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KOSMO-DISKUSSION

PRO UND CONTRA: Sollen Migranten bei Stadt-Jobs bevorzugt werden?

Symbolbild (FOTO: iStockphoto)

Die Wiener Grünen, fordern dass Migrantinnen und Migranten bei der Jobvergabe durch die Stadt Wien bei gleicher Qualifikation bevorzugt werden sollen. In der KOSMO-Redaktion ist man bei diesem Thema gespaltener Meinung!

Das Internet-Portal „Wahlkabine“ hat bei den Parteien und Listen, die am Sonntag bei der Wiener Landtagswahl kandidieren, verschiedene Positionen abgefragt. Als Frage 25 heißt es: „Soll die Stadt Wien Menschen mit Migrationshintergrund bei gleicher Qualifikation bevorzugt in der Verwaltung und in städtischen Betrieben anstellen?“ Die Grünen beantworten das im Gegensatz zu den weiteren im Gemeinderat vertretenen Parteien mit „Ja“: „Es kann einer Stadt nur gut tun, wenn sich die Vielfalt ihrer Bewohner*innen in allen Teilen der Verwaltung widerspiegelt“, lautete die Begründung der Grünen.

Die anderen Parteien sehen das anders. Auch einige Experten warnen: „Das wäre nur Öl im Feuer der Migrationsdebatte!“ Und auch in unserer KOSMO-Redaktion ist rund um diese Frage eine Debatte mit teils konträren Positionen entstanden. Einige der Standpunkte haben unsere Redakteure Helene und Manuel hier für euch zusammengefasst, wobei Helene für eine Quote ist, Manuel sieht das etwas kritischer.

Manuel: Man muss bei einschneidenden Entscheidungen wie diesen einfach bedenken, dass jede Aktion auch eine Reaktion erzeugt. Und genau vor dieser Reaktion in einigen Teilen der Mehrheitsgesellschaft habe ich etwas Angst. Quotenregelungen könnten das Zünglein an der Waage darstellen, dass bereits bestehende Vorurteile und Diskriminierungen einfach noch stärker zum Vorschein kommen, da sich die sogenannten „autochthonen“ Österreicher dann diskriminiert fühlen. Und genau dieses Argument der „umgekehrten Diskriminierung“ durch Quoten-Regelungen ist in ihren Köpfen nur schwierig ausmerzbar.

Helene: Vorbilder! Jeder braucht sie. Aber Vorbilder sollen auch jene Menschen sein, zu denen man selbst einen Bezug herstellen kann. Sei es über das Geschlecht, den Herkunfts-Hintergrund oder der Hautfarbe. Aber wie soll man als Migrant ein Vorbild haben, wenn es kaum welche in leitenden Positionen, wie etwa im Vorstand städtischer Organisationen bis hin zu den StadträtInnen selbst gibt?! Mit der Erhöhung der Anzahl an MitarbeiterInnen mit Migrationshintergrund könnte meiner Meinung nach einerseits Rassismus bekämpft werden und andererseits könnte man der Bildung von Parallelgesellschaften vorbeugen. So baut man Vorurteile ab und schafft gleichzeitig Vorbilder für die Communitys!

Manuel: Mich würde es nicht wundern, wenn man beim altbekannten Sager „Du hast den Job ja nur weil du eine Frau bist und die Quote erfüllt werden muss“ das Wort „Frau“ einfach durch „Migrant“ ersetzt. Quoten sind, meiner Meinung nach, ein eher populistisches und oberflächliches Instrument, welches nicht genügend in die Tiefe reicht. Eine kurzfristiges Überschminken, wobei das Make-Up bald wieder verschwinden wird.

