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Machtkampf

Thompsons Auftritt beim Empfang der kroatischen Handballer spaltet Kroatien

Thompsons Auftritt beim Empfang der kroatischen Handballer spaltet Kroatien
FOTO: EPA/ANTONIO BAT
4 Min. Lesezeit |

Die Kontroverse um den Empfang der kroatischen Handballer in Zagreb hat sich zu einem offenen Machtkampf zwischen Regierung und Stadtverwaltung entwickelt. Nach dem Gewinn der EM-Bronzemedaille sollte die Nationalmannschaft eigentlich feierlich auf dem Ban-Jelacic-Platz empfangen werden. Doch statt eines harmonischen Sportfests wurde daraus ein politisches Kräftemessen, bei dem die Athleten letztlich nur Nebendarsteller waren.

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Im Zentrum des Konflikts stand der umstrittene Sänger Marko Perkovic Thompson, dessen Auftritt die Stadtverwaltung unter Bürgermeister Tomislav Tomasevic zunächst untersagt hatte. Die Regierung unter Ministerpräsident Andrej Plenkovic entschied daraufhin, die Veranstaltung kurzerhand selbst zu organisieren – inklusive Thompson-Auftritt und unter Umgehung städtischer Genehmigungsverfahren.

„In erster Linie geht es hier um die Kontrolle des Patriotismus, darum, wer befugt ist, die kroatische politische und patriotische Position zu vertreten“, erläutert Politologe Zarko Puhovski in einem DW-Interview. Die regierende HDZ beanspruche diese Rolle traditionell für sich. Als sich die Partei jedoch zur politischen Mitte hin orientierte, sei am rechten Rand der Wunsch entstanden, diese Deutungshoheit teilweise zu übernehmen.

Die HDZ habe darauf mit der Unterstützung für Thompson reagiert, um ihre Position im rechten Spektrum abzusichern. Dieser Prozess begann bereits im vergangenen Sommer, als Plenkovic und Regierungsmitglieder demonstrativ Thompsons Großkonzert auf der Zagreber Pferderennbahn unterstützten. „Handball war nun eine weitere Gelegenheit, kroatischen Patriotismus zu demonstrieren, denn beim Anfeuern der Nationalmannschaft ist dieser patriotische Moment am stärksten ausgeprägt“, so Puhovski.

Politische Fronten

Bürgermeister Tomasevic und seine Partei Mozemo! positionieren sich hingegen als antifaschistische, linke Alternative, die Thompsons Versuchen entgegentritt, die Ustascha-Bewegung aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu verharmlosen und als im Kern patriotisch darzustellen. Aus diesem Grund verweigerte Tomasevic dem Sänger unter Berufung auf einen früheren Stadtversammlungsbeschluss die Genehmigung für einen Auftritt im öffentlichen Raum.

Die Regierung reagierte, indem sie die Organisation des Empfangs kurzerhand selbst übernahm – mit Thompson und unter bewusster Missachtung geltender Vorschriften, nach denen die Kommunalverwaltung für die Genehmigung öffentlicher Versammlungen zuständig ist. „Die Regierung hat die Stadt nicht um Erlaubnis gebeten und damit gegen Artikel 4 der Verfassung verstoßen, der die kommunale Selbstverwaltung als Instrument zur Begrenzung staatlicher Macht vorsieht“, erklärt Puhovski.

Stattdessen sei das Gegenteil geschehen: Der Staat habe die Befugnisse der Selbstverwaltung beschnitten und die Veranstaltung eigenmächtig gegen den Willen der Stadtverwaltung durchgeführt. Puhovski erwartet, dass der Fall vor Gericht landen wird.

Bürgermeister Tomasevic bezeichnete das Vorgehen der Regierung als skandalös und als „Schlag des Staates gegen die Stadt Zagreb“. Er warf Plenkovic vor, die demokratisch gewählte Stadtregierung zu missachten, und betonte, dass „viele Menschen in Kroatien, nicht nur in Zagreb, schockiert sind, dass so etwas überhaupt möglich ist“.

Gesellschaftliche Spaltung

Plenkovic wies diese Vorwürfe erwartungsgemäß zurück: „Ich weise alle Behauptungen über verfassungswidrige und illegale Handlungen der Regierung zurück. Die Regierung handelt im Einklang mit der Verfassung, im Einklang mit dem Gesetz, im Einklang mit ihren Befugnissen und, was am wichtigsten ist, im Einklang mit dem gesunden Menschenverstand“, erklärte der Ministerpräsident nach einer Sitzung des HDZ-Präsidiums.

Puhovski sieht in der Kontroverse letztlich politische Vorteile für beide Seiten. „Politisch betrachtet stehen beide auf der Gewinnerseite. Die regierende Partei ‚Wir schaffen das!‘ hat bei ihren Anhängern gepunktet, indem sie dem massiven Druck standhaft widerstand.“ Und Plenkovic verdient Anerkennung als derjenige, der die Situation rettete und es dem prominenten Vertreter der kroatischen Rechten, Thompson, ermöglichte, auf dem Hauptplatz aufzutreten und die Handballspieler zu begrüßen.

Die Sportler selbst wurden nach Puhovskis Einschätzung zum Spielball der Politik. Zunächst hätten sie einem Empfang ohne Thompson zugestimmt, diese Vereinbarung jedoch kurz nach dem Medaillengewinn gebrochen und schließlich seinen Auftritt gefordert. Der Streit hat einmal mehr die tiefe gesellschaftliche Spaltung Kroatiens offengelegt.

Die ehemalige HDZ-Vorsitzende und Ex-Ministerpräsidentin Jadranka Kosor kommentierte auf der Plattform X: „Das ist jetzt ein Krieg. Beispiellos in der politischen Geschichte der Republik Kroatien!“ Die frühere Außen- und Europaministerin Vesna Pusic schrieb: „Diese Gewalt von Thompson gegen die Bürger Zagrebs muss ein für alle Mal aufhören! Wir wollen das nicht! Wir haben einen Bürgermeister gewählt, der die Mehrheitsmeinung Zagrebs widerspiegelt. Schluss mit diesem primitiven Ungehorsam!“

Auch international fand der Vorfall Beachtung. Die französische Nachrichtenagentur AFP berichtete unter der Überschrift: „Kroatischer ultranationalistischer Sänger gab trotz Kontroverse ein Konzert in Zagreb.“ Die Agentur beschreibt Thompson als Folk-Rock-Ikone, bekannt für ein Lied, das mit einem Gruß aus der Zeit des Ustascha-Regimes beginnt, und dessen Anhänger häufig faschistische Symbole verwenden.

Allerdings wird auch erwähnt, dass er dieses umstrittene Lied bei der aktuellen Veranstaltung nicht aufgeführt hat.