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špiglo, gepek, švercati

15 deutsche Wörter, die wir balkanisiert haben

15 deutsche Wörter, die wir balkanisiert haben
(FOTO: Mit KI erstellt)
6 Min. Lesezeit |

„Daj mi šrafciger“, „ubaci u rikverc“ oder „pogledaj se u špiglo“ – für uns völlig normale Sätze. Für einen Deutschen klingt das Ganze dagegen verdächtig bekannt. Denn zahlreiche Wörter, die auf dem Balkan seit Generationen verwendet werden, kamen ursprünglich aus dem Deutschen oder österreichischen Deutsch. Wir haben sie nur so lange umgebaut, bis sie sich anhören, als hätten wir sie selbst erfunden.

Wer aus Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Serbien oder Montenegro kommt, hat wahrscheinlich schon als Kind Wörter verwendet, bei denen er nie darüber nachgedacht hat, woher sie eigentlich stammen.

Dabei ist der deutsche Einfluss auf unsere Alltagssprache gut dokumentiert. Eine an der Universität Wien eingereichte Diplomarbeit untersuchte rund 700 Germanismen allein im Bosnischen. Eine weitere Arbeit der Uni Wien beschäftigte sich mit dem deutschen Sprachkontakt mit Bosnisch, Kroatisch und Serbisch und untersuchte dabei unter anderem den Lehnwortschatz in Sarajevo, Zagreb, Novi Sad und Đurđevec.

Das Ergebnis könnte kaum balkanischer sein: Wir nehmen ein deutsches Wort, bauen ein „š“ ein, hängen irgendwo ein „a“ dran – und zwei Generationen später schwört die ganze Familie, dass das Wort natürlich schon immer so geheißen hat.

Hier kommen 15 besonders schöne Beispiele.

1. Schraubenzieher → šrafciger

Beginnen wir mit einem Wort, das wahrscheinlich jeder Balkan-Sohn unter Stress gelernt hat.

„Daj mi šrafciger!“

Und wehe, du bringst den falschen.

Aus dem deutschen „Schraubenzieher“ wurde bei uns šrafciger.

Eigentlich beeindruckend: Die Deutschen haben ein kompliziertes Wort erfunden – und wir haben es vereinfacht. Internationale Zusammenarbeit kann funktionieren.

2. rückwärts → rikverc

„Malo rikverc! Rikverc! RIKVERC!“

Spätestens beim Einparken unter Beobachtung von drei Onkeln kennt jeder diesen Ausdruck.

Das scheinbar ur-balkanische „rikverc“ kommt tatsächlich vom deutschen „rückwärts“.

Wie genau aus „rückwärts“ irgendwann „rikverc“ wurde, ist eigentlich egal. Entscheidend ist: Jeder weiß, wohin das Auto fahren soll.

3. Spiegel → špiglo

„Pogledaj se u špiglo.“

Wer damit aufgewachsen ist, musste wahrscheinlich erst Deutsch lernen, um irgendwann festzustellen: Moment – špiglo klingt verdächtig nach Spiegel.

Und genauso ist es. Regional existieren Varianten wie „špigl“, „špigel“ oder „špiglo“.

Der vielleicht größte Beweis für erfolgreiche Balkanisierung: Wenn man lange genug „špiglo“ sagt, klingt irgendwann „Spiegel“ wie die komische Variante.

4. Wasserwaage → vaservaga

Hier haben wir uns sprachlich wirklich nicht versteckt.

Wasserwaage → vaservaga.

Ein bisschen deutsche Aussprache, ein bisschen Balkan-Phonetik – fertig ist ein Wort, das jeder Vater kennt, der schon einmal eine Wand, Terrasse oder Garage gebaut hat.

Viel mehr Balkanisierung geht sprachlich eigentlich kaum.

Und natürlich zeigt die vaservaga bei Papa immer, dass die Wand gerade ist. Wenn sie etwas anderes behauptet, ist wahrscheinlich die vaservaga kaputt.

5. Farbe → farba

„Koju farbu ćemo uzeti?“

Noch so ein Wort, bei dem die deutsche Herkunft praktisch vor einem steht und winkt.

Aus Farbe wurde farba.

Und selbstverständlich kann man aus dem Substantiv gleich noch „farbati“ machen.

Deutsch liefert das Wort, der Balkan liefert die Grammatik.

6. Fleck → fleka

Weiße Hose. Burek. Joghurt.

Fünf Minuten später:

„Napravio si fleku!“

Auch unsere „fleka“ stammt vom deutschen Fleck.

Wir haben einfach ein „a“ angehängt und beschlossen: Gehört jetzt uns.

Und wenn die fleka nicht rausgeht, weiß Mama sowieso irgendeine Methode, die angeblich „100 Prozent funktioniert“.

7. Schlauch → šlauf / šlauh

„Donesi šlauf!“

Ein Klassiker im Garten, beim Auto oder spätestens dann, wenn jemand im Sommer ein Planschbecken befüllen möchte.

Das deutsche „Schlauch“ wurde regional zu „šlauf“ beziehungsweise „šlauh“.

Wir haben das Wort also nicht nur importiert. In manchen Regionen haben wir gleich unsere eigene Version daraus gemacht.

8. Schmirgel → šmirgl / šmirglati

Der nächste Heimwerker-Klassiker.

