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„Jeder Mensch, der in Österreich stirbt, ist Organspender“

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EUROTRANSPLANT. Die Organisation wurde 1967 in Holland gegründet und vernetzt heute acht europäische Länder mit 134 Millionen Einwohnern, die potentielle Organempfänger, aber auch Organspender sind. Die Statistik zeigt, dass die Chancen, im Laufe des Lebens ein Organ zu benötigen, zwanzigmal höher sind, als die, eines zu spenden.

Eurotransplant ist eine internationale Non-Profit-Organisation, unter deren Dach sich acht Mitgliedsländer vereinigt haben: Österreich, Kroatien, Deutschland, Ungarn, Luxemburg, Holland, Slowenien und Belgien. Es ist ein geniales Projekt, das vielen kranken Menschen Rettung bietet. Prinzipiell stehen die Türen für eine Erweiterung offen, aber die Infrastrukturen aller Mitgliedsländer müssen den geltenden Standards entsprechen. Eurotransplant hat ein gemeinsames Computersystem, in das viele Details wie Gewebetypen und virologische Befunde eingegeben werden, denn es darf nicht passieren, dass Organe transplantiert werden, die für den Empfänger nicht geeignet sind. Das zentrale System erstellt eine sogenannte „Match list“ (eine Kompatibilitätsliste) und verbindet so potentielle Spender und Empfänger von Organen. Auf diese Wiese werden Organtransplantationen zeitgerecht durchgeführt und die Zahl der geretteten Leben steigt. Eurotransplant hat klar definierte Richtlinien, die den Patienten Sicherheit garantieren. Darum ist die Erreichung der Vollmitgliedschaft für neu Beitretende ein mehrjähriger Prozess.

Transplantationen
Für Patienten, die unter schweren Erkrankungen oder dem unwiderruflichen Versagen einzelner Organe leiden, ist eine Transplantation die einzige Chance auf Rettung. Seit Jahren ist das eine breit akzeptierte Behandlungsmethode, die in allen größeren medizinischen Zentren durchgeführt wird.

Eine Transplantation beruht auf dem Erhalt eines Organs oder Gewebes von lebenden oder verstorbenen Spendern. Im Falle, dass es sich um einen lebenden Spender handelt, was nur getan wird, wenn keine andere Möglichkeit zur Heilung eines Patienten besteht, nehmen die Ärzte detaillierte Untersuchungen vor, wie sehr der Gesundheitszustand des Organempfängers durch die Transplantation verbessert wird und wie hoch das Risiko der Organspende für die Gesundheit des Spenders ist. Von einem lebenden Spender kann eine Niere, ein Teil der Leber oder Knochenmark transplantiert werden.

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VOR DEM SIEG! Am Institut DTZ in Berlin werden im Kampf gegen die teuflische Krankheit außerordentliche Resultate erzielt. Zu dem Team herausragender Experten gehört auch Dr. Zoran Šiljić, ein Kind des Balkans. Er spricht exklusiv mit KOSMO.

Die Transplantationsmedizin beruht in den allermeisten Fällen auf einer Organspende durch verstorbene Spender, d.h. von Menschen, die im Zustand des Hirntods sind und bei denen absolut keine Chance besteht, sie ins Leben zurückzuholen. Heute werden fast routinemäßig Transplantationen von Herzen, Lungen, Lebern, Nieren, Bauchspeicheldrüsen oder Därmen durchgeführt. Daneben werden auch Gewebe transplantiert: Hornhaut, Herzklappen, Haut, Blutgefäße, Knochen, Knorpel und Weichgewebe aus Bauchspeicheldrüse und Leber. Gewebe muss nicht wie Organe direkt transplantiert werden, sondern kann konserviert werden, bis es von einem entsprechenden Empfänger benötigt wird.

Alter und Gesundheit der Spender
Es gibt keine feste Altersgrenze für Organ- und Gewebespender, denn entscheidend ist nicht das kalendarische, sondern das biologische Alter. Wenn man davon ausgeht, dass sie für eine Transplantation geeignet sind, werden Organe und Gewebe medizinisch untersucht, und wenn sie den Test nicht bestehen, werden sie nicht verwendet. Allgemein gesagt sind die Organe jünger Postmortem-Spender für eine Transplantation hochwertiger, aber eine funktionierende Niere eines 70-jährigen Spenders wird einem dialysierten Patienten sicher auch ein normales Leben ermöglichen.

