Start COMMUNITY Serbisches Zentrum in Wien – Offenheit, Kultur und Menschlichkeit
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Serbisches Zentrum in Wien – Offenheit, Kultur und Menschlichkeit

Seit seiner Gründung im Jahr 1995 hat das Serbische Zentrum in Wien zahlreiche kulturelle und künstlerische Programme organisiert und Brücken zwischen Österreich und Serbien gebaut. Frischen Wind brachte eine Gruppe junger Intellektueller, die sich der Organisation 2019 anschloss.

Am Montagmorgen verließen zwei Lastwagen voller Möbel und anderer Haushaltsgegenstände Wien in Richtung Kosovo und Metohien. Es handelt sich um humanitäre Hilfe für die dortigen Serben, die bei den jüngsten katastrophalen Überschwemmungen schwer getroffen wurden. Die Hilfsgüter haben einen Wert von über 80.000 Euro. Außerdem legten alle, die an der Aktion teilnahmen, Botschaften der Unterstützung bei. Viele von ihnen sind Mitglieder des Serbischen Zentrums, die den größten Teil der Arbeit erledigt haben, sowie Mitglieder anderer serbischer Verbände, die beim Beladen der Lastwagen geholfen haben. Diese humanitäre Aktion ist Anlass für ein Gespräch mit dem Management dieses Vereins, auf das man stolz sein kann.

Dipl.-Ing. Ing. Branko Jovović, Mitglied der Vereinsleitung

Sie gehören zu jener Gruppe junger Menschen, die vor nicht allzu langer Zeit dem serbischen Zentrum beigetreten sind…
Unsere Gruppe trat 2019 dem serbischen Zentrum bei. Ein Jahr zuvor haben wir unabhängig voneinander einige Aktionen gestartet, die die ersten Schritte unserer gemeinsamen Arbeit waren: ein Jazzkonzert, ein Basketballspiel, ein Theaterstück und ein GameDay, an welchem auch viele Österreicher teilnahmen. Wir erzählten ihnen von der Situation am Kosovo und in Metochien, sie zeigten Interesse und zusammen kamen wir auf die Idee, eine Vereinigung zu gründen oder einer bestehenden beizutreten. In diesem Moment waren ungefähr zehn von uns in der Gruppe, in der Zwischenzeit kamen neue Leute dazu. Ich muss betonen, dass die meisten von ihnen eine Universität abgeschlossen haben und stehen mitten im Berufsleben. Allerdings zählen wir auch viele Studenten zu unseren Mitgliedern.

Warum haben Sie sich auf Kosovo und Metochien fokussiert?
Einige Freunde aus unserer Gruppe wurden dort geboren. Ihre Familie und Freunde leben heute noch dort. Wir lernten also aus erster Hand, wie sie leben. Sie wissen, nirgendwo in unserer gesamten Region leben Menschen unter schlechteren Bedingungen! Wir waren dort, haben mit Leuten gesprochen. Diese Leute erzählten uns: „Es bedeutet uns viel, dass ihr gekommen seid, mehr als die Hilfe und Spenden, die ihr uns mitgebracht habt.“ Dort werden tiefer Respekt und Mitgefühl geboren, besonders wenn es um Kinder geht. Deshalb haben wir unsere humanitäre Arbeit unseren Landsleuten im Kosovo und in Metochien gewidmet. Lassen Sie mich jedoch eines klarstellen: wir sind weder in die Politik involviert, noch haben Politiker Einfluss auf uns. Wir sind keine Nationalisten und niemand kann uns der Entfremdung von der Idee der Demokratie vorwerfen.

Würden Sie auch Albanern helfen?
Natürlich würden wir jedem helfen, der Hilfe braucht! Nicht unsere nationale Zugehörigkeit leitet unsere humanitäre Arbeit, sondern unsere Menschenfreundlichkeit. Wenn mehrere Gemeinschaften, einschließlich Albaner, in den von uns besuchten Teilen friedlich und normal zusammenleben würden, würde ein Teil unserer Hilfe sicherlich auch an sie gehen. Leider wurde das Rezept für ein Funktionieren der dortigen Gemeinden noch nicht gefunden, und ich sage das, ohne mich auf politische Diskussionen und Erklärungen einlassen zu wollen.

