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GEBURTSKLINIKEN

Bosnien und Herzegowina: Traumatische Erfahrungen in Spitälern (Teil 2)

(Foto: iStock/EvgeniyShkolenko)

Eine Million Euro erhalten die Halbgötter in Weiß in Bosnien und Herzegowina jährlich, damit sie Geburten sicher durchführen. Doch dort blüht die Korruption. Wir berichten über einige brisante Fälle aus den Geburtskliniken in Bihać und Banja Luka.

Besonders negativ war die Erfahrung von Mirela Crnović aus Bihać. Sie verlor während einer Zwillingsschwangerschaft beide Babys: das erste gleich zu Beginn der Schwangerschaft und das zweite in der 10. Woche, als sie von Blutungen und starken Schmerzen geweckt wurde. Das Verhalten des medizinischen Personals, das sie aufnahm, ihr ein Beruhigungsmittel gab und sie in der Ambulanz mit der Erklärung warten ließ, dass es eh kein Baby mehr gab, beschreibt sie als unmenschlich. Unter konstanten Blutungen wartete sie mindestens eine Stunde. Sie wurde vom Personal ausgelacht, als sie um eine schmerzlindernde Injektion bat. Als sie in die Geburtenstation kam, versuchte sie, sich bei dem Arzt wegen der starken Blutungen zu entschuldigen, aber er antwortete nur: ‘Was ist? Los jetzt, ob du willst oder nicht.’
„Ich begann, vor Angst zu weinen, denn ich wusste nicht, was jetzt kommen würde. Ich erhielt keinerlei Medikamente, stieg auf den Tisch und erhielt eine Kürettage von einer Ärztin, die erst in der Spezialisation war. Ihr älterer Kollege lehnt an der Heizung, beobachtete alles und fragte mich, ob ich sähe, wie sehr ich blutete. In diesem Moment begann der Horror. Der Schmerz war unbeschreiblich. Auf mein Schreien und meine Bitte, aufzuhören, reagierte die Ärztin, die die Kürettage durchführte, mit der Frage, warum ich bis jetzt gewartet hätte. Als alles zu Ende war, brachten sie ein Bett auf Rollen, legten mich darauf und die Ärztin ordnete an, dass ich noch eine halbe Stunde bleiben und dann heimgehen sollte“, erinnert sich Mirela an den durchlebten Schrecken.

Ähnliche Zeugnisse in anderen Städten


Im Gegensatz zu ihr schrieb Jovana Kisin Zagajac aus Banja Luka eine Beschwerde an das Universitätsklinikum der Republika Srpska in dem sie ihr Kind zur Welt gebracht hatte. Sie forderte eine Haftung des Arztes und des medizinischen Personals, aber diese stritten alles ab und beschrieben, so berichtet sie, in ihrer Antwort einen Verlauf, der nicht der Wahrheit entsprach. Das wurde aber sowohl von dem Arzt als auch von der Hebamme bestätigt. Diese Frau, Juristin aus Banjaluka, hatte bei der Geburt niemanden an ihrer Seite. Deswegen einen Prozess anzustrengen, wäre sinnlos gewesen, denn sie hatte keine Zeugen, die das Trauma, das sie erlebt hat, bestätigen könnten. Die Probleme begannen für Jovana sofort bei der Ankunft in der Geburtenstation. Die Schwangerschaft war in einer privaten Gesundheitseinrichtung ordnungsgemäß begleitet worden und Jovana hatte während der Schwangerschaft einen Geburtsvorbereitungskurs besucht, um ihren Vuk möglichst schmerzfrei zur Welt zu bringen. „Schon bei der Ankunft in der Aufnahme war der Arzt, der mich untersuchte, sehr grob. Ich hatte bei einer einfachen Untersuchung nicht mit so intensiven Schmerzen gerechnet, daher zuckte ich unwillkürlich zusammen, woraufhin er begann, mich anzuschreien, und sagte, ich dürfe mich nicht bewegen. Dann verweigerten sie mir meine Bitte um einen Kreuzstich, obwohl ich das zuvor mit dem Anästhesisten vereinbart hatte, und es folgte eine unangenehme Erklärung, dass ein Kreuzstich nichts tauge, dass ich gelähmt werden könnte, dass der Kreuztisch die Geburt verlängere und dass ich ihn überhaupt nicht brauche. Ich wollte jedoch von meiner Bitte nicht ablassen und nahm daher mein Telefon und rief selber den Anästhesisten an. Neue Schwierigkeiten traten auf, als das Baby sich entschied, herauszukommen. Das medizinische Personal ignorierte mehrere Bitten um eine Untersuchung.

