Start POLITIK “Wir lassen uns nicht ethnisch etikettieren”
INTERVIEW

“Wir lassen uns nicht ethnisch etikettieren”

Im Merak haben wir mit den Politikerinnen Alev Korun und Alma Zadic über Rassismus, Diskriminierung und Sexismus im Parlament gesprochen. (Foto: Amel Topcagic)

Alma Zadic wollte nur eine Rede halten. Eine gut vorbereitete Rede über die BVT-Affäre. Kaum hatte sie das Wort ergriffen, wurde sie von einigen Männern zurecht gewiesen. „Sie sind nicht in Bosnien!“, schrie ÖVP-Mandatar Johann Rädler. Was als Tiefpunkt des österreichischen Parlamentarismus erschien, zählt für viele Politikerinnen zum Alltag. Eine die seit Jahren mit Diskriminierung im Parlament zu kämpfen hat, ist Alev Korun. KOSMO traf beide Politikerinnen zum Interview. Sie erzählten über Rassismus, Diskriminierung und Sexismus in ihrem Beruf.

„Wenn ich am Wort war, ist „Bosnien“ immer wieder herum gegeistert. Ich habe mir aber geschworen, dass ich in einer Sachdebatte nicht zulasse, dass mir meine Herkunft vorgehalten wird“, erzählt Liste Pilz-Abgeordnete, Alma Zadic. In Österreich hat jeder Fünfte einen sogenannten Migrationshintergrund. In der politischen Vertretung beträgt er dagegen nur 3,3 Prozent. In absoluten Zahlen gibt es sechs (von 183 Abgeordneten) Mandatare mit Migrationshintergrund im Nationalrat. Oft sind Politiker mit ausländischen Wurzeln offenen oder verdeckten verbalen Angriffen ausgesetzt. Doch diesmal scheint etwas anders zu laufen, denn Alma Zadic wehrt sich und erfährt parteiübergreifende Solidarität.

Kein freundlicher Ton im Hohen Haus
„Ich bin 2008 Nationalratsabgeordnete geworden. Damals war ich die erste, die eine Migrationsgeschichte im Nationalrat hatte. Ich habe oft Diskriminierung im Parlament erlebt und wurde, abgesehen von der eigenen Fraktion, ziemlich alleine gelassen“, erinnert sich Alev Korun. Sie war bis 2017 in ihrer Funktion als Nationalratsabgeordnete der Grünen tätig. Eine Zeit die mit hoher Belastung und Stress verbunden war. Heute ist die Politikwissenschaftlerin wesentlich entspannter. Ihre Gelassenheit und ihr Selbstbewusstsein wirken ansteckend. Korun war Vorreiterin für kommende Politiker mit ausländischem Namen. Dass es im „Hohen Haus“ nicht immer freundlich zugeht, bekräftigt sie. Politiker der ÖVP und FPÖ haben die in der Türkei geborene Abgeordnete bei hitzigen Diskussionen wiederholt auf ihre Herkunft verwiesen: „Wenn es Ihnen hier nicht passt, können Sie wieder gehen“. Reaktionen bei solchen Aussagen blieben aus. Die SPÖ habe zum Koalitionspartner ÖVP gehalten und bei solchen Wortmeldungen stillgehalten. „Dass es Reaktionen auf Rassismus während Almas Rede gibt, finde ich gut. So schrecklich die Sager auch sind, das Gute ist: offensichtlich ist das Bewusstsein gegen Diskriminierung jetzt stärker. Es gibt mehr Solidarität, über Partei-Grenzen hinweg“, erklärt Korun.

“Ich habe nach der Rede ganz viele Twitter-Nachrichten bekommen. Auch Abgeordnete aus den verschiedenen Parteien haben mir Mut gemacht”, Alma Zadic

Abgeordneten Alma Zadic wurde während ihrer Rede zur BVT-Affäre durch rassistische und sexistische Zwischenrufe unterbrochen. (Foto: Amel Topcagic)

Ethnisches Etikett
Die studierte Anwältin Zadic will sich nicht länger wegen ihrer Herkunft beschimpfen lassen. Trotz des teilweise „tiefen Niveaus“ im Parlament ist sie über die Unterstützung, die ihr wiederfahren ist, erfreut. „Ich habe nach der Rede ganz viele Twitter-Nachrichten bekommen. Auch Abgeordnete aus den verschiedenen Parteien haben mir Mut gemacht. Es war schön zu sehen, wie lautstark die Menschen geworden sind. Meine Vision ist, dass das auch auf die Gesellschaft überschwappt“, erzählt die Wienerin mit bosnischen Wurzeln.

Vorfälle mit rassistischem Hintergrund kann Alev Korun zu genüge aufzählen. „Manche Abgeordnete haben versucht, mich in Sachdebatten ethnisch zu etikettiert. Das ist komisch, weil man in die Politik geht, um die Zukunft dieses Landes zu verbessern. Dann wird dir aber gesagt: Nein, DU darfst keinen Beitrag leisten. Komischerweise kommen diese Meldungen meistens von Politikern, die von Zugewanderten verlangen, dass sie sich integrieren müssen“, so Korun. Politiker mit Migrationshintergrund wollen sich nicht als Opfer inszenieren, sie haben es lediglich satt darauf reduziert zu werden. Alma Zadic bestätigt Koruns Erfahrungen. „Es war mir wichtig zu betonen, dass sie mir nur weil ich nicht in Österreich geboren bin, nicht das Recht absprechen die Zukunft unseres Landes mitzugestalten. Ich bin ein Teil der Gesellschaft, wie viele andere Österreicher mit Migrationshintergrund. Ich habe hier meine Schule abgeschlossen, habe hier studiert und alles getan, um ein Teil dieser Gesellschaft zu sein. Dann kommt man in den Nationalrat und es ist noch immer nicht genug. Ich habe zwei Identitäten und lasse mir keine von ihnen absprechen“, so die 34-Jährige Alma Zadic.

“Als normaler Mensch der nicht hasserfüllt ist, rechnet man nicht damit ohne Grund angefahren zu werden”, Alev Korun

Alev Korun ist 2008 Nationalratsabgeordnete geworden. Sie war die Erste im Parlament mit einer Migrationsgeschichte. (Foto: Amel Topcagic)

Eine dicke Haut erforderlich
Die meisten Parteien haben jahrzehntelang wenig getan, um für Bürger mit ausländischen Wurzeln viele davon sind auch Wähler interessant zu werden. Manche Parteien tun bis heute nichts dafür. Denn Parteien wie die FPÖ oder NEOS haben keine Mandatare mit ausländischer Herkunft. Wie soll da eine Karriere in der Politik reizvoll wirken? Es fehlen, bis auf wenige Ausnahmen, die Vorbilder. Hinzu kommt, dass Parlamentarier mit Migrationshintergrund fremdenfeindlichen Beschimpfungen ausgesetzt sind. Es erfordert eine dicke Haut, um sich in der Politik mit einem ausländischen Namen, zu engagieren. Man muss Strategien entwickeln, um mit Zurückweisung umgehen zu können. „Als normaler Mensch der nicht hasserfüllt ist, rechnet man nicht damit ohne Grund angefahren zu werden. Meine Erfahrung ist, was „Diskriminierer“ am meisten irritiert, wenn man auf ihr Spielchen nicht einsteigt und sich nicht ethnisieren lässt. Das strategisch Klügste ist, das einfach wegzuschieben, und sich bewusst werden, dass das mit einem selbst nichts zu tun hat. Warum soll ich mir deren seelischen Müll aufladen lassen?“, sagt Alev Korun.

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