Haben Sie bereits jemand anderem als Serben im Kosovo und in Metochien Hilfe geschickt?
Ich hatte nicht vor, darüber zu sprechen, damit dies nicht als Prahlen interpretiert wird. Als wir eine Möbelsendung für den Kosovo und Metochien vorbereiteten, gab es eine Initiative, Kontakt mit einer kroatischen Organisation in Wien aufzunehmen. Unsere Absicht war es, ihnen bei den Spendensammlungen für Erbebenopfer zu helfen. Leider gab es keine konkrete Zusammenarbeit. Wir haben den GameDay zusammen mit einem österreichischen Fußballverein organisiert und das meiste Geld an das St. Anna Kinderspital gespendet.

2019 haben Sie den traditionellen Heiligen Sava Ball organisiert, der gänzlich einen humanitären Charakter hatte.
Das ist richtig. Jeder Euro, der mit dem Ticketverkauf eingenommen wurde, ging an wohltätige Zwecke. Das meiste Geld wurde für den Bau des Hauses der Familie Čukarić aus Velika Hoča verwendet, während der Rest zur Finanzierung unseres für uns sehr wichtigen Projekts „Za dečju radost“ verwendet wird.

Leider hat die Pandemie Ihre Arbeit beeinträchtigt …
Wir haben uns entweder zurücklehnen können und warten oder etwas Nützliches tun. Wir haben uns dazu entschlossen, die Räumlichkeiten des serbischen Zentrums zu renovieren und die Bibliothek für die Wiedereröffnung vorzubereiten. Wir haben unsere Bibliothek eröffnet. Dort warten nun mehr als 5.000 darauf gelesen zu werden, sobald dies die Maßnahmen zulassen.Wir sind sehr stolz, weil es die einzige serbische Bibliothek in Österreich ist. Wir haben viele Klassiker, Belletristik, wissenschaftliche und professionelle Literatur, Kinderbücher sowie Titel in Englisch und Deutsch. In den Schubladen haben wir eine Reihe von Projekten mit kulturellem und pädagogischem Charakter, die darauf warten, realisiert zu werden, und wir denken auch viel über den nächsten Ball nach. Natürlich hängt alles von der Pandemie und den Maßnahmen der Regierung ab. Viele Menschen mit serbischer Herkunft sind daran interessiert, sich uns anzuschließen, und wir sind bereit, ein intensives Networking zu beginnen, das für uns alle nützlich und interessant sein wird.

Dipl. Ing. Nikola Osmokrović, Mitglied der Vereinsleitung

Ich weiß, dass das Projekt „Za dečju radost“ für Sie alle besonders wichtig ist. Worum geht es genau?
Diese Initiative wurde Mitte 2019 ins Leben gerufen, mit dem Wunsch, dass die humanitäre Arbeit des serbischen Zentrums in irgendeiner Weise erkennbar wird. Wir haben aus erster Hand erfahren, dass die Bewohner der Dörfer im Kosovo und in Metochien aufgrund geringen Einkommens dazu gezwungen sind, auszuwandern. Daher haben wir uns dazu entschlossen, einen Fonds zu schaffen, aus dem monatliche Stipendien in Höhe von jeweils einhundert Euro an Grund- und Sekundarschüler vergeben werden. Wir haben die Namen von zwölf Kindern aus der Diözese Raska und Prizren erhalten, und unterstützen sie seit Juni 2019 bis zum Abschluss der Mittelschule.

Haben Sie diese Kinder persönlich getroffen?
Ja, wir haben sie alle kennengelernt. Wir werden regelmäßig über ihren Schulerfolg und das Leben ihrer Familien informiert. Wir sind froh, dass unsere Hilfe ihr Leben etwas erleichtert, und uns freut es ganz besonders zu hören, dass diese Familien inzwischen auch neue Kinder bekommen haben, d.h. dass unsere Stipendiaten Schwestern und Brüder bekommen haben.