Was die Gesundheit eines verstorbenen Rauchers betrifft, sind die Chancen groß, dass seine Lungenfunktion eingeschränkt ist und dass die Lunge nicht transplantiert werden kann. Das bedeutet allerdings nicht, dass Herz, Leber und Nieren nicht gesund sind und nicht jemandem das Leben retten können. Derzeit ist die Entnahme von Organen von Personen ausgeschlossen, die an einer akuten Form von Krebs gelitten haben oder HIV-positiv sind. Die Organe von Diabetikern werden gründlich untersucht, um Komplikationen zu vermeiden. Drogenabhängige sind keine geeigneten Spender und schwer Herz- oder Nierenkranke sind bei postmortalen Transplantationen ebenfalls risikoreiche Organspender.

Das HERZ – eine Transplantation, die Rettung bringt!
In vielen Kulturen wird das Herz mit den Gefühlen assoziiert und man sagt: „Ich liebe dich aus vollem Herzen.“, aber nicht: „Ich liebe dich aus voller Leber.“ Vielleicht gibt das dem Herzen seine besondere Bedeutung, wenngleich auch die Nieren sehr wichtig sind und man in einigen Kulturen glaubt, dass darin die Seele wohnt. Die Seele steckt jedoch auch nicht im Herzen, denn dieses kann transplantiert werden, ohne dass die Seele in dem Paket mitkommt. Jedes Organ im menschlichen Körper ist für ein normales Leben unverzichtbar, lediglich von unseren zwei Nieren ist eine zum Leben ausreichend, während wir nur ein Herz haben. Am 3. Dezember 2017 jährt sich die erste Herztransplantation zum 50. Mal. Sie wurde von Dr. Christian Barnard in der Republik Südafrika durchgeführt.

Über die Herztransplantation, die Risiken, die diese Operation mit sich bringt, und die Vorteile für die Patienten spricht Univ. Prof. Dr. Andreas Zuckermann, Leiter des Teams für Herztransplantationen in der Universitätsklinik AKH in Wien, mit KOSMO. Professor Zuckermann gehört weltweit zu den anerkanntesten Experten seines Gebiets und ist auch auf dem Balkan sehr bekannt, wo er intensiv mit den Kollegen zusammenarbeitet. Vielen Patienten aus unserer Region hat er ein neues Herz eingesetzt und ihnen ermöglicht, zu leben.

FOTO: Radule Bozinovic
FOTO: Radule Bozinovic

Ist die Herztransplantation der schwierigste chirurgische Eingriff?
„Unter dem Aspekt der chirurgischen Technik ist es eine einfache Operation. Eine Transplantation der Leber ist viel komplizierter, selbst eine Bypass-Operation am Herzen ist schwerer, denn da geht es um winzige Blutgefäße. Eine Herztransplantation wird dadurch so dramatisch, dass das Herz ein Muskel ist, der besonders viel Sauerstoff braucht und nur vier Stunden außerhalb des Körpers überleben kann. Nach Ablauf dieser Zeit wächst die Gefahr für das Organ, und darum darf man in diesem Rennen keine Minute verlieren. Im Krankenhaus des Spenders wird das Herz unter einer genau definierten kalten Temperatur steril verpackt und eilig transportiert, egal, ob der Transport von einem Operationssaal in den nächsten, aus einem Krankenhaus in das nächste oder aus einem Eurotransplant-Zentrum bzw. einem Staat in einen anderen erfolgt. Mit einem Flugzeug, das immer einsatzbereit ist, wird das Herz dorthin gebracht, wo es in dem Moment am nötigsten gebraucht wird.“

Das setzt voraus, dass der Empfänger des Herzens vorbereitet ist, oder nicht?
„Dieser Teil läuft gleichzeitig mit dem schon beschriebenen ab. In einzelnen Fällen wissen wir im Voraus, dass jemand ein potentieller Organspender sein könnte. Dann wird der Patient von zu Hause oder aus dem Krankenhaus geholt und ein Team von Anästhesisten und Chirurgen bereitet ihn auf die Operation vor. Ein anderes Team untersucht das Herz, damit wir sicher sein können, dass es hochwertig und gesund ist, und erst, wenn wir von denen die positive Antwort bekommen, wird das Organ weitergegeben. Dann beginnt die Operation bzw. die Entnahme des kranken und die Einsetzung des gesunden Herzens in den Körper des Patienten. Alle genannten Phasen des Eingriffs sind dramatisch, aber unsere Teams, in denen junge und bestens ausgebildete Ärzte arbeiten, koordinieren alles perfekt miteinander und gewinnen den Wettlauf mit der Zeit. Bei dieser Operation ist der neuralgische Punkt die Zeit, denn Nieren können z.B. 24 Stunden außerhalb des Körpers sein, Lebern und Lungen aber nur acht Stunden. Darum ist der Zeitfaktor das größte Problem bei der Herztransplantation, denn jede Minute zählt. Früher war das der häufigste Grund, aus dem diese Operationen tödlich verlaufen sind.“

