Lange Schlangen vor der Stimmabgabe, Polizei vor der Wahlbehörde, Meldungen über Unregelmäßigkeiten: Serbien wählt unter Hochspannung.
Der Andrang an den Wahlurnen in Serbien sprengt alle Rekorde: Bis 18 Uhr erreichte die Wahlbeteiligung 64,9 Prozent – ein Wert, der seit dem Zerfall Jugoslawiens 1992 nicht mehr verzeichnet wurde. Der Urnengang wird von Berichten über Unregelmäßigkeiten und einer verstärkten Polizeipräsenz begleitet.
Die Wahllokale bleiben bis 20 Uhr geöffnet, wegen der langen Schlangen ist eine Verlängerung nicht ausgeschlossen. Aufgerufen sind offiziell rund 6,4 Millionen Bürgerinnen und Bürger, die über die 250 Sitze der Volksversammlung entscheiden.
Die EU zeigte sich „zutiefst besorgt über Berichte von gewaltsamen Vorfällen in einer Reihe von Wahllokalen“. EU-Botschafter Andreas von Beckerath mahnte auf X: „Die Bürger Serbiens müssen in der Lage sein, ihr demokratisches Wahlrecht in einem friedlichen und sicheren Umfeld wahrzunehmen“ und rief „alle Beteiligten zur Ruhe“ auf.
Meldungen über Unregelmäßigkeiten
Unabhängige Medien meldeten Zwischenfälle, während in Belgrad ein starkes Polizeiaufgebot vor dem Sitz der staatlichen Wahlbehörde Aufstellung nahm. Laut der Beobachterorganisation CRTA gab es in etwa einem Viertel der Wahllokale Berichte über fotografierte Stimmzettel, bis 14 Uhr wurden über 200 Unregelmäßigkeiten gemeldet.
Aus der Nähe von Niš hieß es, etwa 30 Männer seien in ein Wahllokal eingedrungen, um die Wahlkommission zu bedrohen. In Novi Sad führte die Polizei eine Personengruppe aus einem Kaffeehaus ab; im Raum steht der Verdacht auf Stimmenkauf für die SNS (Regierungspartei).
Vielerorts harrte die Diaspora stundenlang in der Warteschlange aus, auch vor dem serbischen Konsulat in Wien.
Ähnliche Bilder lieferten Videos aus London, Paris, Zürich und Stockholm. Die Diaspora gilt traditionell als Hochburg der pro-europäischen Opposition.
Der regierungskritischen Wochenzeitung „Vreme“ zufolge gaben in Wien sogar Maturanten des Gymnasiums Požarevac im Rahmen eines Schulausflugs ihre Stimme ab, und zwar nach Druck von Eltern und Lehrkräften. Ein Belgrader erzählte laut „Vreme“, sein Wahllokal sei kurz vor dem Urnengang nach Banja Luka verlegt worden. Er sei über 300 Kilometer gefahren, um trotzdem seine Stimme abzugeben.
Vucics Machtfrage
Aleksandar Vucic bestimmt seit 2012 die Politik Serbiens und will nach zwei Amtszeiten als Präsident nun Ministerpräsident werden. Als stärkster Gegner der SNS tritt die oppositionelle Studentenliste an, die in den vergangenen zwei Jahren mit Protestmärschen und direktem Bürgerkontakt mobilisierte.
Ihren Ausgang nahm die Bewegung nach dem 1. November 2024, als in Novi Sad das Bahnhofsvordach einstürzte und 16 Menschen starben. In der Öffentlichkeit wurde das Unglück weitgehend mit Korruption in Verbindung gebracht; ein Gerichtsprozess steht noch aus.
Regierungskritiker meldeten Versuche des Stimmenkaufs sowie unrechtmäßig erstellte Protokolle. Die Studentenliste ließ wissen, man stelle sich den Manipulationsversuchen entschlossen entgegen und habe jede Stimme unter Kontrolle. CRTA appellierte an die Wählerinnen und Wähler: „Wenn Sie um 20 Uhr vor einem Wahllokal stehen, muss die Wahlkommission ihnen die Stimmabgabe ermöglichen.“
Auch aus dem Ausland kamen Wortmeldungen: Péter Magyar sprach von einer „wichtigen Wahl“, der bosnisch-serbische Ex-Präsident Milorad Dodik rief zur „Ruhe“ auf und betonte die Verbundenheit der Republika Srpska (Teilrepublik Bosniens) mit Serbien.
Das Ergebnis entscheidet darüber, ob Vucic seine Macht absichern kann oder ob die Wechselstimmung die Oberhand gewinnt.