Grün – und trotzdem zu wenig Zeit: Wiens Ampelschaltungen geraten für eine ganze Bevölkerungsgruppe zur täglichen Herausforderung.
Kurze Grünphasen an Wiener Fußgängerampeln stehen zunehmend in der Kritik. Das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) und mehrere Seniorenverbände sprechen sich für eine Verlängerung der Ampelzeiten aus. Vor allem ältere Menschen würden durch die bestehenden Schaltintervalle unter Druck geraten.
KfV-Verkehrssicherheitsleiter Klaus Robatsch sieht in den aktuellen Regelungen ein strukturelles Problem: „Viele Seniorinnen und Senioren wollen den Schutzweg wegen der kurzen Grünphase gar nicht mehr betreten.“ Das wirke sich auch auf das subjektive Sicherheitsempfinden im Straßenverkehr aus.
Ampelschaltung Wien
Zuständig für die Ampelschaltungen in Wien ist die Magistratsabteilung 33. Seitens der Behörde wird darauf verwiesen, dass sich die Schaltungen an den Richtlinien und Vorschriften für den Straßenbau (RVS) orientieren. Wie lange eine Ampelphase dauert, hänge von verschiedenen Parametern ab – darunter die Lage der Kreuzung, die Verkehrsdichte, die Tageszeit sowie die Zusammensetzung der Verkehrsteilnehmer.
Festgelegt ist dabei eine Mindestgrünzeit von zehn Sekunden für Fußgänger, gefolgt von einer Grünblinkphase. Anschließend beginnt die sogenannte Räumzeit – also jener Zeitraum zwischen dem Rotwerden für Fußgänger und dem Grünsignal für den Querverkehr. Berechnet wird sie auf Basis einer Gehgeschwindigkeit von 1,0 bis 1,2 Metern pro Sekunde.
Wie viel Zeit tatsächlich zum Überqueren bleibt, ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Schutzweglänge, Grünphase und Räumzeit. Ein konkretes Rechenbeispiel der Stadt: Bei einem 15 Meter langen Schutzweg und einem angesetzten Räumzeittempo von einem Meter pro Sekunde ergibt sich gemeinsam mit einer Grünphase von zehn Sekunden eine Gesamtzeit von 25 Sekunden. Wer die Fahrbahn in dieser Zeitspanne überqueren möchte, muss mindestens 0,6 Meter pro Sekunde zurücklegen.
Seniorenorganisationen sehen trotzdem Handlungsbedarf. Der Österreichische Seniorenbund (ÖSB) verlangt „mehr Schutz für Seniorinnen und Senioren im Straßenverkehr“. Präsidentin Ingrid Korosec betont, dass es für ältere Menschen zunehmend schwieriger werde, Straßen bei Grün sicher zu überqueren. Auch beim Pensionistenverband Österreich (PVÖ) nehmen entsprechende Rückmeldungen zu. Ilse Fitzbauer vom PVÖ-Wien weist darauf hin, dass besonders an viel befahrenen, mehrspurigen Straßen die kurzen Grünphasen für ältere Menschen zur Belastung würden.
Technische Neuerungen
Wien setzt mittlerweile auf technische Neuerungen, um die Situation zu entschärfen. Seit 2024 werden an ausgewählten Schutzwegen sogenannte Räumzeitanzeigen installiert. Ergänzend zum herkömmlichen Rot- und Grünlicht signalisiert ein orangefarbener Zebrastreifen die verbleibenden Sekunden, in denen die Fahrbahn noch gefahrlos überquert werden kann.
Nach Angaben des Magistrats sind derzeit rund 250 solcher Übergänge in Wien mit diesem System ausgestattet, vorrangig dort, wo die Schutzweglänge zehn Meter überschreitet. An einzelnen Kreuzungen kommen darüber hinaus sogenannte intelligente Ampeln zum Einsatz. Diese erkennen mithilfe von Sensoren und Künstlicher Intelligenz selbständig, wenn Fußgänger die Straße überqueren möchten – ein Tastendruck ist nicht mehr erforderlich.
Die Systeme passen die Grünphasendauer automatisch an die jeweilige Situation an: Warten viele Menschen an einem Zebrastreifen, verlängert sich die Grünzeit entsprechend.