Aus deutschem Schmirgel wurde „šmirgl“ – und weil uns ein Substantiv offenbar nicht gereicht hat, entstand daraus gleich das Verb „šmirglati“.

Das ist Balkan-Sprachökonomie:

Deutschland: „Mit Schmirgelpapier abschleifen.“

Wir: „Šmirglaj.“

Problem gelöst.

9. Schnitzel → šnicla

Hier wurde nicht nur das Wort importiert, sondern praktischerweise auch gleich das Essen.

Schnitzel wurde zu šnicla.

Und mal ehrlich: „Hoćeš još jednu šniclu?“ klingt ohnehin wesentlich wärmer als „Möchten Sie noch ein Schnitzel?“

Vor allem weil bei Oma die Frage nur theoretischer Natur ist. Die zweite šnicla liegt bereits auf deinem Teller.

10. Speis → špajz / špajza

Österreicher kennen die „Speis“ als Vorratskammer.

Unsere Großeltern kennen den špajz oder die špajza.

Zufall? Natürlich nicht.

Das Wort geht auf die österreichisch-deutsche „Speis“ beziehungsweise Speisekammer zurück.

Der Unterschied ist höchstens die Dimension: In einer normalen Speis stehen Lebensmittel.

In einer Balkan-špajza befindet sich genug Essen, um eine sechsköpfige Familie durch einen mittelschweren europäischen Versorgungsausfall zu bringen.

11. Schalter → šalter

Dieses Wort haben wir kaum verändert.

Schalter → šalter.

Bank, Post, Bahnhof, Gemeindeamt: „Idi na šalter broj tri.“

Das eigentlich Faszinierende: Egal ob Österreich oder Balkan – am šalter fehlt meistens genau ein Dokument.

Manche kulturellen Gemeinsamkeiten gehen eben weit über Sprache hinaus.

12. Auspuff → auspuh

„Čuješ auspuh?“

Und damit beginnt eine 45-minütige Diskussion zwischen Papa, Onkel und Nachbar darüber, was mit deinem Auto nicht stimmt.

Das Wort „auspuh“ beziehungsweise „auspuf“ stammt vom deutschen „Auspuff“.

Wir haben im Grunde nur das Ende etwas entspannter ausgesprochen.

Passt zum Balkan.

13. Gepäck → gepek

Dieses Wort ist besonders schön, weil wir nicht nur die Aussprache, sondern sogar die Bedeutung etwas angepasst haben.

Gepek geht auf das deutsche „Gepäck“ zurück. Bei uns bezeichnet „gepek“ allerdings typischerweise den Kofferraum des Autos.

Der Satz des Sommers lautet deshalb:

„Nema više mjesta u gepeku.“

Was selbstverständlich gelogen ist.

Ein Balkan-Vater kann in einen vollen Kofferraum jederzeit noch zwei Taschen, einen Karton, drei Gläser Ajvar und etwas hineinpacken, das Oma „nur schnell mitgegeben“ hat.

14. Strudel → štrudla

Apfel, Mohn, Kirschen oder Käse – Hauptsache štrudla.

Aus dem deutschen beziehungsweise österreichischen „Strudel“ wurde „štrudla“.

Wir haben also nicht nur das Gericht übernommen, sondern dem Namen gleich noch einen kleinen Balkan-Umbau verpasst.

Und wenn Oma fragt, ob du noch ein Stück möchtest, gelten dieselben Regeln wie bei der šnicla: „Nein“ ist keine gültige Antwort.

15. schwärzen → šverc / švercati

Und zum Schluss eines der Wörter, bei dem viele wohl am wenigsten mit einem deutschen Ursprung gerechnet hätten.

Šverc. Švercer. Švercati.

Der Begriff hängt mit dem österreichisch-deutschen „Schwärz/Schwärze“ beziehungsweise „schwärzen“ und dem Begriff „schwarz“ im Sinne von illegalem Handel zusammen.

Aus einem deutschen Begriff entstand bei uns nicht nur „šverc“, sondern gleich eine ganze Wortfamilie.

Das heißt: Selbst einer der balkanischsten Sätze überhaupt – „švercao preko granice“ – trägt sprachlich ein kleines Stück Österreich in sich.

Das muss man auch erst einmal schaffen.

Wir sprechen mehr Deutsch, als wir denken

Šrafciger, rikverc, vaservaga, farba, fleka, šnicla, špiglo oder gepek zeigen, wie sehr Sprachen miteinander wachsen.

Viele solcher Germanismen haben sich über lange Sprachkontakte mit dem deutschsprachigen Raum im BKS-Sprachraum verbreitet. Dabei wurden die Wörter nicht einfach nur kopiert: Sie wurden an Aussprache und Grammatik angepasst, bekamen teilweise neue Bedeutungen und entwickelten je nach Region unterschiedliche Formen.

Und vielleicht liegt genau darin der Charme dieser Wörter.

Sie sind deutsch – aber irgendwie auch längst unsere.

Denn wenn Papa „Daj mi Schraubenzieher“ sagt, stimmt irgendetwas einfach nicht. Es heißt šrafciger. Diskussion beendet.

Welche balkanisierten deutschen Wörter fehlen noch auf unserer Liste? Schreibt sie uns in die Kommentare!

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KO KOSMO-Redaktion
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