Foto: (iStock/Motortion)

Ohne Erlaubnis der ­Mutter


„Ich erinnere mich, dass einmal der Arzt hereinkam, mich untersuchte und die Hebamme anschrie, warum sie ihn nicht früher gerufen habe, denn ich sei schon längst zur Geburt bereit. Statt mir zu sagen, ich sollte drücken und pressen, forderte er eine Schere. Ich wusste, dass das bedeutete, er wollte einen Dammschnitt durchführen, und ich war überrascht, warum er sich zu diesem Schritt entschloss, bevor ich überhaupt versucht hatte, das Baby auf natürlichem Wege hinauszupressen. Ich bat ihn sehr höflich, ohne Panik und erhobene Stimme, es ohne Dammschnitt zu versuchen, weil das Baby ganz klein war und weil ich bereit war auch ohne Schnitt zu pressen, aber seine Antwort war: ‘Ich habe keine Zeit, auf dich zu warten, ich habe es eilig…’ Sie führten den Dammschnitt trotz meines ausdrücklichen Widerspruchs durch. Niemand hatte mein Einverständnis eingeholt. Ein Arzt benötigt für jeden Eingriff ein Einverständnis des Patienten. Ich fühlte mich ohnmächtig und war wütend”, erinnert sich Jovana. „Fräulein, es muss ein bisschen wehtun”, sagte der Arzt, der beim Nähen keinen Anschluss des Kreuzstichs erlaubte, sodass Jovana jeden Stich der Nadel durch das Fleisch, den Muskel und die Hautschichten spürte. Zwei Monate lang konnte anschließend nicht sitzen und nicht auf der linken Seite liegen, sodass sie auch noch eine Entzündung der linken Brust bekam, mit der sie das Baby nicht stillen konnte.

Unhygienische Bedingungen


Die Situation in der Geburtenstation bewertet sie als katastrophal und führt zum Beleg das blutige Bett, in dem die Gebärende liegt, die zerrissene Bettdecke, aus der die Federn quellen, das Fehlen von Seife, Handtüchern und Einlagen und eine rostige Duschkabine an. Sie hatte, so beteuert sie, keinerlei Desinfektionsmittel für ihre Wunden. Eine Infektion verhinderte sie, so berichtet sie, indem sie ihren Ehemann bat, mit ihren persönlichen Dingen, die er ins Krankhaus brachte, auch ein Desinfektionsmittel hineinzuschmuggeln. Auch ihr Vuk bekam in der öffentlichen Gesundheitseinrichtung nach der Geburt eine bakterielle Infektion, mit der viele Säuglinge gleich nach der Geburt kämpfen. Die Ernährung war schlecht, aber sie ließ keine Mahlzeit aus, auch wenn sie aus einem Eckchen Fetakäse, einem gekochten Ei und zwei Scheiben Wurst bestand, die ohne Besteck oder nur mit einem Messer serviert wurden. Die Bedingungen in der Geburtsklinik in Banja Luka kritisiert auch Sanela Tuckešić. Auch sie durchlebte während der Entbindung im Jänner dieses Jahres ein Trauma.

Foto: zVg.

Stundenlange Wartezeiten sind normal


Den Verlauf der Schwangerschaft beschreibt sie als perfekt und begleitet von regelmäßigen Untersuchungen. Die Probleme begannen jedoch im achten Monat, als sie die Ärztin, die die Schwangerschaft begleitet hatte, nicht erreichen konnte. Ihre Abwesenheit wurde mit einem Urlaub erklärt, aber auch damit, dass sie Corona-Patienten betreute. Dann folgte eine D-Dimer-Untersuchung. Zu dieser Untersuchung kommen, so Sanela, alle Schwangeren aus der Republika Srpska. Darum wartete sie stundenlang im Stehen auf diese Untersuchung. Trotz dieser Erfahrung und traumatischer Erfahrungen ihrer Bekannten erwartete Sanela die Geburt ohne Angst. „Um 21.30 Uhr kam ich in den Kreißsaal, man gab mir eine Induktion, aber nichts passierte. Ich spazierte herum, saß auf einem Ball, machte die Übungen, die man mir zeigte, und bat um 3.30 Uhr um einen Kreuzstich, der natürlich 75 Euro kostete. Unter diesen Schmerzen muss man eine Einverständniserklärung unterschreiben, aber ich musste sie gleich zweimal unterzeichnen, denn meine Handschrift war beim ersten Mal nicht lesbar. Bis 5.30 Uhr war ich erst 4 cm offen. Ich fühlte mich sehr schwach und dann kamen Ärzte und ich hörte sie darüber sprechen, dass der Herzschlag des Babys schwächer wurde. Um 6.30 sagte ich ihnen, dass ich ohnmächtig würde und dann erwachte ich in einem Raum voller Menschen und verstand, dass man einen Kaiserschnitt gemacht hatte“, erinnert sich Sanela. Vom medizinischen Personal erfuhr sie, dass es dem Baby gut ging, dieses aber auf der Intensivstation sei, wohin man auch sie verlegen würde.
Unsere Anfrage zu den Bedingungen in der Geburtenstation des Universitätsklinikums der Republika Srpska wurde nie beantwortet, obwohl uns in einem Telefongespräch mündlich eine Antwort zugesichert worden war.

