Franjo Tuđman: Für die einen eine Vaterfigur, für die andere ein Unheilsengel

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Franjo Tuđman: Für die einen eine Vaterfigur, für die andere ein Unheilsengel

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Franjo-Tudjman-96-Geburtstag
(FOTO:zVg.)

„Immer und alles für Kroatien. Und unser einziges und ewiges Kroatien für nichts“, diese zwei Sätze kann man am Grab des ersten Präsidenten der Republik Kroatien, Franjo Tuđman in Zagreb lesen.

Heute jährt sich Tuđmans, der am 14. Mai 1922 in Veliko Trgovišće zur Welt kam, zum 96. Mal. Bis heute gilt er für seine Anhänger als „kroatischer George Washington“, der Begründer eines unabhängigen Kroatiens und als größter Kroate der Geschichte. Bis heute verbeugen sie sich vor seinen großen Errungenschaften, ohne die Taten bzw. Methoden Tuđmans zu hinterfragen. Wie wichtig er für die Ideologie des heutigen Kroatiens ist, zeigt auch die Tatsache, dass eine Tuđman-Büste jene von Josip Broz Tito im Präsidentenbüro ersetzte. (KOSMO berichtete) Allerdings sind sich viele Historiker und vor allem seine politischen Gegner einig, dass bei Franjo Tuđman nicht alles Gold ist, was glänzt…

Vom Kommunisten zum nationalen Ideologen
Nachdem er die Oberschule in Zagreb abgeschlossen hatte, war Franjo Tuđman ab 1941 aktiv als Partisan in der antifaschistischen Bewegung teil und wurde noch während der damaligen Kriege einem der Führungsstab-Repräsentanten der nationalen Befreiungsarme und der Bewegung für die Befreiung Jugoslawiens (POJ) ernannt. Bis 1961 war er fest in den Militärstrukturen Jugoslawiens verankert und dort auch tätig. Danach widmete er sich seiner akademischen Arbeit und Karriere.

Franjo Tuđman war auch aktiv am „Kroatischen Frühling“ in den 1960ern und 1970ern beteiligt und setzte sich für eine größere Autonomie Kroatiens und der kroatischen Sprache ein. Dies missfiel der damaligen jugoslawischen Führungselite, die darin nationalistische Bestrebungen sah. Tuđman wurde daraufhin aus dem Bund der Kommunisten Jugoslawiens verbannt. Daraufhin folgten zahlreiche Anklagen bzw. Gefängnisstrafen wegen „staatsfeindlicher Propaganda“ und „konterrevolutionärer Umtriebe“. Nachdem er seinen im Vorhinein abgenommen Reisepass wiedererlangte, reiste er nach Amerika und Europa, wo er sich aktiv in akademischen Kreisen für die kroatische Nationalbewegung einsetzte. 1989 gründete Tuđman schließlich die Partei HDZ („Kroatische Demokratische Union“)

Franjo-Tudjman-Grab
Franjo Tuđmans Grab am Mirogoj-Friedhof in Zagreb. (FOTO: zVg.)

„Erster Kroate der Moderne“
Nach den ersten demokratischen Wahlen seit dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1990, ging die HDZ als Gewinner vor und am 30. Mai wurde Tuđman schließlich als Präsident der Sozialistischen Republik Kroatien angelobt. Auch nach Kroatiens Unabhängigkeitserklärung wurde er zwei Mal wiedergewählt (1992 und 1997).

Unter seiner Amtszeit erlebte Kroatien nicht nur die internationale Anerkennung, sondern auch einen der schlimmsten Kriege seit Ende des Zweiten Weltkrieges mit schlimmen Verbrechen, die bis heute – aufgrund fehlender Aufklärung und Aufarbeitung – für Zündstoff im gesamten ehemaligen Jugoslawien sorgen. Und Tuđmans Rolle im Jugoslawienkrieg ist keinesfalls unumstritten.

„Alles für Kroatien“ – ohne Ausnahme
An dieses Motto hielt sich der erste Präsident Kroatiens und zog es rigoros durch. Es ist kein Geheimnis, dass für Kroatien nicht-kroatische Zivilisten bzw. Tuđman-Gegner ausgeraubt, misshandelt, vertrieben und ermordet wurden. Und all dies geschah zu jener Zeit, in welcher Tuđman als Oberster Befehlshaber der kroatischen Wehrmacht galt. Unter den zahlreichen Militäraktionen, die unter dem ersten kroatischen Präsidenten durchgeführt wurden, befindet sich auch die umstrittene Operation „Sturm“ („Oluja“), deren Gedenkfeier jedes Jahr für heftige Kritik und Proteste sorgt. (KOSMO berichtete) Tuđman nahm auch an den Friedensverhandlungen bezüglich Bosnien-Herzegowinas teil, die schließlich mit der Unterzeichnung des Abkommen von Dayton den Krieg beendeten (KOSMO berichtete) – jedoch stellt sich bis heute heute die Frage: „Zu welchem Preis“?

Vaterfigur oder Unheilsengel?
Die oben erwähnten Punkte sind nur ein extrem grober Überblick und Eckdaten von Tuđmans Biographie. Nichtsdestotrotz sieht man am Erwähnten, dass nicht alle Taten und Errungenschaften des ersten kroatischen Präsidenten gutgeheißen bzw. gebilligt werden sollten. Es ist selbstverständlich unbestreitbar, dass er eine große Rolle für die Formierung eines unabhängigen Kroatiens spielte.

Während Tuđman für viele als Vater der Nation und erster und wahrer moderner Kroate gilt, der seinem Volke Freiheit gab, so brachte er mindestens genauso viel Unheil über all jene, die seine Vision nicht teilten oder nicht Teil „seines kroatischen Volkes“ waren.