Von der Türkenbelagerung zum zweiten Wohnzimmer: Die Wiener Kaffeehauskultur blickt auf 330 Jahre Geschichte zurück und bleibt für hunderttausende Stadtbewohner unverzichtbar.
Seit mehr als 330 Jahren prägt der Kaffee die österreichische Kulturlandschaft – eine Tradition, die ihren Ursprung in der Türkenbelagerung Wiens 1683 findet. Die zurückgelassenen Kaffeebohnen weckten rasch das Interesse der Wiener Bevölkerung, was bereits 1685 zur Eröffnung des ersten Kaffeehauses führte. Der Armenier Johannes Deodat (Diodato) eröffnete das erste Etablissement am Haarmarkt in der heutigen Rotenturmstraße – die oft kolportierte Legende um Kolschitzky als Gründer gilt als widerlegt. Die Entwicklung nahm beeindruckende Ausmaße an: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts standen Kaffeeliebhabern etwa 90 Etablissements zur Auswahl, um 1900 waren es bereits 1.200. Heute verzeichnet die Statistik rund 1.500 Betriebskonzessionen mit 1.900 Standorten, darunter 870 klassische Kaffeehäuser, 580 Kaffee-Restaurants, 345 Espressi bzw. Stehcafés und 160 Kaffee-Konditoreien.
Für die Wienerinnen und Wiener gehört der morgendliche Kaffee zum unverzichtbaren Ritual – nicht nur am 1. Oktober, dem offiziellen Tag des Kaffees. Diesen begehen die Wiener Cafétiers heuer mit einer speziellen Goodie-Bag-Aktion an verschiedenen Standorten, um den Stadtbewohnern den Tagesbeginn zu versüßen. Im Mittelpunkt steht diesmal eine besondere Kaffeespezialität: Obwohl in Wiener Kaffeehäusern über 40 verschiedene Zubereitungsarten angeboten werden, nimmt die Wiener Melange eine Sonderstellung ein. Diese Tradition reicht weit zurück – bereits 1803 findet sich in der Wiener Zeitung eine Erwähnung als „Melange à la Viennoise“.
Die gesellschaftliche Bedeutung der Wiener Kaffeehauskultur fand 2011 internationale Anerkennung: Die UNESCO nahm sie als immaterielles Kulturerbe auf und würdigte damit die besondere gesellschaftliche Rolle, die Kaffeehäuser seit dem späten 17. Jahrhundert in Wien spielen. Diese Auszeichnung unterstreicht den Wert der Kaffeehäuser als soziale Knotenpunkte weit über reine Gastronomiebetriebe hinaus.
Melange als Kulturgut
„Die Wiener Melange ist wohl so bekannt wie das Wiener Schnitzel. Und ist für die Wiener Gastlichkeit genauso wichtig. Denn der Kaffee nach einem guten Essen gehört einfach dazu. Genauso wie auch der Frühstückskaffee“, unterstreicht Thomas Peschta, Obmann der Fachgruppe Gastronomie in der Wirtschaftskammer Wien. Dabei beschränkt sich die Bedeutung nicht nur auf das Getränk selbst – das gesamte Wiener Kaffeehaus genießt einen außerordentlichen Stellenwert.
Zweites Wohnzimmer
Dies gilt sowohl für Touristen als auch besonders für die Einheimischen, wie eine aktuelle Studie belegt: Ein Drittel der Bevölkerung – mehr als 500.000 Wienerinnen und Wiener – besucht mindestens einmal wöchentlich ein Kaffeehaus, ein weiteres Viertel mehrmals monatlich. Diese Zahlen wurden durch eine Untersuchung der KMU Forschung im vergangenen Jahr dokumentiert.
Wolfgang Binder, Berufsgruppensprecher der Wiener Kaffeehäuser, fasst die Situation treffend zusammen: „Wir sehen also, das Kaffeehaus ist noch immer das zweite Wohnzimmer der Wienerinnen und Wiener.“