Jahrzehntelang wurde gespart, gebaut und erweitert. Drei Stockwerke, mehrere Balkone und genug Zimmer für die ganze Familie. Doch viele dieser Häuser stehen heute einen Großteil des Jahres leer.
Wer durch Dörfer und kleinere Städte in Bosnien, Serbien, Kroatien oder Montenegro fährt, kennt dieses Bild: große Häuser, gepflegte Fassaden, breite Einfahrten und oft mehrere Wohnungen unter einem Dach.
Viele wurden von Menschen gebaut, die ihr Leben in Österreich, Deutschland oder der Schweiz verbrachten. Sie arbeiteten jahrzehntelang im Ausland, sparten Geld und investierten einen großen Teil davon in die Heimat.
Die Idee dahinter war häufig dieselbe: Eines Tages kommen wir zurück. Und unsere Kinder haben hier immer ein Zuhause.
Doch aus diesem „eines Tages“ ist bei vielen Familien eine komplizierte Frage geworden.
Ein Lebenswerk aus Beton
Für die erste Generation der Gastarbeiter war das Haus oft viel mehr als eine Immobilie. Es war der sichtbare Beweis dafür, dass sich die Jahre im Ausland gelohnt hatten.
Nach der Arbeit wurde gespart. Im Sommer wurde gebaut. Ein Jahr kam das Erdgeschoss, später ein Stockwerk dazu. Dann Garage, Terrasse, Sommerküche oder ein weiteres Apartment für eines der Kinder.
Gebaut wurde selten klein. Schließlich sollten später alle Platz haben: Sohn, Tochter, Schwiegertochter, Schwiegersohn und Enkelkinder.
Doch genau diese Kinder sind inzwischen häufig in Österreich geboren, dort zur Schule gegangen und haben dort ihr gesamtes Leben aufgebaut.
Für die Eltern Heimat – für die Kinder Urlaub
Hier treffen zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen aufeinander.
Für die Eltern ist das Dorf oder die Heimatstadt der Ort, an den sie irgendwann zurückkehren wollten. Für ihre Kinder ist derselbe Ort oft mit Sommerferien, Großeltern und Kindheitserinnerungen verbunden – aber nicht unbedingt mit der eigenen Zukunft.
Ihr Beruf ist in Wien. Die Kinder gehen in Österreich zur Schule. Der Freundeskreis lebt hier. Viele sprechen zwar die Sprache der Eltern, fühlen sich aber im Alltag stärker in Österreich verwurzelt.
Und plötzlich steht eine Frage im Raum, über die jahrzehntelang niemand sprechen wollte: Wer soll eigentlich einmal in diesem Haus leben?
Verkaufen? Vermieten? Oder für immer behalten?
Ein Verkauf fällt vielen Familien schwer. Denn verkauft wird nicht einfach ein Gebäude.
Mit dem Haus sind Erinnerungen verbunden: an verstorbene Großeltern, an Sommerferien, Familienfeste, Hochzeiten und unzählige Abende auf der Terrasse.
Gleichzeitig kostet ein großes Haus auch Geld. Dächer müssen repariert, Grundstücke gepflegt und Rechnungen bezahlt werden – selbst wenn nur wenige Wochen im Jahr jemand dort lebt.
So entstehen in vielen Diaspora-Familien dieselben Diskussionen: Soll man verkaufen? Vermieten? Umbauen? Oder alles behalten, weil man vielleicht irgendwann doch zurückkommt?
Vielleicht war das Haus nie nur für die Kinder
Vielleicht liegt darin auch ein Missverständnis zwischen den Generationen.
Die Eltern bauten ein Haus, weil sie ihren Kindern etwas hinterlassen wollten. Die Kinder brauchen dieses Haus vielleicht gar nicht – zumindest nicht als dauerhaften Wohnort.
Doch möglicherweise erfüllt es trotzdem seinen Zweck.
Als Ort, an dem sich eine Familie weiterhin trifft. Als Verbindung zu einem Land, aus dem die Eltern einst weggegangen sind. Und als Stück Heimat, das bleibt, auch wenn niemand mehr dauerhaft dort wohnt.