Heinz Fassmann: „Es gibt keine Ghettoklassen!“

INTERVIEW

Heinz Fassmann: „Es gibt keine Ghettoklassen!“

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„Bildungsfplicht statt Schulfplicht“: Fassmann will die Qualitätsstandards anheben. (FOTO: Igor Ripak)

INTERVIEW. Integrationsexperte Heinz Fassmann ist der neue Bundesminister für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Wir sprachen mit ihm über Förderklassen, Sprachdefizite und die Chancen von Migranten.

„Ein Riese im Mega-Ministerium“, war die Schlagzeile des Kurier als bekannt wurde, dass der 2,03 Meter-große Professor für Raumforschung und Anthropogeographie ein Bildungsmi-nisterium übernimmt, welches nun auch die Kindergartenagenden übernommen hat. Dabei war der gebürtige Düsseldorfer und einstige Vizerektor der Uni Wien der breiteren Öffent-lichkeit vor allem durch seine Tätigkeiten als Vorsitzender des Expertenrats für Integration bekannt.

Um Integration geht es klarerweise auch im Bildungsministerium. Im vergangenen Monat präsentierte der 62-jährige Minister die Pläne für Deutschförderklassen, in die ab Herbst jedes Kind mit Deutschdefiziten gehen muss. Wir sprachen mit Fassmann über die Pläne und die Kritik der Opposition, aber auch über die Chancen alter und neuer Migranten am Arbeits-markt.

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In den Jahren 2004 und 2005 habe ich in Paris gelebt und dort in den Vorstädten gearbeitet. Damals kam es täglich zu Unruhen in den Vororten. Ich habe erlebt, welche Folgen es für eine Gesellschaft hat, wenn junge Menschen der 2. und 3. Generation am Rande der Gesellschaft leben.

 

 

KOSMO: Kritiker werfen Ihnen vor, dass die neuen Deutschförderklassen eigentlich „Ghettoklassen“ sind. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?
Fassmann:
Der Begriff Ghettoklassen ist deplatziert. Das vorgelegte Modell ist ausgewogen und durchdacht. Es betrifft vor allem jene, die frisch nach Österreich kommen – die Querein-steiger und jene, die ohne Kenntnis der Unterrichtssprache in die Volksschule eintreten. Nehmen wir einen 10-jährigen Buben aus Syrien als Beispiel, der kein Wort Deutsch spricht. Es wäre nicht sinnvoll, ihn in eine Klasse zu stecken, wo er kein Wort versteht Die Deutsch-förderklasse ermöglicht ihm, rascher und effektiver in die deutsche Sprache zu erlernen, um später dem Unterricht folgen zu können und gut vorbereitet in das Regelschulsystem einzutre-ten. Niemand erwartet von ihm, dass er Deutsch wie Goethe spricht. Aber es soll ausreichend sein, um dem Unterricht folgen zu können und Unterhaltungen mit Mitschülern führen zu können. Mittlerweile ist mein Eindruck, dass die Zustimmung zu diesen Maßnahmen größer ist als die kritischen Stimmen.

Wie wird bestimmt, wann die Deutschförderklasse verlassen werden kann?
Es wird Tests geben, die die Kenntnisse objektiv abbilden. Mithilfe der Testergebnisse ent-scheidet der Schulleiter oder die Schulleiterin. Bei einigen wird ein Semester in der Deutsch-förderklasse ausreichend sein, was großartig ist, bei anderen wird ein zweites notwendig sein. Aber wir lassen die Kinder auch nach dem Übertritt in die Regelklasse nicht alleine. Es sind auch weitere Unterstützungsmaßnahmen vorgesehen, um ihre Deutschkenntnisse noch mehr zu festigen.

„Die Deutschförderklassen werden Quereinsteigern den Einstieg in die Schule erleichtern“. (FOTO: Igor Ripak)

Wie sieht es mit der Deutschförderung im Kindergarten aus?
Ich bin mir bewusst, dass das ebenso ein wichtiger Punkt ist. Laut der Sprachstandsfeststellung haben 30% der Kinder von 3 bis 6 Jahren Defizite in der späteren Unterrichtssprache Deutsch. Besonders hoch ist der Anteil bei türkischen und arabischen Kindern. Ich persönlich wäre für ein zweites Kindergartenjahr für jene, die es wirklich brau-chen, aber es ist natürlich auch eine Sache der Finanzierung. Auch da werden wir entspre-chende Lösungen finden müssen.

Sie haben beim Antritt eine Bildungsreform mit 136 neuen Maßnahmen angekündigt. Was sind dabei die größten Ziele?
Ich würde das Ganze nicht als neue Bildungsreform bezeichnen, es gab in der Vergangenheit so viele Bildungsreformen. Derzeit geht es um die Umsetzung der letzten Reform, also um die Frage wie die Schule im Gesamten organsiert ist, von der Verantwortung des Bundes, der Länder, der Bildungsdirektionen bis zu der Autonomie der Schulen.

Was ist noch geplant, um die späteren Chancen von Migrantenkindern auf dem Ar-beitsmarkt zu verbessern?
Ich bin unglücklich mit dem Begriff Migrantenkinder. Kinder in der zweiten Generation sind oft österreichische Staatsbürger oder in Österreich groß geworden. Ich will sie daher nicht stigmatisieren mit dem Begriff Migrantenkinder, weil sie ihren Migrationsstatus längst abge-legt haben. Zu ihrer Frage: Wir wollen, dass man mit entsprechenden Qualifikationen das Pflichtschulsystem verlässt und die duale Ausbildung stärken. Ebenso liegt es am Schulsys-tem, besonders talentierten Kindern Möglichkeiten für weiterführende Schulen aufzuzeigen. Die Informationsarbeit ist in dieser Hinsicht von enormer Wichtigkeit, vor allem bei der El-ternarbeit, um die Eltern für die Bildung ihrer Kinder zu motivieren. Deswegen steht die El-ternarbeit auch in unserem Regierungsprogramm.

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Ihre Heimat ist die Universität. Für diese haben sie sich „weniger Drop-Outs und kürzere Studiendauern“ gewünscht. Wie wollen Sie das erreichen?
Wir brauchen vor allem eine Verbesserung der Betreuungsverhältnisse. Es ist nicht befriedi-gend, dass auf einen Professor durchschnittlich 121 Studierende kommen. Manche sehen ihre Lehrenden nur ein, zwei Mal im Jahr. Das ist zu wenig.

Sie sind als Integrationsexperte bekannt, der sich naturgemäß auch sehr viel mit den verschiedenen Ethno-Communites auseinandergesetzt hat. Wie kommentieren sie die Lage der Ex-Yu-Community in Österreich?
Nun gehört Integration nicht mehr zu meinen Agenden, aber ich bin sehr optimistisch. Der Großteil der Ex-Jugoslawen hat es in die österreichische Mittelschicht geschafft oder ist auf dem besten Weg dahin.