„Niemandes Gebärende”


Hadija Karabašić Mustafić, geboren in Cazin, einer kleinen Gemeinde in der Föderation von Bosnien und Herzegowina, spricht ganz offen über ihre Erfahrungen. Das Leben verschlug sie nach Bihać. Sie ist Mutter von drei Söhnen und alle drei Schwangerschaften sind, wie sie berichtet, bestens verlaufen und wurden von monatlichen Untersuchungen begleitet. Die dritte Schwangerschaft wurde in der öffentlichen Gesundheitseinrichtung, die sie für alle drei Geburten ausgewählt hatte, betreut. Aufgrund der Erfahrungen mit dem lokalen Krankenhaus entschied sie sich, jedes Mal erst ins Krankenhaus zu gehen, wenn die Wehen einsetzten, denn sie wollte um keinen Preis mehr Zeit als nötig in dem Krankenhaus verbringen. „Ich glaube, dass es nur sehr wenige Frauen gibt, die sagen würden, dass sie sich sicher und geborgen gefühlt haben. Das sind meistens Frauen, die sich absichern, indem sie das Personal bezahlen oder indem sie einfach jemanden kennen”, sagt Hadija. Aufgrund dieser Einschätzung beschreibt sie das Phänomen „niemandes Gebärende”, das in Bosnien und Herzegowina auftritt und eine Gebärende beschreibt, die die Ärzte nicht ernst nehmen und mit der niemand menschlich umgeht, weil niemand sich für sie eingesetzt hat und für ihre sichere Entbindung etwas extra gezahlt hat. Weil sie „niemandes Gebärende” war, erfuhr Hadija ein ernsthaftes Trauma, das emotionalen, aber auch physischen und psychischen Stress umfasste. „Sie lassen dich stundenlang im Zimmer oder auf dem Tisch leiden. Beim letzten Baby habe ich vier Stunden in schrecklichen Wehen gelegen. Ich habe in das Bettgeländer gebissen, so hat es geschmerzt. Ich habe den Doktor gebeten, dass ich aufstehen und gehen darf. Er antwortete mir nur: ‘Jetzt kommt’s.’ Mein letzter Sohn fing nicht rechtzeitig zu atmen an und wurde mit einer Vakuumglocke geboren“, erinnert sich Hadija an die schmerzhafte Erfahrung, wie sie in diesem Moment in Tränen ausbrach und das medizinische Personal bat, ihr zu sagen, was mit dem Baby geschah. „Ein Arzt sagte: ‘Warum fragst du nach dem Kind? Warum hast du nicht gepresst, als es Zeit war?’ Die ganze Zeit während der Geburt schrien sie mich an”, erzählt Hadija und beschreibt die allgemeinen Bedingungen auf der Geburtenstation als ziemlich schlecht. In Hadijas Entlassungsbrief stand, dass sie während der Geburt nicht kooperieren wollte. Weil das medizinische Personal sich immer abgrenzt, sagt sie, weiß niemand, was mit den Hunderten Babys geschehen ist, die während der Geburt verstorben sind, oder mit den Babys, die nach der Geburt Behinderungen und/oder Entwicklungsstörungen aufwiesen.

In den vergangenen zehn Jahren gibt es in Bosnien-Herzegowina, fast keine Anzeigen gegen Geburtskliniken. Daten über die Korruption sammelt die Vereinigung „BABY STEPS” in Sarajevo. Sie berichtet von zwei getrennt voneinander durchgeführten Befragungen. An der ersten nahmen sowohl Gebärende als auch medizinisches Personal teil. Insgesamt wurden 2.713 Personen befragt und die Ergebnisse zeigten, dass Bestechung in den Geburtsabteilungen eine normale Erscheinung ist. „Ein enormes Problem ist auch, wie Korruption wahrgenommen wird, d.h. die Tatsache, dass weder die meisten Gebärenden noch das medizinische Personal die ‘kleinen Geschenke’ als Bestechung ansehen. Diese falsche Wahrnehmung ist bei medizinischem Personal, dass das Geschenke der Dankbarkeit von den Patienten annimmt, besonders verbreitet. Viele denken, sie hätten sogar ein Anrecht darauf, was die ganze Situation gefährlich macht. Damit rechtfertigen sie für sich eine Straftat, und das Gesundheitssystem, in dem es keine keine Untersuchungen und keine Sanktionen für die Verantwortlichen gibt”, so Amila.

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