Keine Artikel gefunden
Versuche einen anderen Suchbegriff
Gentechnikstreit

Gen-Essen ohne Kennzeichnung? Brüssel plant neue Regeln – schon kommende Woche!

Gen-Essen ohne Kennzeichnung? Brüssel plant neue Regeln – schon kommende Woche!
Foto: iStock
4 Min. Lesezeit |

Neue Gentechnik, kaum Kennzeichnung – in Brüssel droht eine Entscheidung, die Biobauern und Verbraucher gleichermaßen aufhorchen lässt.

In Brüssel steht eine weitreichende Entscheidung über den künftigen Umgang mit neuen gentechnischen Verfahren in der Pflanzenzucht bevor. Im Kern geht es darum, ob die EU die bestehenden Regeln lockern und damit in Kauf nehmen will, dass Lebensmittel aus gentechnisch veränderten Pflanzen ohne entsprechende Kennzeichnung in den Handel gelangen. Moderne grüne Gentechnik könnte demnach bald unter erleichterten Bedingungen zugelassen werden – ohne dass Konsumentinnen und Konsumenten dies auf den ersten Blick erkennen könnten.

Die Debatte verläuft tief gespalten: Auf der einen Seite stehen jene, die eine Anpassung des in die Jahre gekommenen EU-Rechtsrahmens für überfällig halten, auf der anderen warnen Kritikerinnen und Kritiker eindringlich vor den Folgen. Seit 2003 gilt in der EU eine Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte Lebensmittel – allerdings mit Lücken. Bestimmte Zusatzstoffe, Aromen und Vitamine sowie Fleisch von Tieren, die mit gentechnisch verändertem Futter aufgezogen wurden, sind von dieser Pflicht ausgenommen.

Biobäuerin unter Druck

Barbel Endras, 61 Jahre alt, bewirtschaftet einen Biohof in Primisweiler bei Wangen im Allgäu. Ihre Bio-Eier werden ohne Gentechnik produziert – und dennoch lehnt sie die geplante EU-Neuregelung entschieden ab. Sie pocht auf die Beibehaltung bestehender Risikoprüfungen, Rückverfolgbarkeitspflichten und Haftungsregelungen und sieht in den vorgesehenen Änderungen eine ernsthafte Bedrohung für die gentechnikfreie Landwirtschaft. „Ich bin nicht gegen Gentechnik, aber wir müssen die Technik prüfen und vorsichtig sein“, sagt sie.

Für die Fütterung ihrer Tiere bezieht Endras regionales Getreide – und genau das bereitet ihr Sorgen. Sie befürchtet, dass die anbauenden Betriebe künftig selbst nicht mehr verlässlich nachvollziehen können, auf welchen ihrer Felder sich gentechnisch veränderter Mais eingemischt haben könnte. Biobetriebe wie ihrer stehen und fallen mit dem Vertrauen der Kundschaft, dass in Bio-Produkten tatsächlich keine Gentechnik steckt. „Ich hätte einen hohen bürokratischen Aufwand, und damit letztlich Kosten, um Verunreinigungen meiner Produkte zu vermeiden“, fürchtet sie.

Gemeinsam mit Gleichgesinnten engagiert sich Endras auf politischer Ebene für ihre Positionen. Als Landesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft Baden-Württemberg und Sprecherin des Aktionsbündnisses gentechnikfreie Landwirtschaft hat sie sowohl in Berlin als auch in Brüssel demonstriert und Unterschriftenaktionen gegen die geplante Neuregelung organisiert. Auch Naturschutzorganisationen und Verbraucherzentralen sprechen sich gegen den vorliegenden Gesetzesentwurf aus und fordern, dass sämtliche gentechnisch veränderten Pflanzen weiterhin einer umfassenden Prüfung unterzogen werden.

EU-Regelung im Wandel

Der derzeit auf EU-Ebene diskutierte Regelungsvorschlag ist das Ergebnis eines längeren Aushandlungsprozesses. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem Jahr 2018 hatte auch mit modernen Methoden erzeugte Pflanzen den strengen Vorschriften für gentechnisch veränderte Organismen unterworfen. Die EU-Kommission legte daraufhin 2023 einen Vorschlag vor, der Forschung und Anbau sogenannter NGT-Pflanzen erleichtern soll, wobei für Pflanzen der Kategorie 1 deutliche Vereinfachungen vorgesehen sind.

Moderne gentechnische Methoden wie die Genschere Crispr/Cas9 erlauben gezielte Eingriffe in das Erbgut von Pflanzen. Befürworter verweisen auf das im Vergleich zu älteren Verfahren geringere Risiko unbeabsichtigter Veränderungen und verbinden damit die Hoffnung auf rascher klimaangepasste Nutzpflanzen. Die ursprünglich für Mai geplante Abstimmung im EU-Parlament über die Neuregelung wurde inzwischen verschoben. Im Februar 2026 hat der Rat der Europäischen Union den zuvor mit dem Europaparlament ausgehandelten Kompromiss zur Lockerung der Gentechnikregeln bestätigt – 18 Mitgliedstaaten stimmten dafür, 6 dagegen und 3 enthielten sich. Die neuen Regeln sollen voraussichtlich ab Mitte 2028 angewendet werden. Die Plenarabstimmung ist laut Parlamentsfahrplan für kommende Woche, den 18. Mai 2026 angesetzt.

Ein weiterer strittiger Punkt betrifft die Patentierbarkeit von Genabschnitten, die mit den neuen Techniken verändert wurden. Der Deutsche Bauernverband warnt vor Einschränkungen beim freien Zugang zu genetischem Material. Endras befürchtet, dass Patente kleinere Züchter aus dem Markt drängen könnten: „Wenn die Deregulierung mit der aktuellen Patentregelung durchgeht, wird die Vielfalt im Saatgut verschwinden und es wird deutlich teurer.“

Unabhängiger Journalismus braucht Unterstützung

Guter Journalismus entsteht nicht nebenbei. Gründliche Recherche, sorgfältige Faktenprüfung und eine kritische Einordnung brauchen Zeit, Erfahrung und Ressourcen. Damit wir weiterhin unabhängig berichten können – frei von politischem oder wirtschaftlichem Einfluss – sind wir auf deine Unterstützung angewiesen.

Hilf mit, unabhängigen Journalismus zu sichern.
KO KOSMO-Redaktion
Teilen