt. In der Geburtenstation des Kantonskrankenhauses Dr. Irfan Ljubijankić trug sich in den frühen Morgenstunden des 17. März dieses Jahres eine Tragödie zu, über die alle Medien im Land und in der Region berichteten. Hinter den verschlossenen Türen des Kreißsaales verstarben unter noch ungeklärten Umständen die 25-jährige junge Mutter Azra Bećirspahić und ihr neugeborenes Baby Merjem.

Anel und Azra Bećirspahić


Obwohl sofort eine Untersuchung eingeleitet und eine Obduktion durchgeführt wurde, sind die Ergebnisse dieses Prozesses der Öffentlichkeit bis heute unbekannt. Was die Öffentlichkeit kennt, sind die Details, die die Familie bekanntgegeben hat. Im Entlassungsbrief stand, dass Azra bei der Geburt verblutet sei, aber die Gründe, aus denen es zu der Blutung kam, wurden nicht genannt. Anel Bećirspahić, der Vater der verstorbenen Merjem und Ehemann der verstorbenen Azra, sprach mit KOSMO über die Tragödie. Er hat uns auch Details aus dem Entlassungsbrief enthüllt, in dem steht, dass die Gebärende während der Geburt am 17. März um 00:20 Uhr über eine Schwäche im Brustkorb und Nebel vor den Augen geklagt habe. Es wird festgestellt, dass die Gebärende zehn Minuten später in einem noch schlechteren Zustand war: blass, von kaltem, klebrigen Schweiß bedeckt, desorientiert, aber unter Sauerstoffzufuhr ansprechbar und mit niedrigem Blutdruck, ohne Blutung an den Geschlechtsorganen.

(Foto: zVg.)

Die Ärzte überstellten die Gebärende in den Operationssaal, da sie eine Lungenembolie und einen Schwangerschaftsschock befürchteten. Es gelang ihnen schnell, die Plazenta zu Welt zu bringen, aber während sie auf eine Erholung der Schwangeren warteten, hörte ihr Herz um 1.37 Uhr auf, zu schlagen. Das war der Moment, in dem sie verstanden, was mit der Gebärenden geschah, erzählt uns Anel, der berichtet, dass Merjem zu diesem Zeitpunkt vollständig vernachlässigt wurde. Sie war während der Geburt bereits verstorben und war um 00:15 mit einer Vakuumpumpe aus der mütterlichen Gebärmutter geholt und anschließend sofort auf die Neonatologie verlegt worden, wo vergebens eine Reanimation versucht wurde. Erst um 2.20 Uhr begann die Entfernung der Milz bei der geschwächten Azra, die um 4.30 Uhr endete. Dann wurde die Gebärende in den Schockraum verlegt, in dem sie am 17. März um 7.21 Uhr starb.

Details noch unbekannt

Diese Details aus dem Entlassungsbrief sind von außerordentlicher Wichtigkeit, denn sie können einen Hinweis darauf geben, wie sich das medizinische Personal während der Geburt verhielt und wie seine Einstellung zu der Gebärenden im Allgemeinen war. Anel berichtet auch, dass sich die Informationen, die er von den Medizinern erhielt, entscheidend von denen unterschieden, die im Entlassungsbrief angeführt sind. „Als ich ins Krankenhaus kam, sagte mir niemand, wo sich meine Frau und mein Kind befanden, bis Dr. Sabahudin Komić kam. Er sagte mir dann, dass er beim Schichtwechsel erfahren habe, dass das Baby und die Mutter verstorben seien. Das war für mich das Ende der Welt. Nach diesem ersten Schock, den ich erlitten hatte, begann ich, Antworten und Verantwortliche zu suchen”, erinnert sich Anel an diesen schrecklichen Moment.

Stundenlang sprach er mit dem medizinischen Personal und gibt an, dass er sich an dessen Erklärungen sehr gut zu erinnere und dass diese mit dem Entlassungsbrief, in dem Details über eine operative Entfernung der Milz standen, nicht annähernd übereinstimmten. Darum forderte die Familie einen neuen Entlassungsbrief. Erst die durchgeführte Obduktion ergab, so Anel, dass es bei der Geburt zu einer Milzruptur gekommen war und dass auch der Tod des Babys auf die innere Blutung zurückzuführen war. Eine innere Blutung jedoch haben die Ärzte im Kantonskrankenhaus Bihać laut Amel nicht verzeichnet.

Immer mehr Zeugenaussagen über die Arroganz des medizinischen Personals

Über die Umstände, die zum tragischen Ausgang der Geburt geführt haben, wollte man uns im Kantonskrankenhaus Bihać nicht sprechen, sondern man verwies uns auf die zuständige Strafverfolgungsbehörde, die Staatsanwaltschaft des Una-Sana-Kantons, die uns auf unsere Anfrage keinerlei Antwort gab. Auch Anel erhielt keine Auskunft über den Verlauf der andauernden Untersuchung. Diese Geschichte löste in Bosnien und Herzegowina eine Lawine von Reaktionen aus, die jedoch nicht lange genug andauerte, um eine Reaktion zu erzwingen. In Bihać wurde aufgrund des Todes von Azra und Merjem am 26. März ein Protest abgehalten, an dem viele anonyme Berichte von Gebärenden verlesen wurden, die von arrogantem und unprofessionellem Verhalten des medizinischen Personals berichteten, das Geburten mit Gewalt erzwang und unterstützte, auf den Bauch der Schwangeren drückte, schimpfte und fluchte, um die Entbindung zu beschleunigen und die Arbeit möglichst schnell hinter sich zu bringen.

Oštra Nula aus Banja Luka

Einer der Organisatoren dieses Protests war die Bürgerinitiative Oštra Nula aus Banja Luka. Milica Pralica, die Vorsitzende dieser Vereinigung, erklärt, wie man sich im Jahre 2015 erstmals mit der Frage der reproduktiven Rechte von Frauen beschäftigte. „Neben verbaler und körperlicher Gewalt, der Frauen in den Geburtenstationen ausgesetzt sind, bestehen auch Korruption und schlechte hygienische Bedingungen: ungeeignete Toiletten und Duschen ohne warmes Wasser, voller Kakerlaken und anderen Insekten, Würmer im Essen und Mahlzeiten ohne genügend Nährstoffe. Eine Schwangere erhielt 17 Makkaroni mit Sauerrahm als Mahlzeit, blutige Bettwäsche, eine einzige Milchpumpe, die ohne Desinfektionsmittel von mehreren Frauen zum Abpumpen verwendet wurde, Fälle von Sepsis, da die Frauen keine Desinfektionsmittel für Wunden erhielten, weil diese vom Personal veruntreut worden waren, und Ähnliches“, sagt Pralica.

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