Helene: Es mag oberflächlich erscheinen, aber man muss irgendwo anfangen zu handeln! Oftmals ist das Problem überhaupt erstmal in die Position zu kommen, in der man unter Beweis stellen kann, dass man unabhängig von seinem kulturellen Hintergrund die gleichen Qualifikationen erfüllt und die gleiche Arbeit leistet: Es ist eine Tatsache und in mehreren Untersuchungen nachgewiesen, dass Menschen oftmals schon aufgrund ihres Lebenslaufes diskriminiert und nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Oftmals sind dafür aber nicht die Qualifikationen ausschlaggebend, sondern der „ausländisch“ klingende Name oder das Foto. Meiner Meinung nach wäre so eine Quote eine gute Lösung, um eine Diskriminierung die auf Vorurteilen beruht auszumerzen.

Sollte eine „Migranten-Quote“ eingeführt werden?

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Manuel: Meiner Meinung nach sollte man vielmehr daran arbeiten, das Problem an der Wurzel zu packen, indem man versucht verurteilende und diskriminierende Mechanismen innerhalb der Gesellschaft und Institutionen auszumerzen. Also ein generelles Umdenken innerhalb der Gesellschaft erzeugen, was bestenfalls dazu führt, dass man bei der Besetzung eines Postens gar nicht mehr darüber nachdenkt, wer die Person ist, sondern nur die Qualifikationen im Vordergrund stehen.

Helene: Da bin ich ganz bei dir. Das ist aber leider derzeit noch eine Ideologie, die wenig mit der Realität zu tun hat! Es gibt bereits seit Jahren –  zumindest in der Theorie – den Versuch die Vielfalt der Bevölkerung auch in der Vergabe von Jobs widerzuspiegeln. Die Praxis zeigt aber ein anderes Bild: Besonders auf Geschäftsführungsebene (auch in städtischen Unternehmen) findet man meist weiß, männlich und heterosexuell vor. Das spiegelt allerdings auf keinen Fall die Gesellschaft wieder! Also offensichtlich schafft es Wien nicht ohne eine gesetzliche Vorgabe für Diversität in der Stadtverwaltung zu sorgen. Es ist zwar traurig, dass man tatsächlich im Jahr 2020 eine verpflichtende Quote braucht, aber wenn das der einzige Weg ist, um eine Gleichstellung von Migranten und „gebürtigen“ Österreichern in leitenden Positionen zu erreichen, dann immer her damit!

Manuel: In genau jener gesetzlichen „Klassifikation“ von Menschen in „Frauen“, „Migranten“ und dergleichen sehe ich einen Schwachpunkt bzw. ein Problem bei der Quoten-Regelung. Und sind das eigentlich nicht genau die Schubladen, die man abschaffen möchte? Ganz zu schweigen von anderen Gruppen wie Transsexuellen, Homosexuellen und dergleichen. Werden die in Zukunft auch einfach in Quoten gepackt? Also ich möchte nicht als heterosexueller weißer Mann bei einer Jobbewerbung kategorisiert werden. Weder meine Hautfarbe, mein biologisches Geschlecht noch meine sexuelle Orientierung haben etwas mit meiner beruflichen Qualifikation zu tun, also warum diese „Eigenschaften“ mit Quoten-Regelungen hervorheben, oder sie aufgrund dieser – wie von den Grünen gefordert – bevorzugen?

Helene: Im Kampf um Gleichstellung in der Gesellschaft müssen wir ein Problem nach dem anderen lösen. Wir können nicht alle Zwischenschritte überspringen. Das wäre, als würde man versuchen einen Waldbrand mit einem Glas Wasser zu löschen. Daher muss mal das Grundproblem gelöst werden: Die Kluft zwischen der tatsächlichen Gesellschaft und ihrer Repräsentation im Beruf. Sollte es dadurch wirklich zu stärkerer Diskriminierung von Migranten kommen, ist das ein Folgeproblem, das es dann zu lösen gilt. Es sollte meiner Meinung nach aber nicht als Ausrede hergenommen werden, um eine Bewegung für mehr Gleichstellung schon im Keim zu ersticken, bevor sie überhaupt angefangen hat.