Während Europa über E-Auto-Zölle diskutiert, rollt eine andere chinesische Welle heran: Millionen Verbrenner-Fahrzeuge erobern die Weltmärkte – mit unerwarteten Folgen.
Strategie mit Nebenwirkungen
Die chinesischen Elektroautohersteller haben in Rekordzeit die Hälfte des eigenen Marktes erobert und damit den traditionellen Absatz von Benzinfahrzeugen ausländischer Konzerne massiv zurückgedrängt. Doch nicht nur westliche Unternehmen spüren die Folgen dieser Entwicklung. Zahlreiche chinesische Marken, deren Verkaufszahlen im Heimatmarkt einbrachen, reagierten mit einer bemerkenswerten Strategie: Sie exportieren nun jene Verbrennermodelle in großem Stil ins Ausland, die sie in China selbst nicht mehr absetzen können.
Während die politischen Entscheidungsträger in Europa und Amerika ihr Augenmerk hauptsächlich auf die Bedrohung durch staatlich geförderte E-Fahrzeuge aus China richten und ihre Märkte durch Zölle abschirmen, sehen sich westliche Autobauer weltweit einem verschärften Wettbewerb durch chinesische Verbrennerfahrzeuge ausgesetzt. Seit 2020 entfielen rund drei Viertel der chinesischen Autoexporte auf Fahrzeuge mit klassischem Antrieb. Die jährlichen Gesamtexporte sind in diesem Zeitraum von einer Million auf über 6,5 Millionen Einheiten in diesem Jahr hochgeschnellt, wie Daten des chinesischen Beratungsunternehmens Automobility belegen.
Paradoxe Entwicklung
Der sprunghafte Anstieg bei den Verbrenner-Exporten wird paradoxerweise durch dieselben Subventionen und Richtlinien für Elektrofahrzeuge befeuert, die das China-Geschäft von Herstellern wie VW, GM und Nissan untergraben haben. Diese Politik hat chinesische E-Auto-Produzenten finanziell gestärkt und einen ruinösen Preiskampf ausgelöst, wie eine Reuters-Analyse zeigt. Dieses Phänomen verdeutlicht die weitreichenden Konsequenzen der chinesischen Industriestrategie, während ausländische Wettbewerber kaum mit den staatlich unterstützten Unternehmen mithalten können, die Pekings Ziel verfolgen, Schlüsselbranchen national und international zu dominieren.
Bemerkenswert ist, dass allein der chinesische Export von Verbrennerfahrzeugen – ohne E-Autos und Plug-in-Hybride – ausgereicht hat, um China im vergangenen Jahr zum weltweit größten Autoexporteur nach Volumen zu machen. Dies belegen Daten aus der Industrie und von Regierungsseite. Die Reuters-Untersuchung zur globalen Expansion chinesischer Autobauer stützt sich auf eine umfassende Analyse von Verkaufszahlen in zahlreichen Ländern sowie auf Gespräche mit mehr als 30 Branchenexperten, darunter Führungskräfte von elf chinesischen und zwei westlichen Automobilherstellern.
Staatliche Exporteure
Zu den führenden Exporteuren zählen staatliche Großkonzerne wie SAIC, BAIC, Dongfeng und Changan. Diese Unternehmen waren historisch betrachtet stark von Joint Ventures mit ausländischen Autoherstellern abhängig, um Gewinne zu erwirtschaften und technisches Know-how zu erlangen. Diese Partnerschaften begannen in den 1980er Jahren als von Peking verordnete „Zwangsehen“, die ausländische Konzerne als Eintrittskarte für den chinesischen Markt akzeptieren mussten.
Heute erzielen diese chinesischen Hersteller Verkaufserfolge in jenen Exportmärkten, die einst die Domäne genau jener ausländischen Autobauer waren, mit denen sie in China kooperieren.