„Selbst ich würde mit der FPÖ lieber als mit der SPÖ koalieren“

INTERVIEW

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„Selbst ich würde mit der FPÖ lieber als mit der SPÖ koalieren“

Muamer Becirovic ÖVP
Muamer Bećirović: "Die ÖVP ist realistischer als die SPÖ. Deswegen haben ich mich für die Volkspartei entschieden". Foto: KOSMO/Mario Ilić

Muamer Bećirović (23) gilt als Nachwuchshoffnung der ÖVP.

Bereits im jungen Alter von 16 Jahren schloss sich der heutige Jus-Student der Volkspartei an und ist heute Bezirksobmann der Jungen ÖVP in Rudolfsheim-Fünfhaus. Dabei hat der junge Mann eine spannende Biographie: Gemeinsam mit seinem Eltern als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Wien gekommen, besuchte er das Islamische Realgymnasium, dessen Schulsprecher er war, aber auch eine katholische Schule. Seine Mutter stammt aus Zvornik (Bosnien) und sein Vater aus dem Sandžak (Serbien).

Neben seiner Tätigkeit in der Jungen Volkspartei, gründete er gemeinsam mit seinem besten Freund „Kopf um Krone“, ein Online-Magazin welches Gespräche mit bekannten Politikern, Schauspielern und Unternehmern führt. Wir trafen den jungen Mann, den das Forbes Magazin zu den „wichtigsten 30 Menschen unter 30“ in der Kategorie Medien und Marketing in Österreich zählt.

KOSMO: Seit jungen Jahren interessierst du dich für die Politik. Wieso hast du dich ausgerechnet für die ÖVP entschieden?
Bećirović:
Diese Frage wird mir oft gestellt, manchmal mit dem Zusatz, wieso ich nicht zur klassischen „Migrantenpartei SPÖ“ gegangen bin. Ich habe mich natürlich mit den Parteien auseinandergesetzt bevor ich zur Jungen ÖVP ging, aber bei der SPÖ störte mich vor allem eines: Man stellt die Ideologie über die Realität. Und das ist auch das, was mir so sehr an der ÖVP gefiel. Die ÖVP flüchtet nicht vor der Realität wie die SPÖ und hat immer im Auge, was tatsächlich möglich ist. Beispiel: Die SPÖ will eine Reichensteuer um jeden Preis, aber denkt eigentlich gar nicht über die Gegenargumente nach. Wenn am Morgen nach der Erhöhung der Reichensteuer zahlreiche Unternehmen berechtigt ihr Kapital dann ins Ausland bringen, wird es zu spät sein, weil dann Geld und Arbeitsplätze weg sind…

Gegenfrage: Gibt es etwas, was dich an der ÖVP stört? Wie möchtest du dich selber in der Partei in Zukunft einbringen?
Nach der ersten Frage wird es vielleicht paradox klingen, aber ich denke: Ein bisschen Idealismus würde uns neben dem berechtigten Realismus nicht schaden. Aber mit ein bisschen ist keine SPÖ-Realitätsflucht gemeint. Es ist wichtig, eine Balance zu halten. Wenn es um mich persönlich geht, bringe ich eine andere Perspektive in der ÖVP – gerade aus dem Grund, weil ich in Fünfhaus in die Schule ging, die Lebensverhältnisse von Migranten kenne, genauso wie die Perspektivlosigkeit von vielen migrantischen Jugendlichen, die eine Tatsache ist. Und da erlaube ich mir zu sagen: Ja, ich bin zweifellos kompetenter in dieser Frage als ein Politiker, der aus einem reichen Elternhaus ist und ist gar keinen Bezug zu Migranten hat.

„Wenn es um Migranten geht, bin ich zweifellos kompetenter in dieser Frage als ein Politiker, der aus einem reichen Elternhaus ist und ist gar keinen Bezug zu Migranten hat..“
über Migrationspolitik.

Du bist jemand, der eigentlich zwei Welten kennt – oder? Du bist eine Zeit in eine katholische Schule gegangen, andererseits warst du jahrelang in einem Islamischen Realgymnasium…
Das könnte man so sagen, ja. Aber ich muss in einem sehr grundlegenden Punkt widersprechen: Die Zeit in der katholischen und in der islamischen Schule hat sich in punkto Schulbildung nicht so sehr unterschieden. Der Lehrplan war fast gleich und meinen Eltern war es wichtig, dass ich eine moralische Bildung bekomme und die habe ich bei beiden Schulen genossen. Der größte Unterschied war, dass in der katholischen Schule Kinder von Ärzten, Anwälten und Unternehmern waren. Und in der Islamischen Schule waren es eben Kinder von Bauarbeitern, Döner-Verkäufern oder Reinigungskräften.

