Ein Foto per WhatsApp, ein Behördenbrief, ein Anruf – und plötzlich ist man mittendrin. Eine Rolle, die viele kennen, aber kaum jemand benennt.
„Kannst du kurz schauen, was da steht?“ – Wer in einer Familie aus der Balkan-Diaspora aufgewachsen ist, kennt diesen Satz. Und wer ihn als Kind gehört hat, hört ihn oft auch noch als Erwachsener. Was einst als selbstverständliche Geste begann, hat sich in vielen Familien längst zu einer festen Rolle verfestigt – still, unhinterfragt und irgendwie immer schon da gewesen.
Ein Brief im Briefkasten, eine Nachricht der Versicherung, ein Arzttermin, der vereinbart werden muss, ein Begriff beim Amtsbesuch, der nicht verstanden wird – und dann klingelt das Handy. Früher lag das Schreiben auf dem Küchentisch. Heute kommt es als Foto per WhatsApp.
„Was wollen die von uns?“ „Kannst du dort anrufen?“ „Was muss ich hier ankreuzen?“ „Kannst du mir einen Termin machen?“ Die Kinder kennen das österreichische System. Sie wissen, wie Formulare funktionieren, welche Behörde zuständig ist, wie man online einen Termin bucht. Für die Eltern ist es daher naheliegend, sich an sie zu wenden – und die Kinder helfen. Weil die Eltern früher für sie da waren. Weil sie gearbeitet, die Familie zusammengehalten und ihnen ein Leben in Österreich ermöglicht haben. Jetzt, so das unausgesprochene Gefühl, ist man dran.
Stille Rollenverschiebung
Problematisch wird es in dem Moment, in dem aus dem freiwilligen Helfen eine Erwartung wird. Die Kinder haben inzwischen ein eigenes Leben – einen Beruf, eine Wohnung, eine Partnerschaft, vielleicht bereits eigene Kinder. Und trotzdem landen die komplizierten Schreiben weiterhin bei ihnen.
Offen gesprochen wird darüber selten. Wer gibt schon zu, dass die Unterstützung der eigenen Eltern manchmal zu viel wird? Und die Eltern handeln in den meisten Fällen ohne böse Absicht. In vielen Familien aus dem Balkan gehört gegenseitige Unterstützung zum Selbstverständnis – Zusammenhalt bedeutet nicht, nur dann füreinander da zu sein, wenn es gerade passt. Genau deshalb ist die Grenze zwischen Hilfe und Belastung oft kaum zu erkennen.
Diaspora-Alltag
Was dabei besonders auffällt, ist die stille Verschiebung der Rollen, die sich über die Jahre vollzieht. Einst haben die Eltern erklärt, wie das Leben funktioniert. Heute erklären die Kinder, wie das österreichische System funktioniert – sie begleiten zu Terminen, lesen Behördenbriefe, helfen beim Online-Banking, erklären Apps und telefonieren mit Ämtern.
Aus den Kindern sind Erwachsene geworden, und doch bleiben sie in den Augen der Eltern oft diejenigen, die sich besser auskennen. Vielleicht ist genau das eine der stillen Seiten der Diaspora: Die Generation, die einst von ihren Eltern in ein neues Leben begleitet wurde, begleitet diese Eltern irgendwann durch eben dieses Leben zurück.
„Kannst du kurz schauen, was da steht?“ – Ein Satz, der mehr trägt, als er auf den ersten Blick vermuten lässt. Er steht für eine Verbindung, die nicht endet, und für eine Verantwortung, die in vielen Familien der Balkan-Diaspora still weitergegeben wird.