Ein Streifen Donauschlamm, ein Discord-Server und ein 17-Jähriger aus Kalifornien – mehr braucht es offenbar für einen Staat.
An einem schmalen Streifen Donauufer, eingeklemmt zwischen Serbien und Kroatien, soll ein neuer Staat entstanden sein. Nicht durch Revolutionen, Verträge oder diplomatische Anerkennungen – sondern durch einen Discord-Server, eine Website und den Ideenreichtum einiger Teenager aus den USA. Ihr Projekt trägt den Namen Föderale Staaten von Gapla und ist das jüngste Kapitel einer langen Geschichte politischer Phantasiegebilde.
Anführer des Unternehmens ist Wyatt Beck aus Kalifornien. Er beschreibt seine Biografie mit entwaffnender Selbstironie: „Als Teenager habe ich mein eigenes Land gegründet und wurde sogar eingeladen, vor den Vereinten Nationen zu sprechen – mit 17 Jahren.“ Beck und die meisten seiner Mitstreiter haben das beanspruchte Territorium – rund 205 Hektar Donauschlamm – nie betreten. Ihr Staat lebt im Netz.
Das Gebiet, auf das Gapla offiziell Anspruch erhebt, liegt in einer rechtlichen Grauzone. Die Gründer berufen sich auf das Prinzip der terra nullius (Niemandsland): Da der Grenzstreit zwischen Belgrad und Zagreb in diesem Bereich bis heute ungeklärt ist, erhebe weder Serbien noch Kroatien formell Souveränität über das fragliche Areal. Das kroatische Außenministerium hat allerdings betont, Kroatien übe dort effektive Aufsicht und Kontrolle aus – obwohl der Grenzverlauf entlang der Donau noch nicht endgültig geklärt ist.
Lange Tradition
Die Süddeutsche Zeitung hat dem Phänomen eine ausführliche Reportage gewidmet und Gapla in den breiteren historischen Kontext solcher Projekte eingebettet. Denn der Mikrostaat an der Donau ist kein Einzelfall. Mikronationen tauchen seit Jahrzehnten immer wieder auf – als künstlerische Statements, politische Gedankenexperimente oder schlicht als Vehikel für fragwürdige Geschäftsmodelle.
Die Zeitung nennt mehrere Vorläufer: Das schwedische Künstlerprojekt Elgaland-Vargaland etwa rief einen Staat aus, in dem jeder Bürger automatisch den Königstitel trägt. Das slowenische Kollektiv Neue Slowenische Kunst proklamierte 1992 einen Staat ohne physisches Territorium, gab aber echte Pässe aus – und gewann damit eine beachtliche Anhängerschaft in Nigeria. Unmittelbare Nachbarn von Gapla am Donauufer sind Liberland und Verdis: Der Tscheche Vit Jedlicka gründete Liberland 2015 als nach eigener Aussage „freiestes Land der Welt“, in dem Steuern freiwillig entrichtet und Verwaltungsvorgänge über Blockchain abgewickelt werden.
Die deutschen Reporter halten trocken fest, dass heutige Mikronationen vor allem als Gruppenchats entstehen, während ihre „Diplomatie“ auf Reddit-Foren ausgetragen wird. Gleichwohl verfügt Gapla über alle digitalen Insignien einer Nation: eine offizielle Website, Flagge und Wappen, gestaltete Pässe und Nummernschilder sowie eine proklamierte Mission. Auf der Website heißt es, Gapla strebe die Förderung von „Frieden und Harmonie“ zwischen den Völkern sowie den Aufbau einer „modernen und innovativen Nation“ an.
Nüchterne Realität
Romantik und Idealismus sind freilich nicht die einzigen Triebkräfte hinter solchen Projekten. Wie die Süddeutsche Zeitung erläutert, dienten derartige Zonen in der Vergangenheit häufig als Schlupflöcher – als Offshore-Konstrukte für dubiose Bankgeschäfte, als Standorte für Casinos oder zur Registrierung von Reedereien, die Steuerpflichten in ihren Heimatländern umgehen wollten.
Auch die Realität rund um Gapla ist weit nüchterner als die Gründungsvision. Die beanspruchten Donauparzellen stehen de facto unter Kontrolle kroatischer Grenzbehörden, die den Zugang strikt unterbinden. 2023 wurden der Gründer der benachbarten Freien Republik Verdis, Daniel Jackson, und seine Unterstützer bei einem Versuch, auf dem umstrittenen Gebiet eine Siedlung zu errichten, von kroatischen Behörden festgesetzt und ausgewiesen – Jackson erhielt ein lebenslängliches Einreiseverbot für Kroatien.
Für junge Menschen aus aller Welt verleiht der Punkt auf der Landkarte ihrer Internet-Gemeinschaft den Anschein von Legitimität – während das eigentliche Leben des „Staates“ auf Servern und in sozialen Netzwerken weiterläuft.