Marcus Franz: „Die FPÖ hat die Serben in Favoriten ausgetrickst“

INTERVIEW

Marcus Franz: „Die FPÖ hat die Serben in Favoriten ausgetrickst“

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FOTO: Christopher Glanzl

Marcus Franz (SPÖ) ist seit knapp einem Jahr Bezirksvorsteher des bevölkerungsreichsten Wiener Bezirkes.

Mit etwas mehr als 200.000 Einwohnern ist Wien-Favoriten Wiens zugleich die viertgrößte „Stadt“ Österreichs. In den Medien wird der zehnte Bezirk – vor allem aufgrund der höchsten Kriminalitätsrate in Wien – oft als Problembezirk dargestellt. Es ist zugleich auch ein politisch gespaltener Bezirk: Bei der Gemeinderatswahl 2015 wählten 41,39% die SPÖ und 39,35% die FPÖ.

Über den wohl spannendsten und lebendigsten Wiener Bezirk sprachen wir mit seinem Bezirksvorsteher: Marcus Franz.

KOSMO: Sie sind gerade auf Beisl-Tour, bei der sie von September bis November Sprechstunden in Favoritner Lokalen abhalten. Wie kam die es dazu?
Marcus Franz: Ich möchte endlich mit den Vorurteilen im Bezirk aufräumen. Rechte Parteien und Medien zeichnen oft ein einseitiges Bild von Favoriten, um bewusst Ängste in der Bevölkerung zu schüren. Ja, wir sind ein Bezirk mit 47% Migrationshintergrund, aber Migrationshintergrund sagt nichts über Bildung oder Ähnliches aus. Da wird sehr viel vermischt und Begriffe werden falsch gedeutet. Migrationshintergrund bedeutet, dass zumindest eines der beiden Elternteile nicht in Österreich geboren ist – mehr im Grunde nicht. Das sagt nichts über Bildung, Status, Beruf oder etwas anderes aus. Ich habe mir teilweise bewusst Lokale ausgesucht, in denen die FPÖ sehr stark ist und wo sie ihre Stammtische abhalten. Ich will mit den Leuten direkt im Gespräch sein.

Und was sagen die FPÖ-Wähler zu Ihnen bei der Beisl-Tour? Worüber regen sie sich am meisten auf?
Oft muss ich dann den Leuten erklären, dass ein Bezirksvorsteher nicht allmächtig ist und nur gewisse Kompetenzen hat. Die Leute regen sich über Sachen auf, die teilweise ins Privatrecht gehen. Unter FPÖ-Wählern kam oft die Kritik an der Anzahl der Kebabstände im Bereich Reumannplatz – Quellenstraße. Seit 2005 haben wir allerdings keine Imbissstände dort mehr erlaubt. Aber wenn ich den Leuten die politische und rechtliche Sachlage erkläre, wenn sie verstehen, was die Kompetenzen eines Bezirksvorstehers sind – dann stoße ich auch bei FPÖ-Wählern auf Verständnis. Ohne Dialog wird es kein neues Klima im Bezirk geben.

Ihr Bezirk ist zwar der bevölkerungsreichste, aber auch gleichzeitig der Bezirk mit den wenigsten Wahlberechtigten. Andererseits spielt man bei den Wahlkämpfen oft vieles auf dem Rücken genau dieser Leute aus.
Ja, das stimmt. Wir haben viele Drittstaatsangehörigen, allen voran aus der türkischen und der serbischen Community, die die größten Gruppen bei uns bilden. Andererseits muss man offen zugeben, dass viele von ihnen ein Recht auf die Staatsbürgerschaft hätten, aber sich diese nicht finanziell leisten können. Bei den Einkommen sind wir der drittschlechteste Bezirk mit einem durchschnittlichen Jahresnettoeinkommen von 11.700 Euro. Es ist auf jeden Fall Potenzial nach oben, auch bei denen, die die Staatsbürgerschaft haben, aber nicht zur Wahl gehen.

