Start Politik Vucic: „Ich will nicht ans Meer, ich will nach Jasenovac gehen!“
KLARE AUSSAGE

Vucic: „Ich will nicht ans Meer, ich will nach Jasenovac gehen!“

ALEKSANDAR_VUCIC
(FOTO: EPA/Stéphanie Lecocq)

In seiner Pressekonferenz in am Montag Belgrad sprach Serbiens Präsident Aleksandar Vucic über die Regierungsbildung, die Energieversorgung und seinen beabsichtigten Besuch in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Jasenovac. „Mein einziger Fehler ist, dass ich in einem EU-Mitgliedsland eine Blume für Hunderttausende Opfer in Jasenovac niederlegen wollte“, meinte Vucic.

Die Sonderiungsgespräche mit allen Parteien und Listen, einschließlich der Parteien der albanischen und kroatischen Minderheiten, laufen weiter und werden in ca. 10 Tagen konkretisiert, so Vucic. 

Im Hinblick auf die Energieversorgung erklärte der serbische Präsident, dass Gasspeicher nicht nur in Serbien, sondern auch auf ungarischem Staatsgebiet gefüllt werden, um die Versorgungssicherheit im kommenden Winter zu gewährleisten. Man „kämpfe täglich“, um die Energieträger sicherzustellen, heißt es. 

Die Kohlevorräte werden mit Hilfe chinesischer Partner rasch aufgefüllt, und für Erdöl- und Erdölderivate gilt derzeit ein Ausfuhrverbot, welches die Treibstoffpreise im Land stabilisieren soll. Bei Strom- und Gaspreisen soll eine Deckelung eingeführt und die Preissteigerung bis maximal 10 Prozent zugelassen werden.

Zirkus, Chaos und Anschuldigungen

Die Angriffe der kroatischen Medien, die ihm einen „geheimen Besuch“, einen „Zirkus“ bzw. eine absichtliche Inszenierung unterstellten, seien völlig aus der Luft gegriffen, meinte Vucic . „Vucic wollte unser Staatsgebiet betreten und Blumen niederlegen. Stellt euch nur vor, was für ein Chaos das auslösen könnte“, meinte Vucic sarkastisch und zeigte die Titelseiten der kroatischen Zeitungen, allen voran Jutarnji list, vor. 

„Am 2. September 2021, einen Monat nach den Feiern anlässlich der Operation Sturm (Oluja), die die Kroaten groß feiern und für uns ein Grund für Trauer ist, kontaktierten wir das Kabinett der Premierministers Plenkovic mit dem Ersuchen, der Gedenkstätte des KZ Jasenovac am 10. September einen Besuch erstatten zu dürfen. Zwei Tage später kam die Antwort: ‚Wir ersuchen Sie, den Besuch wegen der inneren politischen Situation in Kroatien zu verschieben‘. Dieser Bitte sind wir nachgekommen. Wir sind damit gar nicht an die Öffentlichkeit gegangen, denn das ist unser Verständnis einer partnerschaftlichen Beziehung. Kroatien ist ein wichtiger Handelspartner, mit dem wir ein Außenhandelssufizit haben. Wir wollten keine Spannungen. Das war aber nich alles. Am 1. März 2022 wiederholten wir unser Ansuchen. Ich bat darum, Jasenovac am 5. März 2022 besuchen zu dürfen. Zwei Tage später erhielten wir die Antwort, dass dieser Besuch zu jetzigem Zeitpunkt nicht erwünscht sei. Kein einziges Medium erfuhr davon, wir machten keine Beschwerden publik, wir waren korrekte Partner. Beim dritten Mal setzte ich Pupovac (Vertreter der Serben in Kroatien) davon in Kenntnis, der das Kabinett Plenkovic informierte. Nichts war geheim, wie sie es selbst sagen. Sie hatten die Operation Sturm unbewusst mit Jasenovac in Verbindung gebracht, nicht ich war das, aber die kroatische Seite sehr wohl. […] Es stimmt nicht, dass ich meinen Besuch mit Absicht zeitnah mit den Feiern anlässlich der Operation Sturm angesetzt hatte, ich versuche das seit September letzten Jahres, da waren die Feiern längst vorbei.“, erklärte Vucic.

„Es war auch kein Geheimnis, dass ich die Öffentlichkeit von meinem Besuch unterrichten wollte, denn es ist eine Schande für alle Serben, dass 81 Jahre nach der Gründung eines der größten nazistischen Todeslager im Zweiten Weltkrieg kein einziger serbischer Präsident die Gedenkstätte besucht hat. Kein einziger Präsident hat Jasenovac während seines Mandats besucht. […] Es war mir ein Anliegen, vor dem Auslaufen des Mandats ein Zeichen zu setzen, dass wir die serbischen, aber auch jüdischen und Roma Opfer, niemals vergessen werden.“

„Am Donnerstag, 14. Juli erhielt ich die Note von Plenkovic und Radman, in der ich gebeten werde, nicht zu kommen. Sie seien überrascht und hätten inoffiziell von dem Besuch erfahren, hieß es. Ich erklärte, dass ich keine sinnlosen Ausreden mehr über unpassenden Zeitpunkt hören möchte und nur eine Blume niederlegen will, sonst nichts.“

Jasenovac darf keine verbotene Stadt werden

Über das KZ Jasenovac erklärte der Präsident, dass dieses Todeslager nicht befreit und von keinen Einheiten der Alliierten jemals angegriffen wurde. „Viele seltsame Dinge stehen mit diesem KZ in Verbindung. Diese Schicksal behielt es auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als hätte es ein Schweigegelübde gegeben. Präsident Broz war auch niemals in Jasenovac“, meinte Vucic. 

„Ich wollte Blumen für die Opfer niederlegen. Ein Strandurlaub und das KZ Jasenovac haben nichts miteinander zu tun. Mich interessiert kein Kroatienurlaub, mich interessiert die Gedenkstätte“, so Vucic. Wie sich herausstellte, wollte er in eine verbotene Stadt reisen, denn sein Besuch sei eindeutig nicht erwünscht.

„Offenbar sind Serben in Jasenovac nur zwischen 1941 und 1945 erwünscht gewesen“, meinte Vucic. 

Vucic erinnerte daran, dass sein Vater als Waise aufgewachsen war, weil die Großeltern von den kroatischen Faschisten getötet waren und alle Häuser der familie Vucic in Kroatien 1992 niedergebrannt wurden. 

„Jasenovac ist ein verbotener Ort für uns. Wir werden daran arbeiten, dass dies in den Köpfen der serbischen Kinder kein verbotener Ort ist. Wir werden in unser Bildungssstem investieren, in virtuelle Serien und Bücher. Wir dürfen die Opfer aus anderen Nationen nicht vergessen, aber genauso dürfen wir die eigenen Opfer nicht der Vergessenheit überlassen.“ 

Zu dieser Erinnerungskultur dürfte auch der Film „Dara aus Jasenovac“ des Regisseurs Predrag Antonijevic gehören, der bereits heftige Reaktionen in den Ländern des Westbalkans ausgelöst hatte. „Was ist in diesem Film unwahr? Etwa die Originalrede des Lagerkommandanten Luburic? […] Ist das ein Problem, wenn jemand die Wahrheit zeigt? Viele haben offensichtlich ein Problem mit der Wahrheit“, schloss Vuicic.