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Der Holocaust am Balkan: Erinnert wird sich kaum

FOTO: zVg.

Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebten zwischen 1,4 und 1,8 Millionen Juden am Balkan. Bis zu einer Million verloren während des Holocausts ihr Leben. Eine Erinnerungskultur sucht man vergebens.

Das Schicksal der jüdischen Gemeinde in den Balkanstaaten variiert stark von Ort zu Ort und oft auch von Jahr zu Jahr. Egal ob in Bulgarien, Griechenland, Jugoslawien, oder Rumänien – überall am Balkan wurden sie verfolgt und ermordet. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebten in Jugoslawien rund 82.500 Juden. Weniger als 20 Prozent überlebten die Gräueltaten der Nationalsozialisten und ihrer Verbündeten. Im Jahr 1941 kam es zu einer Aufteilung des Königreichs Jugoslawien. Sowohl Ungarn, Italien, Nazi-Deutschland, Bulgarien als auch der Unabhängige Staat Kroatien besetzten große Teile des Landes.

Konzentrationslager in Jugoslawien
In den darauffolgenden Kriegsjahren entstanden auf dem Territorium des Königreiches Jugoslawien unzählige Konzentrations- und Vernichtungslager, in welchen Juden, Roma, Serben, Kroaten und Regimegegner gefoltert und ermordet wurden. Das erste Lager in Jugoslawien nach deutschem bzw. italienischem Vorbild wurde von deutschen Streitkräfte 1935 in Višegrad errichtet. Später kam es zu weiteren KZ-Gründungen durch Vertreter des Unabhängigen Staates Kroatien (NDH – Nezavisna Država Hrvatska) und des Militärverwaltungsgebiets Serbien (auch Nedićs Serbien/Nedićeva Srbija, nach dessen Anführer Milan Nedić, genannt).

(FOTO: Wikimedia Commons/PANONIAN)

Auf dem Gebiet von Nedićs Serbien wurden etwa 100.000 Gefangene im Lager Banjica (in Belgrad) untergebracht, wovon 80.000 Menschen wurden. Banjica wurde von Nedićs Spezialpolizei verwaltet, während die oberste Aufsicht in den Händen der deutschen Gestapo lag. Die deutsche Gestapo errichtete zudem das Lager Staro Sajmište/Altes Messegelände in Belgrad, in dem etwa 40.000 Menschen (hauptsächlich Juden) getötet wurden.

Jasenovac wird oft als eines der brutalsten Nazi-Lager in ganz Europa bezeichnet. Es wurde im Sommer 1941 von Vertretern des Unabhängigen Staates Kroatien gegründet, als Serben, Roma, Juden und Kroaten aus diesen Teilen Jugoslawiens eingeliefert und auf sehr brutale Weise gefoltert wurden. Am 22. April 1945 wurde das KZ gemeinsam mit den Lagerbaracken verbrannt; in den Tagen danach wurde das Lager aufgelöst.

Gedenken sucht man oft vergebens
An die Gräueltaten in Belgrad erinnert heute nur ein Denkmal am alten Messegelände, das aus dem öffentlichen Gedächtnis so gut wie verschwunden ist. Es gibt zwar jährliche Kranzniederlegungen, welche allerdings nur wenig öffentliches Interesse erfahren. Dieses Schicksal ereignete jedoch nicht nur dieses Mahnmal in der serbischen Hauptstadt, sondern auch viele andere in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens. Gleichzeitig sucht man an anderen Orten vergebens nach Gedenktafeln oder ähnlichen.

Eine der Ausnahmen stellt das Holocaust-Denkmal am Kai von Novi Sad (Vojvodina) dar. Das Mahnmal „Porodica“ (Familie) ist eines der wenigen, das erhalten geblieben ist und an welchem regelmäßig Gedenkfeiern abgehalten werden. An anderen Orten des Holocaust-Terrors stehen in Serbien heute Einkaufszentren oder andere Gebäude, ohne jegliche Erinnerung an die Pogrome.

Das Denkmal “Porodica” (Familie) in Novi Sad (links) und die “Steinerne Blume” in Jasenovac (rechts) [FOTOS: Wikimedia Commons/Bern Bartsch , zvg.)

Die wohl größte Holocaust-Gedenkstätte im ehemaligen Jugoslawien ist jene für die Opfer des Vernichtungslagers in Jasenovac. Dort steht seit 1966 eine 25 Meter hohe „steinerne Blume“. Am Eingang der Anlage befindet sich auch ein Museum und Archiv, welches 1968 eröffnet wurde. Ganz ohne Kontroversen ist dieser Ort jedoch auch nicht.

Immer versuchen Veteranen oder Anhängern der kroatischen Verteidigungskräfte (Hrvatska obrambene snage – HOS), einer paramilitärischen Kriegstruppe während des Jugoslawienkriegs in den 90er-Jahren, Jasenovac als Ort zu vereinnahmen. So wurde etwa im November 2017 eine Gedenktafel für die Mitglieder der HOS in Jasenovac enthüllt, auf welcher „Za dom – spremni!“ (Für die Heimat – Bereit!) zu lesen war. Unter dieser Parole wurden jedoch während des Zweiten Weltkrieges unter dem NDH-Regime zigtausende Juden, Roma und Serben ermordet. Während der Jugoslawienkriege wurde dieser Schlachtruf rehabilitiert.

Antifaschismus überdeckt Holocaust
Immer wieder kritisieren jüdische Organisationen am Balkan die fehlende Erinnerungskultur bezüglich des Holocausts. Sie basiert bis heute auf dem starken Kurs des ehemaligen Partisanenführers und späteren jugoslawischen Staatsoberhauptes Josip Broz Tito. Um sein Ziel der „Brüderlichkeit und Einigkeit“ aller Völker im Staat zu erreichen, war er bereit, einen großen Preis zu zahlen.

Ein Teil davon war die landesweite Negierung der aktiven Teilhabe einiger Teile Jugoslawiens, an den Gräueltaten der Nazis während des Zweiten Weltkrieges. Der Antifaschismus und die Partisanen-Ideologie standen über allem. Somit wurden alle Jugoslawen quasi über Nacht zu Antifaschisten und Kollaboration mit dem Nazi-Regime aus der eigenen Geschichte gestrichen.

Dies hat(te) jedoch fatale Folgen. Die fehlende Aufarbeitung der Geschichte bot den Nationalisten in den 90er-Jahren nicht nur einen ausgezeichneten Nährboden, um ihre ethno-nationalistischen Ziele durchzusetzen, sondern führte auch dazu, das Holocaust-Überlebende und deren Nachfolger in Vergessenheit gerieten. Eine Erinnerung und ein Bewusstsein für die eigene Geschichte während der Shoah ist jedoch nicht nur für die Hinterbliebenen und Angehörige der jüdischen Glaubensgemeinschaft oder anderer Religions- und Volksgruppen wichtig, sondern für uns alle. Die Erinnerung muss im kollektiven Gedächtnis verankert werden, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Nur so können wir verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt.

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Der gebürtige Wiener hatte seine ersten Berührungspunkte mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien bereits im Teenageralter. Ihre Sprache faszinierte ihn sehr schnell und die Liebe zum Balkan führte ihn bis zum Abschluss des Studiums der Slawistik (B/K/S). Heute ist er ein hervorragender Kenner der Balkangeschichte, der südslawischen Sprachen sowie der kleinsten kulturellen Nuancen der bosnischen, kroatischen und serbischen Dialekte. Mit einem kritischen Blick auf dem Balkan, schreibt er seine Texte aus einer besonderen, transslawischen, internationalen Perspektive, und seine Kritik lässt niemanden unberührt.