Tonnenschwere Steinkugeln mitten im bosnischen Wald – und die Erklärung dahinter ist mindestens so verblüffend wie die Kugeln selbst.
Mitten im dichten Wald rund um Zavidovici in Bosnien-Herzegowina, zwischen Bäumen und Bachläufen, ragen gewaltige Steinkugeln aus dem Boden – so gleichmäßig geformt, dass man kaum glauben mag, sie seien nicht von Menschenhand gemeißelt worden. Die größten Exemplare bringen Dutzende Tonnen auf die Waage. Das ungewöhnliche Naturschauspiel zieht Touristen, Rätselfans und all jene an, die in den Kugeln die Hinterlassenschaft einer längst versunkenen Zivilisation vermuten.
Steinkugeln sind kein Alleinstellungsmerkmal dieser bosnischen Region. Ähnliche Formationen finden sich an verschiedenen Orten der Welt – doch nicht alle entstanden auf dieselbe Weise. Die berühmten Steinkugeln Costa Ricas etwa gelten als archäologische Artefakte und werden als Werk von Menschenhänden angesehen. Bei den Kugeln rund um Zavidovici liegt der Fall anders: Geologisch lassen sie sich als sogenannte Konkretionen erklären – natürliche Bildungen, die im Inneren von Sedimentgestein entstehen.
Natürliche Entstehung
Alles beginnt tief im Sediment, um einen winzigen Kern herum. Das kann ein Sandkorn sein, ein Mineralfragment, ein Fossilteil oder ein anderes kleines Materiestück. Wasser, das durch das Sediment sickert, transportiert gelöste Mineralien, die sich nach und nach um diesen Kern ablagern und das umliegende Material verfestigen. Verläuft dieser Vorgang von allen Seiten annähernd gleichmäßig, wächst die Formation zu einer Kugelform heran.
Das Prinzip erinnert ein wenig an die Entstehung einer Perle – nur dass sich hier kein lebender Organismus beteiligt, sondern Gestein, und das über einen geologisch gesehen enormen Zeitraum. Das Gestein, das die Konkretionen einst umhüllte, war weit weniger widerstandsfähig als die Kugeln selbst. Wasser, Regen und andere natürliche Kräfte trugen im Laufe der Zeit die weicheren Schichten ab, während die harten Kugeln an Ort und Stelle blieben und allmählich sichtbar wurden. Lokalen Überlieferungen zufolge kamen manche der Kugeln im Gebiet von Zavidovici tatsächlich erst nach starken Regenfällen und Veränderungen im Wasserverlauf ans Tageslicht.
Theorien und Tourismus
Im Raum Zavidovici sind rund 60 Steinkugeln auf mehrere Fundorte verteilt erfasst. Besonders bekannt ist das Gebiet Grab-Mecevici, wo mehr als 20 Exemplare zu finden sind. Die größte Aufmerksamkeit zog jedoch eine Kugel auf sich, die 2016 in Podubravlje entdeckt wurde – ihr Durchmesser beträgt rund drei Meter, die Masse wird auf etwa 37 Tonnen geschätzt. Sie gilt daher vielfach als eine der größten Steinkugeln Europas.

Ihr Aussehen hat naturgemäß den Nährboden für allerlei Theorien bereitet. Eine davon bringt die Kugeln mit Meteoriten in Verbindung. Noch populärer ist die Vorstellung, Menschen hätten sie erschaffen. Zu den bekanntesten Verfechtern dieser These zählt Semir Osmanagic, der vor allem durch seine Behauptungen über die sogenannten bosnischen Pyramiden bei Visoko bekannt wurde. Die Europäische Vereinigung der Archäologen hat 2006 in einer offiziellen Erklärung die von Osmanagic propagierten Bosnier-Pyramiden als „grausamen Schwindel gegenüber einer ahnungslosen Öffentlichkeit“ bezeichnet und festgestellt, dass sein Projekt in der echten Wissenschaft keinen Platz habe. In der Geologie gilt diese Deutung jedoch nicht als belegt – Struktur und geologischer Kontext der Zavidovici-Kugeln fügen sich schlüssig in den natürlichen Prozess der Konkretionsbildung ein.
Inzwischen sind die Steinkugeln zu einem Wahrzeichen der Region geworden. Der Fundort in Grab wurde für Besucher erschlossen, und die rätselhaften Sphären locken Touristen aus der Region und aus anderen Teilen Europas an.
Rund um sie haben sich auch Erzählungen über eine angebliche besondere „Energie“ des Gesteins entwickelt – manche Besucher kommen eigens zur Meditation oder im Glauben, die Kugeln besäßen ungewöhnliche Eigenschaften.