Muamer Becirovic Övp Sebastian Kurz
„Die Politik in Österreich ist zu feig, um sich wahrhaftig mit dem Problemen der Migration zu konfrontieren“, sagt Bećirović im KOSMO-Interview. Foto: KOSMO/Mario Ilić

Also entsprach das Islamische Gymnasium nicht dem Bild, welches einige Zeitungen und Studien über islamische Kindergärten und Schulen zeigen?
Nein, meine Schule war öffentlich anerkannt, hatte mehrere Zertifikate und es gab auch regelmäßig Kontrollen. Aber es gibt leider sehr wohl auch die andere Seite, Kindergärten und Schulen wo nicht Recht und Ordnung herrscht, sondern wo auch Hassprediger ein- und ausgehen. Jedoch: Wenn man die religiösen Schulen aus anderen Konfessionen untersuchen würde und nicht nur die islamischen, käme man zu ähnlichen Ergebnissen. Da bin ich überzeugt.

Deine Schule war in Fünfhaus. Wie sehr hat dich der Bezirk geprägt?
Ich mag Fünfhaus und es ist kein Zufall, dass ich dort in die Schule gegangen bin und ausgerechnet dort in der Jungen ÖVP aktiv wurde. Andererseits tut es mir um Fünfhaus auch leid: Es ist ein sehr unterschätzter Bezirk, der viel zu oft links liegen gelassen wird. Die Wiener Regierung hat einen Fokus auf die wohlhabenden Bezirke: Dort wird das Geld investiert, um den Glanz zu erhalten. Dabei bräuchte Fünfhaus das Geld viel dringender. Die Brennpunktschulen dort sind ein akutes Problem, die Jugendlichen brauchen wirklich Hilfe – aber im Rathaus wird geschlafen. Wenn man seit 40 Jahren herrscht, verliert man wohl das Gespür für Wien…

„Wenn man seit 40 Jahren herrscht, verliert man wohl das Gespür für Wien…“
über die SPÖ-Regierung in Wien.

Du meinst, dass es im ÖVP-regierten Niederösterreich besser ist?
Absolut. Es ist zwar – zugegeben – Wien und Niederösterreich schwer 1:1 zu vergleichen, aber auch Niederösterreich hat viele Migranten. Und dort hat man diese Probleme sehr wohl in die Hand genommen. Jugendliche Migranten in Niederösterreich haben definitiv wesentlich bessere Perspektiven als Jugendliche aus Floridsdorf, Ottakring oder Fünfhaus.

Bist du gläubiger Moslem?
Es ist mein Religionsbekenntnis, aber ich zweifle an Gott generell. Ich bin konservativ aufgewachsen, aber lernte im Laufe des Studiums und aufgrund meiner publizistischen Tätigkeiten viele verschiedene Autoren kennen. Ich bin ein großer Anhänger von Immanuel Kant, der einmal schrieb, dass Gott der menschlichen Vernunft enzogen sei, weil er nicht in Raum & Zeit erfassbar ist. Und es sind viel zu große Ungerechtigkeiten in der Geschichte passiert, als das ich Gottes Plan oder Existenz darin sehen könnte.

EIN BUCH MIT DEM EX-VIZEKANZLER ERHARD BUSEK

Foto: zVg

Der junge Austrobosnier hat sich über ein Jahr mit dem Ex-Vizekanzler Erhard Busek im Cafe Imperial getroffen, um mit ihm politisch zu debattieren. Dabei wurden nun die aufgenommenen Gespräche im vor kurzem erschienen Buch „Ich erlebe das nicht mehr, aber Du!“ veröffentlicht.


Die Hetze gegen Muslime in der Politik und in den Medien wird von Jahr zu Jahr stärker. Wie gehst du damit um – nicht nur als Politiker, sondern als jemand, der aus einer bosnisch-muslimischen Familie stammt?
Die Verärgerung unter den Migranten, vor allem den Muslimen ist bis zu einem gewissen Grad berechtigt. Wenn wir uns ehrlich sind, wird an Ihnen fast alles ausgeschlachtet. Andererseits kann man Probleme auch nicht wegreden, z.B. den Anteil der ausländischen Kriminalität, die proportional faktisch einfach höher ist als bei Einheimischen. Was ich der Politik dabei vor allem übel nehme: Die Politik will diese Probleme nicht wahrhaftig lösen. Man behält sie lieber, steckt sie in den Gefrierschrank und holt sie dann kurz vor den Wahlen raus und lässt sie in der Mikrowelle platzen. Die Politik in Österreich ist zu feig, um sich wahrhaftig dieser Probleme anzunehmen. Das finde ich schade, weil das ein wichtiges Thema für unseren Zusammenhalt im Land ist, unabhängig von Herkunft und Religion. Aber man macht es sich eben leicht, so wie die FPÖ z.B. – die ist super wenn es um das Schreien geht, aber regieren ist was anderes. Da sind die Blauen, vor allem bei solchen Themen, nur eine schreiende Gurkentruppe.

