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Jugendhilfe

10.000 junge Wohnungslose: Caritas schlägt Alarm bei „vergessener Generation

10.000 junge Wohnungslose: Caritas schlägt Alarm bei „vergessener Generation
(FOTO: iStock)
4 Min. Lesezeit |

Jeder dritte Wohnungslose in Wien ist unter 30 Jahre alt. Über 10.000 junge Menschen ohne festes Zuhause wurden in den letzten zwei Jahrzehnten von der Caritas betreut.

In Österreich trägt Wohnungslosigkeit ein junges Antlitz: Ein Drittel aller Menschen ohne festen Wohnsitz in Wien hat das 30. Lebensjahr noch nicht erreicht. „Wie viele Jugendliche und junge Erwachsene österreichweit betroffen sind, ist hingegen schwerer zu sagen. Denn eine systematische Erhebung über Bundesländergrenzen hinweg fehlt. Die Situation wohnungs- und obdachloser Jugendlicher sollte aber nicht weiter im Dunkeln bleiben“, erklärte Caritasdirektor Klaus Schwertner bei einer Pressekonferenz im a_way, dem einzigen Jugendnotquartier Wiens.

Um Licht ins Dunkel dieser bislang wenig erforschten Gruppe zu bringen, hat die Caritas die Daten zweier Wiener Einrichtungen für obdachlose junge Menschen ausgewertet – der Jugendnotschlafstelle a_way und dem Wohnhaus JUCA. „In den vergangenen 20 Jahren wurden in Wien mehr als 10.000 junge wohnungslose Menschen von der Caritas unterstützt und begleitet, allein im a_way über 58.000 Nächtigungen gezählt. Diese Zahlen zeigen: Junge Wohnungslosigkeit ist keine Randerscheinung. Sie betrifft sehr viele junge Menschen und als Gesellschaft sollten wir diesem Phänomen dringend mehr Aufmerksamkeit widmen“, so Schwertner.

Biographische Brüche

Die Auswertung der Caritas verdeutlicht, dass Brüche in der Biographie nachhaltige Folgen für die Wohnstabilität junger Menschen haben. Maresi Kienzer, Leiterin vom Wohnhaus JUCA: „Je mehr biographische Brüche die Bewohner*innen in der Vergangenheit erlebt haben, desto schwieriger wird es für sie, langfristig in stabilen Wohnverhältnissen Fuß zu fassen.“ Jede Unterbrechung der Wohnform verringert die Chance auf eine stabile Wohnsituation nach dem Auszug um 13,8 Prozent.

Besonders gravierend: Nach einer Delogierung steigt das Risiko, anschließend prekär zu wohnen, um 89 Prozent. Eine einzige Nacht auf der Straße oder in einer Notunterkunft reduziert die Aussicht auf gesichertes Wohnen um 58 Prozent. Haftaufenthalte führen mit 62-prozentiger Wahrscheinlichkeit zu schlechteren Wohnverhältnissen nach der Entlassung. Tom Adrian, Leiter von a_way: „Als Notschlafstelle sind wir für viele junge Menschen in Krisensituationen das letzte soziale Netz. Wir sehen: Je früher Hilfe ansetzt und die jungen Menschen in Krisensituationen gezielte Unterstützung finden, desto früher kann Brüchen im Lebenslauf entgegengesetzt werden. Die Ergebnisse machen unmissverständlich klar, dass wir damit jungen Menschen eine höhere Chance auf ein stabiles Wohnen schenken.“

Für das Hilfssystem oft zu alt, für ein Leben auf der Straße zu jung – die Caritas-Daten zeigen, wie Lebensbrüche die Wohnchancen junger Menschen gefährden. Adrian erklärt: „Alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen bringen ihre eigene Geschichte mit. Doch so unterschiedlich die Schicksale auch sind, so gibt es doch zahlreiche Gemeinsamkeiten: 76 Prozent unserer Klient*innen haben den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen. Die Hälfte war bereits in Kontakt mit der Kinder- und Jugendhilfe. Und rund ein Drittel hat bereits auf der Straße oder in einer Notschlafstelle geschlafen.“

Kienzer ergänzt: „Für viele ist die Zeit auf der Straße oder in Notquartieren traumatisierend. Es braucht viel Zeit und Begleitung, um diese Erfahrungen zu verarbeiten. Wir versuchen, ihnen diese Zeit zu geben.“

Notwendige Maßnahmen

„Wir dürfen uns niemals mit Wohnungslosigkeit bei jungen Menschen abfinden und sollten daher strukturelle und nachhaltige Unterstützung zu einem möglichst frühen Zeitpunkt ermöglichen“, betont Schwertner. „Wir würden uns eine bundesweite Gesamtstrategie im Einsatz gegen junge Wohnungslosigkeit wünschen. Wir brauchen mehr spezifische Angebote für junge Wohnungslose und österreichweit einheitliche Standards im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe. Die Kinder- und Jugendhilfe wird dafür auch mehr Ressourcen benötigen als sie heute hat.“

Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei die sogenannten Care Leaver (junge Menschen nach Betreuungsende). Die Betreuung sollte österreichweit bis zum 24. Lebensjahr fortgeführt werden, statt mit der Volljährigkeit zu enden. Kienzer: „Im Schnitt ziehen junge Menschen in Österreich erst mit 25 Jahren von zuhause aus – doch gerade von den vulnerabelsten jungen Menschen erwarten wir Selbständigkeit ohne Unterstützung ab dem 18. Geburtstag.“

Um jungen Menschen den Weg in ein eigenständiges Leben zu ebnen, bittet die Caritas um finanzielle Unterstützung.

Schwertner: „Viele der jungen Menschen, die zu uns in das JUCA oder a_way kommen, bringen kaum mehr als das Nötigste mit – oft fehlt es ihnen an allem und sie haben keine finanziellen Rücklagen. Daher sind sie während ihrer Zeit bei uns, aber besonders beim Schritt in die erste eigene Wohnung, dringend auf Unterstützung angewiesen.“

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KO KOSMO-Redaktion
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