Ein 13-Jähriger lebt ohne sein eigenes Herz – was Belgrader Chirurgen wagten, ist medizinische Weltgeschichte.
Zehn Tage nach einem Eingriff, der in der Geschichte der Herzmedizin seinesgleichen sucht, sitzt ein 13-jähriger Junge aus Sarajevo in einem Belgrader Krankenhaus, fiebert mit der bosnisch-herzegowinischen Fußballnationalmannschaft mit und atmet – ohne Beatmungsgerät, mit einem Kunstherz in der Brust. „Er geht hervorragend“, sagt Dr. Sasa Borovic, einer der beteiligten Herzchirurgen. „Alle lebenswichtigen Organsysteme funktionieren wie sie sollen. Das Kunstherz arbeitet ausgezeichnet. Er ist sehr glücklich, sehr zufrieden. Seine Mutter ist bei ihm – und hat nicht mehr so viel Angst wie zuvor.“
Was am 5. Juni in Belgrad gelungen ist, war bis dahin erst zweimal in der Geschichte der Medizin vollbracht worden – und zwar in den Vereinigten Staaten. Einem Kind mit einem Körpergewicht von 40 Kilogramm und einer Körperoberfläche von 1,25 Quadratmetern wurde ein vollständiges mechanisches Herzersatzsystem implantiert. Weltweit wurden zwar bei Erwachsenen bereits knapp 3.000 solcher Eingriffe durchgeführt, in der Pädiatrie jedoch lediglich rund 70 Mal – und bei Kindern mit derart geringer Körperoberfläche eben nur zweimal zuvor.
Dramatische Zuspitzung
Ermöglicht wurde dieser Eingriff durch das gemeinsame Handeln zweier Belgrader Spitzeninstitutionen: des Instituts für kardiovaskuläre Erkrankungen „Dedinje“ und des Instituts für Mutter-Kind-Gesundheit „Dr. Vukan Cupic“. Der Junge war über die Kooperation zwischen dem Institut für Mutter und Kind und pädiatrischen Kliniken aus der Föderation Bosnien und Herzegowina nach Belgrad gekommen. In seiner Familie gibt es eine schwere genetische Vorbelastung – ein Onkel hatte bereits in Deutschland eine Herztransplantation wegen Herzinsuffizienz erhalten.
Kurz nach der Ankunft in Belgrad verschlechterte sich der Zustand des Buben dramatisch. Er musste notfallmäßig an ein ECMO-Gerät angeschlossen werden, das vorübergehend die Funktion von Herz und Lunge übernimmt. „In dieser kritischsten Situation standen wir vor der Frage, was wir mit dem Kind tun sollten“, erinnert sich Borovic.
Herztransplantationen bei Kindern werden in Serbien nicht durchgeführt, das Transplantationsprogramm läuft generell nicht mit voller Kapazität. Um dem Jungen das Überleben zu sichern und Zeit für eine spätere Transplantation zu gewinnen, schlug Borovic seinem Kollegen Professor Vukomanovic vor, ein Kunstherz einzusetzen. Die Implantation bedeutet dabei nicht bloß eine Unterstützung des natürlichen Herzens, sondern dessen vollständige Entfernung – eine sogenannte Kardiektomie. An seiner Stelle übernimmt ein mechanisches System mit zwei Kammern und einem Antriebsmechanismus die Blutpumpe im Brustkorb.
In den kommenden zwei Wochen stehen für den Jungen Physiotherapie und schrittweise Mobilisierung auf dem Programm. Danach wird er nicht mehr ans Krankenbett gebunden sein. Er erhält ein tragbares Antriebsgerät – rund sechs Kilogramm schwer, in einem Rucksack zu tragen –, das das Kunstherz mit Energie versorgt. Doch Borovic betont: „Das ist keine endgültige Lösung. Die endgültige Lösung ist die Herztransplantation.“
Er steht bereits in Kontakt mit einem führenden deutschen Krankenhaus, das Transplantationen bei Kindern mit mechanischer Herzunterstützung durchführt. Über Institutionen in der Föderation Bosnien und Herzegowina wird derzeit nach einem Weg gesucht, den Eingriff dort zu realisieren.
Das Kunstherz verschafft dem Jungen wertvolle Zeit – Monate, möglicherweise Jahre.
Systemische Lücken
Der internationale Widerhall ließ nicht lange auf sich warten. Der Hersteller des einzigen weltweit FDA-zertifizierten Kunstherzens übermittelte dem Belgrader Team umgehend seine Glückwünsche. „Das wird weder in Zagreb noch in Ljubljana, noch in Skopje, Bukarest oder Sofia gemacht – ich glaube, auch nicht in Athen“, so Borovic.
Doch der Chirurg warnt davor, den Einzelerfolg mit einem funktionierenden System zu verwechseln. Modernste Geräte allein nützen nichts, wenn Organisation und ausgebildetes Personal fehlen. „Wir haben in diesem Moment gezeigt, dass wir das können. Aber von diesem Anekdotischen bis zur systemischen Lösung ist ein enormer Weg. Im Moment gibt es kein System, das jene Kinder erkennt, die diese Art von Hilfe brauchen – weder aus Serbien noch aus der Region.“
Direktor Vukomanovic hat bereits eine Initiative gegenüber dem Gesundheitsministerium gestartet, das nach Angaben Borovics guten Willen signalisiert, ein entsprechendes Programm für Kinder aufzubauen. Er selbst will gemeinsam mit Vukomanovic daran arbeiten, Belgrad als regionales Zentrum für Hochleistungsmedizin dieser Kategorie zu etablieren. „Warum sollte Belgrad nicht zu einem sicheren Haus für die schwersten Herzpatienten aus der gesamten Region werden?“
Eng verknüpft mit dieser Vision ist das nach wie vor drückende Problem der Organspende. Mit drei Spendern pro Million Einwohner rangiert Serbien am unteren Ende der europäischen Statistik. „Organspende ist eine zivilisatorische Errungenschaft – ein Ausdruck von Empathie und gesellschaftlicher Reife“, sagt Borovic. „Es muss eine echte nationale Priorität sein.“ Die Verantwortung dafür liege nicht bei den Ärzten, sondern bei den staatlichen Institutionen.