Marcus Franz
FOTO: Christopher Glanzl

Es ist kein Geheimnis: Ein guter Teil der Serben im Bezirk wählt die FPÖ, die auch jahrelang aktiv um sie wirbt.
Ich war seit 2013 bis 2017 Vorsitzender der Kulturkommission im Bezirksparlament und kann aus Erfahrung sagen: dahinter steckt in Wirklichkeit viel Schall und Rauch. Ich kenne alle im Bezirk ansässigen Kulturvereine mehr als nur gut und kann sagen, dass sich das mittlerweile ändert. Konstantin Dobrilović und die Leute aus der FPÖ, die versuchten die Serben auf ihre Seite zu bringen, machten Ihnen scheinbar viele leere Versprechungen. Da wurden finanzielle Unterstützungen zugesagt, die nie eingehalten wurden. Abgesehen davon, trifft der 12-Stunden Tag auch die vielen serbischen Arbeiter in Österreich. Die FPÖ hat die Leute enttäuscht und ausgetrickst. Das spürt man vor allem in Favoriten.

Die FPÖ hat vor allem mit anti-muslimischen Slogans versucht, diese Wählergruppen zu erreichen. Wie sieht ihr Rezept für ein friedliches Zusammenleben in Favoriten aus?
Schon als Vorsitzender der Kulturkommission habe ich versucht, Verknüpfungen zwischen syrischen, türkischen, bosniakischen, serbischen, ungarischen, kroatischen und anderen Vereinen im Bezirk zu schaffen. Es gibt auch jährlich ein Treffen von allen und wir sind dabei, Verbindungen zu schaffen. Der kulturelle Dialog ist vor allem in der heutigen Zeit wichtiger denn je. Wichtig ist, dass wir niemanden vorverurteilen. Da halte ich mich an den Spruch eines Indianerhäuptlings: „Beurteile keinen, wenn du nicht einen Tag in seinen Mokassins gestanden bist“.

Jetzt werden ihre Gegner sagen: Aber die Kriminalitätsrate…“
Wir haben hier mehr als 200.00 Menschen im Bezirk, mehr als in Bern z.B. Es ist logisch, dass es hier menschelt und wurdelt und das eben hier mehr passsiert als in anderen Bezirken. Aber man muss den Ball auch flach halten: Wenn man Favoriten mit Marseille oder den Vororten von Paris vergleicht, wo man Touristen nahelegt, nicht in diese zu gehen, da sind wir in Wien-Favoriten eigentlich gesegnet. Mich nervt es schon langsam, dass es immer nur um diese Themen in den Medien geht. Wir haben so viel zu bieten, von der Therme Wien, dem großartigen Sportangebot im Bezirk, der tollen und vielfältigen Gastronomie bis zur Schnitten-Manufaktur oder dem prämierten Wein aus Rothneusiedl. Aber, nein, es geht immer nur um die Kriminalität. Ich habe mit dem Stadthauptleiter und dem Bezirkshauptleiter letztens wieder gesprochen. In Anbetracht der Bevölkerungszahl sind wir hier sicher. Mit den neuen Grätzlpolizisten in den Spitälern und bei Informationsabenden gibt es auch einen präventiven Sicherheitsaustausch mit der Bevölkerung.

Also fühlen sie sich sicher, wenn ihre Söhne im Bezirk am Abend unterwegs sind?
Ja, sicher. Wir haben auch eine hervorragende Jugendarbeit mit „Back on stage“ im Bezirk. Ich war selber einen ganzen Tag lang mit den Jugend- und SozialarbeiterInnen unterwegs in den Parks.

Das Sonnwendviertel ist eine komplett neue Gegend in Wien, in Oberlaa wird ebenso viel gebaut. Wird man Linz bald überholen, wenn es um die Einwohnerzahl geht?
Das werden die nächsten Zahlen zeigen. Von Linz trennen uns noch um die 6 Tausend EinwohnerInnen. Der Immobilienmarkt hat uns aber definitiv mehr als nur entdeckt: Wir sind mittlerweile der beliebteste Wohnbezirk in Wien und die meisten Wohnungssuchen beziehen sich auf Favoriten. Die U1 Erweiterung hat natürlich sehr viel dazu beigetragen, aber durch die 600 Millionen Euro schwere Investition wurden auch 10.000 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Wo sind die besten Ćevapčići in Favoriten?
Ich bin sehr gerne im Balkan Express, aber wenn’s um Sarma geht, bin ich auch gern in der Koliba. Sarma koche ich übrigens selbst gerne auch. Kochen ist meine Leidenschaft.