„Wir haben zu spät begonnen, unsere Geschichte schriftlich festzuhalten“

REPORTAGE

„Wir haben zu spät begonnen, unsere Geschichte schriftlich festzuhalten“

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Dr. Smail Balic
Szene aus der Münzgasse mit Dr. Smail Balic. (FOTO: zVg.)

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Der Moslemische Sozialdienst hat die Vorarbeit für die Gründung einer Islamischen Religionsgemeinschaft geleistet, ist seitdem jedoch in Vergessenheit geraten. Salim Hadžić, das letzte noch lebende Mitglied, erinnert sich an die Anfänge.

Als wir uns zum ersten Termin treffen ist er noch sichtlich geschwächt von einer Erkältung, die er sich vor Tagen eingeholt hat und nicht abschütteln konnte. Er sitzt mir gegenüber und beschwert sich über einen seiner Schüler, der zwar „ein schlauer aber auch ein fauler Bub“ sei. Seine Augen fixieren meine, er schaut nicht weg, wenn er mit mir redet. Sein Blick ist aber nicht streng. Mit einem herzhaften, fast ansteckenden Lächeln zählt er all jene Ratschläge auf, die er dem Jungen gegeben hat und man glaub ihm, dass seine Kritik konstruktiv gemeint ist. Sein Gesicht ist von altersgerechten Falten geziert und ich habe das Gefühl, das hinter jeder eine Geschichte steckt.

Ich lasse ihn reden ohne konkrete Fragen aus meinem vorbereiteten Katalog zu stellen. Er spannt den Bogen sehr weit und reiht Anekdoten in nicht chronologischer Ordnung aneinander. Es erinnert mich ein wenig an Pulp Fiction, Quentin Tarantinos ikonischen Film. Seine Erzählungen haben alle das gleiche Thema: die Zeit vor dem 2. Mai 1979, also vor der Gründung der Islamischen Religionsgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), an der er auch beteiligt war.

„Wir Muslime in Österreich haben zu spät begonnen unsere Geschichte schriftlich festzuhalten oder generell zu schreiben.“

Ich nehme seine Worte nicht auf und mache auch keine Notizen. Bevor ich das tatsächliche Interview führe, will ich zuerst einmal sein Wissen aufsaugen und versuchen für mich zu verstehen wie der Moslemische Sozialdienst (MSD), der Verein, der für die Gründung der IGGiÖ verantwortlich ist, samt seiner Belegschaft in Vergessenheit geraten konnte. Salim Hadžić, ehemaliger Imam des Vereines, Religionslehrer in Wien, der Mann mit den dezent nach links gekämmten Haaren, den kleinen braunen Augen und der sanften aber autoritätsstiftenden Stimme (typisch Lehrer!), jener Mann, der mir gegenüber sitzt und vier Päckchen Zucker in seine Wiener Melange rührt, ist das einzige noch lebende Mitglied aus dem Kernteam des MSD. Ich frage ihn also direkt: warum kennt man den MSD nicht? Seine Schultern sind nach innen gewölbt. Mit einer resignierten Stimme sagt er: „Wir Muslime in Österreich haben zu spät begonnen unsere Geschichte schriftlich festzuhalten oder generell zu schreiben.“ Darum steuert er dagegen.

Er verfasst ein Memoire, vertraut er mir an. Außerdem arbeite er an einem Artikel für eine Anthologie über den Islam in Österreich – mehr darüber können er mir nicht sagen. Als leidenschaftlicher Konsument österreichischer Tageszeitungen und Zeitschriften, schreibt er zudem in regelmäßigen Abständen Leserbriefe, wenn er der Meinung ist, dass der Artikel fehlerhafte Informationen über den Islam enthält. Der Standard, die Wiener Zeitung, Die Presse und Die Furche haben bereits seine Kommentare veröffentlicht. Als Imam und Lehrer fühlt er sich dazu verpflichtet. Im Grunde war es einem (mündlichen) Kommentar zu verdanken, dass ich ihn überhaupt kennengelernt habe.

Er wäre mir damals nicht einmal aufgefallen, wenn er nicht meinen Artikel kritisiert hätte. Ich wusste nicht wer er war und er wusste nicht, dass ich den bemängelten Artikel (eine Reportage für das Stadtmagazin „Das Biber“ aus dem Jahr 2013) geschrieben hatte. Zwischen mir und ihm saßen acht Leute, die meisten von ihnen kannte ich nicht. Ein gemeinsamer Freund hatte zu einem Abendessen geladen und so fanden wir uns an zwei gegensätzlichen Enden des gleichen Tisches. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern was er kritisiert hat. Ich sagte, dass ich der Autor war (dieser Zufall überraschte ihn sehr) und dass wir nach dem Essen darüber reden könnten. Das war 2016. Ein Arzt, der anwesend war und den ich kannte, klärte mich auf, dass es sich um Salim Hadžić handelte, den ersten Imam, den Jugoslawien ins Ausland entsandt hatte, ich konnte jedoch nichts mit dieser Information anfangen.

„Wir wollten mit unserem Wirken das falsche Bild, das die Menschen über den Islam hatten, ändern.
Weg von Hollywood und Karl May und hin zur Realität“

Es vergingen zwei Jahre, bis ich begriff wieso ich diesen Mann eigentlich kennen sollte. Dem (mittlerweile aufgelösten) Verein, dem er einst angehörte, dem MSD, und ihrem jahrelangen Kampf war es zu verdanken, dass es heute eine Institution gibt, die sich um die Belange der Musliminnen und Muslime in Österreich kümmert. Dass ich das nicht wusste, zeugt von meiner lethargischen Ignoranz, denn ich (wie viele andere Muslimen aus meinem Umfeld) hatte mich nie erkundigt wie sich der Islam historisch-rechtlich in Österreich entwickelt hat. Ich wusste, dass die Religion, der ich angehöre, 1912 per Gesetz anerkannt wurde, weil Österreich-Ungarn vier Jahre zuvor Bosnien und Herzegowina nach 30-jähriger Okkupation offiziell annektiert hatte und bosnische Muslime Teil des österreichischen Militärs wurden. Auch wusste ich, dass die IGGiÖ 1979 mit der Arbeit begann, doch ich dachte nie über die Zeit dazwischen nach. Ein integraler Teil dieser 67-Jahre-dauernder Periode ist der MSD.

„Wir wollten mit unserem Wirken das falsche Bild, das die Menschen über den Islam hatten, ändern. Weg von Hollywood und Karl May und hin zur Realität“, sagt Hadžić beim zweiten Interviewtermin, immer noch erkältet. Der Moslemische Sozialdienst wurde 1962 von einer kleinen Gruppe bosnischer Intellektuellen, allen voran Smail Balić (jener Mann mit der Vision eines zentralen Organs) und Teufik Velagić, als a-politischer Verein gegründet. Hadžić war zu dem Zeitpunkt neun Jahre alt und ich nicht einmal eine Wunschvorstellung, denn meine Mutter wäre zu dem Zeitpunkt acht und mein Vater 13 Jahre alt gewesen sein. Zu den erklärten Zielen (und verankerten Statuten) des Vereines zählten die Förderung der sozialen, karitativen und kulturellen Aufgaben des Islams, die Vertiefung des Dialogs zwischen Nichtmuslimen und Muslimen und die Vorbereitung der formellen Grundlage für die Gründung einer islamischen Kultusgemeinde. Der letzte Punkt war für die Gründer wohl der Wichtigste.

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