Trotzdem koaliert Kanzler Sebastian Kurz mit der FPÖ und nicht mit der SPÖ. Wäre dir eine schwarz-rote Koalition lieber?
Ach, die FPÖ schreit herum, das stimmt. Aber wenn man alles auf die Waage legt, ist klar, dass man mit der FPÖ viel mehr weiterbringen kann als mit der SPÖ. Man kann sich viel leichter auf Sachfragen einigen. Zwischen ÖVP und FPÖ gibt es in Sachfragen Unterschiede, aber diese sind nicht so groß wie mit der SPÖ. Rot-Schwarz konnte sich Jahre und Jahre auf Nichts einigen, weil die Weltanschauungen total unterschiedlich sind. Das ist auch der Grund für den Aufstieg der FPÖ: Man konnte den Rechtspopulisten nicht den Wind aus den Segeln nehmen. Ich persönlich wäre ja viel mehr Fan von Schwarz/Neos/Grün,  aber das geht sich im Bund leider nicht aus. Deswegen sage sogar ich: Ja, bevor man mit der SPÖ koaliert, dann lieber mit der FPÖ.

„Ich persönlich wäre ja viel mehr Fan von Schwarz/Neos/Grün,  aber das geht sich im Bund leider nicht aus. Deswegen sage sogar ich: Ja, bevor man mit der SPÖ koaliert, dann lieber mit der FPÖ.“
– über die Türkis-Blaue Koalition.

Wie sieht dein eigener Plan aus – wirst du bald auf einer Wahlliste zu finden sein?
Momentan ist nichts geplant. Wenn man mich braucht, werde ich da sein. Aber momentan bin ich eher mit publizistischen Aktivitäten befasst. Es macht mir Spaß, Kommentare, Artikel und Bücher zu schreiben und auch an unseren Online-Portal „Kopf um Krone“ zu arbeiten.

Apropos publizistische Aktivitäten:
Du hast vor kurzem mit dem einstigen Vizekanzler und großen Balkan-Experten Erhard Busek ein Buch („Ich erlebe das nicht mehr, aber Du!“) über eure gegenseitigen Gespräche im Cafe Imperial veröffentlicht. Was kannst du uns über das Buch verraten?
Erhard Busek ist ein äußerst interessanter Politiker der alten Schule, der immer sehr an die europäische Idee geglaubt hat. Auch für den Balkan hat er ein großes Interesse, da er als Vizekanzler außenpolitisch viel mit dem Westbalkan zu tun hatte. Alleine deshalb war ich schon sehr interessiert daran ihn einmal zu interviewen. Nachdem ich für „Kopf um Krone“ ein Interview mit ihm führte, endete es aber nicht dabei. Wir trafen uns seitdem regelmäßig im Cafe Imperial,  um über politische Themen zu debattieren. Letztendlich wurde aus den Aufnahmen auf dem Recorder ein ganzes Buch.

Muamer Bećirović ÖVP
„Wenn die Partei mich auf der Wahlliste auch braucht, werde ich da sein“, sagt Muamer über eine mögliche Kandidatur zur NR-Wahl. Foto: KOSMO/Mario Ilič

Busek gilt als Balkan-Experte, war Koordinator des Stabilitätspakts und ist heute auch noch Leiter des Instituts für Donauraum und Mitteleuropa. Wie gut kennt Busek den Balkan wirklich?
Wenn es um die Geschichte, die Fakten und die politischen Hintergründe geht, ist Busek ein viel besserer Kenner des Balkans als viele Balkanesen selbst. Von ihm konnte ich einiges Neues über den Balkan lernen. Aber wenn es um die Mentalität und die Kultur geht, dann sieht es anders aus. Er kann zwar Sachen nachvollziehen, aber unsere Mentalität und Eigenart verstehen – das fällt mir natürlich leichter und ich glaube, dass ich ihm diesbezüglich auch etwas beibringen konnte. Auch wenn uns mehr als ein halbes Jahrhundert trennt.

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