Schulmeister: „Österreich war die Avantgarde der Fremdenfeindlichkeit in Europa“

INTERVIEW

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Schulmeister: „Österreich war die Avantgarde der Fremdenfeindlichkeit in Europa“

(FOTO: Facebook/Stephan Schulmeister, Mario Ilic)

Muamer Bećirović traf für KOSMO den Wirtschaftsforscher und Universitätslektor Stephan Schulmeister zum exklusiven Interview.

Muamer Bećirović: In den 60iger, 70iger Jahren haben wir eine enorme Zahl an Gastarbeitern nach Österreich geholt, weil wir sie wirtschaftlich brauchten. Heute könnten einige Branchen ohne Migranten nicht funktionieren und für viele Zukunftsbranchen muss man sich die Expertise aus dem Ausland holen. Warum sind wir dem heute gegenüber derart skeptisch?
Stephan Schulmeister: Zum einen hatten wir damals eine Arbeitslosenquote von unter einem Prozent – also eine totale Vollbeschäftigung. Es war zweckmäßig sich diese Menschen ins Land zu holen und das hat den Interessen der Österreicher genutzt. Manche hatten allerdings die Illusion, dass die Gastarbeiter nach verrichteter Arbeit wieder gehen würden. Österreich hatte nie eine geplante Einwanderungspolitik wie das Kanada, USA, oder die Australier hatten. Die Schweiz hatten eine interne Regelung getroffen, dass man die Gastarbeiter relativ leicht wieder loswerden konnte. Diese Dinge wurden in Österreich erst gar nicht bedacht, weil man dachte, das Wirtschaftswunder würde anhalten und man bräuchte die Gastarbeiter länger. Vor diesem Hintergrund waren es lediglich die Freiheitlichen mit ca. sieben Prozent, die fremdenfeindliche Sprüche klopften.

Damals gab es also nicht diese Stimmung wie heute?
Sie war definitiv geringer. Ich erinnere hierbei an das Plakat der Wirtschaftskammer, wo damals „I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric. Warum sogns´ zu dir Tschusch?“ stand, in der für mehr Offenheit gegenüber den Gastarbeitern geworben wurde.

Sie tun ja so, als wären wir heute weitaus wirtschaftlich weitaus schlechter dran. Das stimmt ja nicht. Wir haben unter 5 Prozent Arbeitslosigkeit. Wir leben doch in keiner Krise.
Die niedrige Arbeitslosigkeit sagt aber wenig über die Lage der arbeitenden Menschen aus, weil seit 30 Jahren, und zwar in ganz Europa, immer mehr schlechte Arbeitsplätze geschaffen werden. Diese werden auch atypische Jobs genannt. Sie sind nicht voll sozialversichert, darunter sind auch viele unfreiwillige Teilzeitarbeiter. In Europa haben 1/3 keinen normalen Job mehr, die man mal gewohnt war. Statistisch sinkt die Arbeitslosenquote, auch wenn der Job ein 15-Stunden Job ist, weil man damit als beschäftigt gilt. Trotzdem nimmt dadurch die Unsicherheit und Ungleichheit bei den Menschen zu. Ein Nährboden des Aufschwungs der Rechtspopulisten ist sicherlich die Verschlechterung der sozialen Lage. Dann kommt die „Sündenbockpolitik“ hinzu, die sagt, die Ausländer nehmen dir deinen Job weg, was pauschal nicht stimmt. Die schlecht qualifizierten Migranten machen ja überwiegend jene Jobs, die die Österreicher nicht machen wollen.

Diese Diskrepanz ist interessant: Auf der einen Seite könnten Krankenhäuser oder die Gastronomie ohne Migranten nicht funktionieren, auf der anderen Seite gibt es die Einsicht nicht, dass dem so ist.
Die meisten Menschen wissen das durchaus. Aber in ihrer Eigenschaft als Unzufriedene, wo Angst und Unsicherheit zunimmt, suchen sie die Sicherheit, insbesondere in der nationalen Identität. Sobald ich im Nationalen die Sicherheit suche, ist der nächste Schritt, dass jene, die nicht dazugehören, alle weggehören. Das ist ähnlich wie mit dem Antisemitismus damals. Obwohl es etwa kaum Juden gab, war der Antisemitismus ausgeprägt, es reicht die Vorstellung, dass uns eine bestimmte Gruppe von Menschen bedroht.

