Private Profite und Geld aus unklaren Quellen
Es wäre auch nicht das postsozialistische Albanien, wären das nicht ausnahmslos Projekte privater Immobilienkonzerne.
Die haben mittlerweile die Wohnungspreise in Tirana in Höhen getrieben, die für normale Albaner nicht mehr leistbar sind. Gemessen am Einkommen ist die Stadt so teuer wie München.
Es ist auch nicht so ganz klar, woher all das Geld kommt, mit dem die Wolkenkratzer gebaut werden.
Diaspora-Albaner sind nur eine Quelle. Eine recht große, zugegeben. Sie dürften etwa ein Drittel aller neu entstehenden Wohnungen gekauft haben. Diese Wohnungen stehen in der Regel leer und dürften in den meisten Fällen reine Spekulationsobjekte sein.

Beim Rest liegt Schwarzgeldverdacht in der Luft wie der süßliche Geruch von Joints. Das hat miteinander zu tun: Albanien ist mittlerweile das größte Anbaugebiet für indischen Hanf in Europa. Die Plantagenbesitzer handeln nicht zwingend entsprechend dem albanischen Strafrecht, und man muss nicht davon ausgehen, dass sie ihre illegalen Aktivitäten versteuern. Das Geld muss irgendwo hin.
Die hier übliche Finanzierung der Großbauprojekte erleichtert es ihnen und anderen nicht zwingend völlig gesetzmäßig agierenden Geschäftsleuten, ihre Gewinne anzulegen ohne allzuviel Aufmerksamkeit zu erregen.
Hier kauft man die Wohnungen vor Baubeginn. Und häufig ohne Kredit und in bar.
Erinnerungen an die „Firmen“ der 1990-er
Dass zudem traditionell der informelle Kreditsektor einen hohen Anteil in der albanischen Wirtschaft hat, macht die Herkunft des Geldes nicht einfacher nachzuvollziehen. Und weckt Erinnerungen an die „Firmen“ der 1990-er, die mit ihren Pyramidenspielen das Land finanziell ruinierten.
(Mehr über dieses Kapitel könnt ihr im Buch Tales from Albarado: Ponzi Logics of Accumulation in Postsocialist Albania von Smoki Musaraj nachlesen. Hier gibt es diese wissenschaftliche Arbeit auch zum Download. Ich hoffe, in nächster Zeit eine ausführliche Rezension zu schreiben.)
Wie sehr der Bauboom in Albanien im Allgemeinen und in Tirana im Besonderen einer kapitalistischen Verwertungslogik folgt, sieht man sogar an an sich öffentlicher Infrastruktur.

Wie Immobilienkonzerne mehrfach am Bauboom verdienen – zu Lasten der Allgemeinheit
Edi Ramas Nachnachfolger als Bürgermeister, der sozialdemokratische Erion Veliaj, mag sich abmühen, das Beste aus der verfahrenen Situation zu machen. Nur entkommt auch er nicht der Logik des balkanischen Turbokapitalismus seit den 1990-ern.
Die neuen Einwohner seiner Stadt brauchen auch Schulen, Krankenhäuser und dergleichen mehr. Die werden unter Erions Ägide häufig als „Public Private Partnerships“ finanziert.
Ein privater Investor baut die Infrastruktur auf eigene Kosten. Die Stadt least sie über einen längeren Zeitraum – meist 20 Jahre. Danach geht sie in öffentliches Eigentum über. In der Zwischenzeit hat der Investor mit den Leasingraten der Öffentlichen Hand freilich ziemlich hohe Profite gemacht.
Auf Dauer sind solche Projekte deutlich teurer als würde man sie aus Krediten finanzieren.
Aber, wenn öffentliche Schulden pfui sind, hat man einen eingeschränkten Handlungsspielraum.

So verdienen private Immobilienkonzerne gleich mehrfach am Bauboom in Albaniens Hauptstadt: An den Wohnungen, deren Preise mit Geld aus dem Ausland und aus dunklen Quellen hochgetrieben werden, und an der öffentlichen Infrastruktur, die die Stadt braucht, um mit der massiven Landflucht in Albanien fertigzuwerden.
Nationalistische Symbolik als Trostpflaster
Als Trost greifen die Konzerne zum gleichen Mittel, wie man es etwa bei der umstrittenen Belgrade Waterfront beobachten konnte: Man befriedigt und befeuert den ortsüblichen Nationalismus.
Streckt in Beograd die kitschige Statue von König Nemanja ein Schwert in die Luft, bedient man sich in Tirana des Nationalhelden Skenderbeg.

Dieses Hochhaus soll aussehen wie sein Gesicht – oder die klassische Vorstellung seines Gesichtes, die mit dem historisch gesicherten Antlitz nur lose zu tun haben.
Die Erker dieses Hochhauses zeigen die Landkarte Albaniens.

So weit erkennbar, ist es immerhin keine großalbanische Karte. Das ist ja schon einmal etwas.
Balkan Stories, Christoph Baumgarten
Christoph Baumgarten ist Journalist und Balkanreisender aus Leidenschaft. Seit 2015 verbindet er beide Leidenschaften auf seinem Blog Balkan Stories. Dort versucht er, Geschichten zu erzählen, für die es in größeren Medien meist keinen Platz gibt und stellt die Menschen in den Mittelpunkt.
Mehr von Christoph könnt ihr unter balkanstories.net nachlesen.