16 Jahre Orban, ein Herausforderer mit FIDESZ-Vergangenheit – Ungarn steht vor einem historischen Wendepunkt.
Ungarn wählt an diesem Sonntag ein neues Parlament. Rund 8,1 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, ihre Stimme abzugeben – und der Urnengang sorgt weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit. Denn nach 16 Jahren könnte Ministerpräsident Viktor Orban mit seiner rechtspopulistischen FIDESZ abgewählt werden. Aktuelle Umfragen weisen einen deutlichen Vorsprung für seinen Herausforderer Peter Magyar aus, der mit der konservativen, proeuropäischen Partei TISZA antritt.
Dass TISZA am Sonntag zur stimmenstärksten Partei werden könnte, legen die jüngsten Erhebungen nahe – eine Mandatsmehrheit im Parlament wäre damit aber noch nicht gesichert. Das liegt am Wahlsystem selbst, das Elemente aus Mehrheits- und Verhältniswahl miteinander verbindet. Jede Wahlberechtigte und jeder Wahlberechtigte verfügt über zwei Stimmen: Mit der Erststimme wird ein Direktkandidat oder eine Direktkandidatin im eigenen Wahlkreis gewählt, mit der Zweitstimme eine Partei. Von den insgesamt 199 Parlamentsmandaten werden 106 über Einzelwahlkreise vergeben, 93 über Parteilisten – letztere proportional nach dem jeweiligen Stimmenanteil.
Orbans Wahlkampf
Orban regierte das Land die meiste Zeit mit einer Zweidrittelmehrheit und nutzte diese konsequent, um den ungarischen Staat nach seinen Vorstellungen umzugestalten: Minderheitenrechte und Pressefreiheit wurden massiv beschnitten, wichtige Behördenposten mit parteinahen Personen besetzt. Im Wahlkampf spielte Innenpolitik für die FIDESZ kaum eine Rolle. Stattdessen setzte die Partei auf emotionale Mobilisierung und EU-Kritik. Das zentrale Narrativ: Die Europäische Union versuche, Ungarn in einen Krieg gegen Russland hineinzuziehen – notfalls mit ungarischen Soldaten an der Front.
Im Zuge dieses Wahlkampfs veröffentlichte Orbans FIDESZ in sozialen Netzwerken ein Video, das die simulierte Hinrichtung eines ungarischen Soldaten zeigt – laut einer Bestätigung des ungarischen Faktencheck-Portals Lakmusz wurde es mithilfe Künstlicher Intelligenz erstellt. Daran angeschlossen war ein Aufruf zur Wahl der FIDESZ, um genau das zu verhindern. Als weiteres Feindbild diente die Ukraine und ihr Präsident Wolodymyr Selenskyj, dessen Gesicht Orban sogar auf Wahlplakaten abdrucken ließ. Die Botschaft dahinter: Wer Magyar und TISZA wählt, wacht mit Selenskyj als eigentlichem Regierungschef auf. Magyar sei „die Marionette von Kiew und Brüssel“, so die Formulierung.
Zum Angreifer der Ukraine, dem russischen Machthaber Vladimir Putin, unterhält Orban hingegen enge Kontakte. Laut einem Bericht des US-Mediums Bloomberg soll Orban dem Kreml-Chef bei einem Telefonat im Herbst 2025 „auf jede erdenkliche Weise“ Hilfe angeboten haben. Zu Orbans politischen Verbündeten zählen weitere Politiker des rechten Spektrums, darunter US-Präsident Trump und FPÖ-Chef Kickl.
Magyars Aufstieg
Wie rasch sich politische Biographien wenden können, verdeutlicht der Werdegang von Orbans Herausforderer Magyar. Der 45-jährige Jurist kennt das System FIDESZ aus eigener Erfahrung: Er war jahrelang Parteimitglied und bekleidete verschiedene, wenn auch eher untergeordnete Funktionen. Vor gut zwei Jahren vollzog er den Bruch mit Orban und verließ die Partei. Mit seinem Bündnis TISZA ist er seither zur Hoffnungsfigur für jene geworden, die mit der aktuellen Lage in Ungarn unzufrieden sind.
Im Wahlkampf rückte Magyar vor allem die schwierige Wirtschaftslage und die weitverbreitete Korruption in den Vordergrund. Ungarn gilt laut der NGO Transparency International als korruptestes Land innerhalb der EU. Magyar versteht sich als Konservativer – in Fragen der Migration vertritt er Positionen, die jenen Orbans durchaus ähneln.
Die deutlichsten Unterschiede zwischen beiden zeigen sich in der Außenpolitik: Magyar bekräftigte mehrfach sein klares Bekenntnis zu EU und NATO. Im Europäischen Parlament ist TISZA der Fraktion der Europäischen Volkspartei beigetreten, der unter anderem die ÖVP und die deutschen Christdemokraten angehören.
Einer aktuellen Analyse des Meinungsforschungsinstituts Median zufolge könnte TISZA unter Magyars Führung zwischen 138 und 142 der 199 Parlamentssitze gewinnen. Für eine Zweidrittelmehrheit sind 133 Mandate erforderlich. Eine solche Mehrheit würde Magyar in die Lage versetzen, die Verfassung sowie grundlegende Gesetze zu ändern – etwa um blockierte EU-Gelder freizugeben. Darüber hinaus würde sie die Möglichkeit eröffnen, mächtige Ämter neu zu besetzen, darunter die Richterposten am Verfassungsgericht und am Obersten Gerichtshof, die derzeit fest in FIDESZ-Hand sind.
Der FIDESZ käme der Prognose zufolge auf 49 bis 55 Sitze. Die Partei hatte seit 2010 die meiste Zeit eine Zweidrittelmehrheit gehalten und diese genutzt, um eine neue Verfassung zu verabschieden und das Wahlrecht zu reformieren. Im Zuge der Wahlrechtsreform von 2011 wurden die ungarischen Wahlkreise neu zugeschnitten: Viele städtische Wahlkreise wurden aufgespalten und großflächig um ländliche Gebiete erweitert. Diese gelten als regierungsnah, was tendenziell den Direktkandidaten der FIDESZ zugutekommt.
Der Vorteil der FIDESZ wird durch unterschiedlich große Wahlkreise zusätzlich verstärkt. Im Wahlkreis Paks – einer ländlichen, traditionell FIDESZ-nahen Stadt in Südwestungarn – entscheiden rund 57.000 Wahlberechtigte über ein Direktmandat, im urbanen, oppositionsnahen Budapest-5 hingegen knapp 74.000. Wie viel eine einzelne Stimme wiegt, hängt damit maßgeblich vom Wohnort ab.
Der auf einen Zweikampf zwischen Orban und Magyar zugespitzte Wahlkampf lässt kleineren Parteien kaum Raum. Neben FIDESZ und TISZA dürfte laut Umfragen einzig die rechtsextreme Heimatpartei Mi Hazánk den Einzug ins Parlament schaffen. Deutlich abgeschlagen liegen die sozial-liberale Demokratische Koalition sowie die Satirepartei Ungarische Partei der Zweischwänzigen Hunde.
Die Wahllokale schließen um 19.00 Uhr, aussagekräftige Ergebnisse werden für die späten Abendstunden erwartet.
Das amtliche Endergebnis ist erst Ende kommender Woche zu erwarten, da die Auslandsstimmen erst am Donnerstag ausgezählt werden.