Warum ist die Herangehensweise mit dem Fremden in den Vereinigten Staaten anders als in Europa?
Die USA sind als Einwanderungsland entstanden. Das, was wir als United States bezeichnen, ist der sogenannte Meltingpot, der Schmelztiegel der Kulturen und Nationen. Wenn ein Land erst durch Einwanderung entsteht, dann macht es keinen Sinn, Konflikte zwischen diesen Einwanderern verschiedener Herkunft zu schüren, da es keinem etwas bringt. Man hat sich darauf geeinigt, dass wir alle verschiedener Herkunft sind, aber unter einer Flagge leben. Die Gründer Amerikas waren Feinde von jeglichen Nationalismen, da ansonsten Amerika nicht funktioniert hätte. Europa hingegen hat eine völlig andere Geschichte mit Kriegen und ständigen nationalen Konflikten.

Kommen wir zu den Unternehmen. Von den zehn größten Technologiegiganten kommt kein einziges aus Europa. Woran liegt das?
Die USA lernen schneller, da sie auch ein Staat sind. So kommen Investitionen in ihrem militärischen Komplex  – von der Flugzeug- bis zur Informationstechnologie – der Wirtschaft zu gute, die Unternehmen habe die Innovationen des Militärs weiter entwickelt. Das GPS zum Beispiel war anfangs für das Militär gedacht, das die Technikunternehmen dann für sich genutzt haben. Die Giganten des Sillicon Valley  – Apple, Google und Co. – sind im hohen Maß vom Staat unterstützt worden. Das wird viel zu wenig gesehen.

Ich habe mir mal die Ausgaben für Forschung & Entwicklung weltweit angesehen. In den TOP 10 der Länder, die am meisten dafür Geld ausgeben, befinden sich sechs europäische Länder. Trotzdem scheinen wir das wirtschaftlich nicht auf den Boden zu bringen. Wir müssten gemessen an unseren Ausgaben für Forschung fünf der Technologiegiganten haben. Das tun wir aber nicht, Wieso? Und eine weitere Frage: Warum gehen die klügsten Leute weltweit überall hin, nur nicht nach Europa?
Dort, wo schon Dynamik ist, wird sie genährt, weil es spannender ist im Sillicon Valley tätig zu sein, als im langweiligen Europa zu bleiben. Dynamik im Ort zieht dynamische Menschen von aller Welt an. Zum anderen haben sich dort die wichtigsten Technologien der letzten 30 Jahre entwickelt, die Informationstechnologien. Diese produzieren von Natur aus Monopole. Wer als erstes ein System wie Microsoft, Apple, Facebook oder dergleichen etabliert, dem gehört der Großteil des Marktes. Wir haben diese Trends in Europa definitiv nicht erkannt und die Amerikaner waren die ersten, die sich auf Betriebssysteme, Standard-Software und Online-Plattformen spezialisiert haben.

Dafür sind wir in der Industrie viel besser. Zum Beispiel genießt das österreichische Unternehmen Doppelmayr eine Monopolstellung in der Herstellung von Seilbahnen.
Das stimmt. In der Industrie sind wir hochinnovativ. Die Chinesen, die begnadet darin sind, Produkte zu kopieren, haben sich Doppelmayr-Seilbahnanlagen gekauft und versucht, sie zu kopieren. Damit sind sie krachend gescheitert, weil das Produkt zu komplex ist. Und seitdem kaufen sie wieder bei Doppelmayr ein. Wir haben im Vergleich zu den Amerikanern zu wenig intellektuelle Disruption. Wir denken viel evolutionärer und weniger revolutionär. Das macht diesen Kontinent aus.

Die USA schafft es die Talente, die es auf der Welt gibt, in die USA zu holen. Das schaffen wir in Europa nicht in dem Maße.
Das ändert sich auch hier. Sehen Sie sich den Konzern Infineon in Kärnten an. Die Mitarbeiter kommen aus 40 Ländern. Die großen Konzerne in Europa kapieren schon, dass sie Know-how aus allen Ländern benötigen. Die Politik hinkt der Wirtschaft immer hinterher.

Warum ist es bei uns so schwierig das Potential von jedem Einzelnen zu entfalten? Beispielsweise haben wir zugewanderte Menschen, die Molekularbiologen sind, aber Taxi fahren. Das Argument vieler ist, dass sie ihr Diplom nicht nostrifizieren können und dass das in Österreich immer schwierig bis unmöglich war.
Das hat letztlich mit dem Aufstieg der Rechtspopulisten zu tun. Österreich ist die Avantgarde der Fremdenfeindlichkeit in Europa gewesen. Das hat mit Jörg Haider schon vor fast 40 Jahren begonnen. Die anderen Parteien passten sich dem an und übernahmen freiheitliche Sprüche. Und diese Politik sickerte über Jahrzehnte in alle Lebensbereiche. Also sogar bis dahin, dass dir eine erlangte Qualifikation aus dem Ausland nicht anerkannt wird, weil sie nicht aus Österreich ist.

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