Wie sind die Prognosen für einen Patienten mit einem neuen Herzen?
„Damit wir uns richtig verstehen: Eine Transplantation ist keine Heilung. Wir ersetzen eine schwere Herzerkrankung, eine schlechte Lebensqualität, in der der Patient nicht genug Luft hat, um fünfzig Meter zu gehen, und eine kurze Lebenserwartung, die in 80 % der Fälle unter fünf Jahren liegt, durch eine gute Lebensqualität. Der Mensch kann alle körperlichen Belastungen auf sich nehmen und hat große Chancen auf ein langes Leben. Ca. 70 % unserer Patienten leben zehn Jahre oder länger, und drei Wiener leben schon 30 Jahre mit einem neuen Herzen, dabei wurden sie noch in einer anderen Zeit operiert. Die Lebenserwartung von Transplantationspatienten wird immer länger. Vor allem junge Menschen haben hervorragende Prognosen, denn ihre Organe sind gesünder als bei Personen im Alter von, sagen wir, 65 Jahren. D.h. die Transplantation ist nur der Anfang einer Reise in die Gesundheit, denn der Patient muss ein Leben lang unter ärztlicher Kontrolle stehen und Medikamente nehmen.“

Was heißt lebenslange ärztliche Kontrolle für den Patienten?
„Der Patient muss zwei- bis viermal jährlich gründlich ambulant untersucht werden: Blutabnahme, Lungenröntgen, Herzultraschall, ein Gespräch mit dem Arzt, der die kardiologischen und kardio-chirurgischen Untersuchungen durchführt, sowie auch spezifische Untersuchungen für den jeweiligen transplantierten Patienten. Das sind Überprüfungen eventueller Infektionen, Nierenerkrankungen oder möglicher Reaktionen, die zu einer Abstoßung des Organs führen könnten, die sofort erkannt und therapiert werden müssen. Wenn so etwas passieren würde, hätte der Patient enorme Probleme, aber wir sind dafür da, das zu erkennen und zu verhindern.“

Sie helfen Kollegen und Patienten auf dem Balkan viel. Wie sieht das alles für Sie aus?
„Menschen, die von dort stammen, aber in Österreich leben und hier versichert sind, werden genauso behandelt wie österreichische Patienten. Wenn es allerdings um Patienten vom Balkan geht, haben wir einige Transplantationen aus humanitären Gründen vorgenommen. In solchen Fällen, vor allem, wenn es sich um minderjährige Patienten handelt, müssen wir mit dem zuständigen Ministerium koordinieren. Das Problem mit den Balkanländern ist die ungenügend ausgebaute Infrastruktur bei der Versorgung des Patienten nach der Operation. Wir hatten Patienten aus beiden Entitäten von Bosnien-Herzegowina, aber ich muss die Kollegen in Banja Luka loben. Ein dortiger Kardiologe war bei uns zur Ausbildung, damit er sich erfolgreich um die Patienten kümmern kann, und er ist in ständigem Kontakt mit uns. Mit einer Kinderklinik in Belgrad haben wir ebenfalls eine gute Zusammenarbeit.“

Haben alle Mitgliedsländer von Eurotransplant dieselben Transplantationsgesetze?
„Nein. Jedes Land hat das Recht auf sein eigenes Gesetz und in der EU gibt es keine Richtlinien für eine Vereinheitlichung der Vorschriften. Das hat direkte Auswirkungen auf die Zahl der Transplantationen. Wir haben in Österreich folgende Lösung gefunden: Jeder Mensch, der in Österreich stirbt, selbst wenn er Tourist war, ist ein potentieller Organspender. Eine Ausnahme bilden Personen, die zu Lebzeiten unterschrieben haben, dass sie das ablehnen, und die in ein Register eingetragen sind, was das Krankenhaus beim Eintritt des Todes unbedingt überprüfen muss. Theoretisch müssen bei minderjährigen Personen die Eltern um Einwilligung gebeten werden. Prinzipiell ist dem Gesetz nach jeder Mensch ein Organspender, egal, wie alt er ist. In Deutschland ist es zum Beispiel genau umgekehrt: Menschen erklären sich einzeln dazu bereit und müssen einen Spenderausweis bei sich tragen.“