Wie wird das Projekt finanziert?
Wir haben einen Teil des Geldes aus dem Gewinn unserer ersten Projekte beiseitegelegt, ein Teil der Einnahmen beim Heiligen Sava Ball floss auch in diesen Fonds. Immer mehr Menschen hörten auch von „Za dečju radost“ und zeigten sich bereits, einem oder mehreren Kindern ein Stipendium zu finanzieren. Sie kommen alle aus Österreich. Als die Corona-Pandemie begann, hatten wir bis September 2020 Mittel im Stipendienfonds. Glücklicherweise haben sich Personen gefunden, denen es ein Anliegen war, dass das Projekt fortgesetzt wird.

Woher haben Sie die Hilfsgüter, die Sie nun in den Kosovo und nach Metochien gesandt haben?
Wir hatten das Glück, dass uns Slavica Đurđević davon erzählte, dass wir Geräte aus dem zu Trend Hotel beziehen können. Ich kann gar nicht betonen, wie viel uns das bedeutet, denn derzeit gibt es im Kosovo und in Metochien viele Familien, deren Häuser durch die Überschwemmungen zerstört wurden. Ehrlich gesagt, war es für uns ein großer Aufwand, da wir das Geld sammeln mussten, um zwei Lastkraftwagen zu organisieren, die bis nach Gračanica fahren. Außerdem mussten wir uns auch um die notwendigen Dokumenten kümmern. Dank Spenden hatten wir innerhalb kürzester Zeit die Summe zusammen. Großer Dank gilt der Botschaft der Republik Serbien in Österreich, allen Spendern und unseren Freunden aus anderen Organisationen, die uns dabei halfen, die Lkws zu beladen und für die Reise fertigzumachen. Dies wird mit Sicherheit nicht unsere letzte humanitäre Aktion bleiben.

Milorad Mateovic, Präsident des Serbischen Zentrums

Bedeutet das „Serbisch“ im Namen auch nationalistisches Zentrum?
Natürlich nicht! Serbisch bestimmt die Zugehörigkeit zu einer Nation, so wie das chinesische, deutsche oder französische Zentrum genannt. Ich glaube nicht, dass sich jemand am Namen stören wird.

In seinem jahrzehntelangen Bestehen hat das Serbische Zentrum viele kulturelle und künstlerische Programme in Wien organisiert …
Das stimmt! Theateraufführungen, literarische Abende, Konzerte klassischer Musik, Ausstattung der Bibliothek, Gestaltung und Organisation des Heiligen Sava Balls und vieles mehr waren die Programme, mit denen wir uns in Österreich und im Herkunftsland einen Namen machten. Das Ziel unserer Arbeit war es, unsere beiden Länder, unsere Völker, Traditionen und Kulturen, miteinander zu verbinden.

Teil des serbischen Zentrums ist seit 2019 ein Team junger, gebildeter und fleißiger Menschen. Ist es jetzt einfacher, einen Verein zu führen?
Natürlich ist es das! Sie brachten neue Kraft, neue Ideen und frischen Wind, was mich sehr stolz macht. Ich unterstütze junge Menschen und denke, dass ihnen mehr Raum zum Gestalten gegeben werden sollte, wie dies im serbischen Zentrum der Fall ist. Natürlich ist auch die Erfahrung von uns Älteren erforderlich, denn auf dieser Grundlage sollten sie aufbauen, und bis sie genug Erfahrung gesammelt haben, um selbst eigene Projekte zu führen.

Sie sind seit den 1990er Jahren Leiter des serbischen Zentrums. Wann wollen Sie in den Ruhestand gehen?
Ehrlich gesagt, ich fühle mich noch nicht müde, ich habe viel Energie für all die Dinge, die ich liebe. Ich werde in dieser Position sein, solange meine Mitarbeiter es wollen. Wenn einer von ihnen sagt, dass er bereit ist, die Leitung des serbischen Zentrums zu übernehmen, überlasse ich ihm gerne das Ruder.