Der Chef der weltgrößten Bank schlägt Alarm: Europa fällt wirtschaftlich immer weiter hinter Amerika zurück. Die Zahlen, die Jamie Dimon präsentiert, sind alarmierend.
Europa verliert zunehmend den wirtschaftlichen Anschluss an seine globalen Konkurrenten. Davor warnt Jamie Dimon, Chef der weltgrößten Bank JP Morgan, in deutlichen Worten. Bei einer Veranstaltung des irischen Außenministeriums konfrontierte er europäische Führungskräfte mit einer ernüchternden Bilanz: „Ihr verliert das Rennen gegen Amerika“, so Dimon unverblümt. „Europa ist in den letzten 10 bis 15 Jahren von 90 Prozent des amerikanischen BIP auf 65 Prozent zurückgefallen. Das ist besorgniserregend.“ Der Bankmanager betonte den wachsenden Abstand: „Wir in den USA verfügen über einen enormen, dynamischen Markt mit global erfolgreichen Unternehmen. In Europa gibt es das auch – aber die Zahl schrumpft kontinuierlich.“
Der langjährige JP-Morgan-Chef, der das Finanzinstitut seit fast zwei Jahrzehnten führt, hat seine Bedenken zur schwächelnden europäischen Wirtschaftsleistung bereits mehrfach öffentlich geäußert. In einem Financial-Times-Interview im April schlug er ähnliche Töne an: „Das Pro-Kopf-BIP Europas ist von etwa 70 Prozent des amerikanischen Niveaus auf 50 Prozent gesunken. Das ist nicht zukunftsfähig.“ Dimon zeigte sich überzeugt, dass Europa dieses Problem erkannt habe: „Ich glaube, die EU hat verstanden, dass sie ihre Regularien, Vorschriften und Richtlinien anpassen muss, wenn sie höheres Wachstum erreichen will.“
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Existenzielle Herausforderung
Die EU-Spitze bemüht sich derweil, die Wirtschaft nach einer langen Schwächephase wieder in Schwung zu bringen. Diese Durststrecke begann mit der Finanzkrise 2008 und setzt sich bis heute fort. Ein umfassender, 400 Seiten starker Bericht des ehemaligen EZB-Präsidenten (Europäische Zentralbank) Mario Draghi aus dem Vorjahr dokumentiert die wachsende Kluft zwischen den Volkswirtschaften der USA und der EU. Draghi fordert darin jährliche Zusatzinvestitionen von 750 bis 800 Milliarden Euro, um die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Union zu sichern.
Der Bericht spricht sogar von einer „existenziellen Herausforderung“ für die EU aufgrund des anhaltend schwachen Wirtschaftswachstums und hebt besonders den technologischen Rückstand hervor. Zudem habe der Verlust des günstigen russischen Erdgases infolge des Ukraine-Kriegs die wirtschaftliche Lage der Union weiter verschlechtert.
Strukturelle Unterschiede
Ein zentrales Problem ist die unzureichende Investitionstätigkeit in Forschung und Entwicklung. Während Unternehmen in der EU nur etwa 1,2 Prozent des BIP in diesen Bereich investieren, wenden US-Firmen rund 2,3 Prozent dafür auf. Diese Investitionslücke spiegelt sich unmittelbar in der Innovationskraft und technologischen Wettbewerbsfähigkeit wider.
Als Erfolgsmodell der USA gilt die konsequente Umsetzung eines einheitlichen Binnenmarkts mit geringen regulatorischen Hürden. Experten wie Dimon und Draghi betonen, dass Europa die Vollendung eines echten gemeinsamen Marktes und den Abbau regulatorischer Fragmentierung vorantreiben müsse, um international wieder konkurrenzfähiger zu werden.
Brexit-Folgen
Dimon war früher ein entschiedener Brexit-Kritiker und prognostizierte, dass der britische EU-Austritt zu einer Verlagerung von Finanzgeschäften von London in andere europäische Zentren wie Paris, Frankfurt und Amsterdam führen würde. In seinem Aktionärsbrief 2021 schrieb er unmissverständlich: „Kurzfristig, in den nächsten Jahren, kann der Brexit für das britische BIP keinesfalls positiv sein.“ Zu Dimons jüngsten Äußerungen wollte JP Morgan auf Anfrage keine weiteren Kommentare abgeben.
Das Pro-Kopf-BIP Europas sinkt im Vergleich zum amerikanischen deutlich.
Der alte Kontinent verliert schrittweise seinen wirtschaftlichen Vorsprung gegenüber den USA und China.