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BALKAN STORIES

BALKAN STORIES: „Das ist mein bosanski inat“

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(FOTO: Balkan Stories)

Dragan Bursać ist der meistgehasste Mann der Republika Srpska (RS), dem serbisch dominierten bosnischen Teilstaat. Der Journalist nimmt sich als Kritiker von Korruption, Nationalismus und Völkermordleugnung kein Blatt vor den Mund – und sieht sich systematischen Hetzkampagnen bis hin zu Morddrohungen ausgesetzt. Daran, die RS zu verlassen, denkt er nicht. Warum, halt er Balkan Stories erzählt.

„Das hier ist einer der wenigen Orte, wo ich sicher bin“, sagt Dragan Bursać, als wir uns nahe des Denkmals für die Nationalhelden Banja Lukas im Zweiten Weltkrieg im Zentrum der Hauptstadt der Republika Srpska zum Interview treffen.

„Die Öffentlichkeit hier ist mein bester Schutz.“

Nur wenige Menschen in Bosnien brauchen diesen Schutz so wie Dragan.

Erst vor zwei Wochen hat es wieder einmal eine Morddrohung gegen ihn und die gesamte Redaktion von Al Jazeera Balkans gegeben.

Dragan hatte kurz davor Ratko Mladić als verurteilten Kriegsverbrecher bezeichnet.

Mladić war der Kommandeur des Völkermords von Srebenica. Das Internationale Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) hat ihn zu lebenslanger Haft verurteilt.

Im serbisch dominierten bosnischen Teilstaat Republika Srpska ist er für die offizielle Politik ein Nationalheld. Und für viele bosnische Serben genauso.

So wie für den Verdächtigen, den die montenegrinische Polizei kurz nach der Anzeige festnahm.

Anklage und Urteil stehen aus, die Ermittler zeigen sich aber sicher, dass der bosnische Serbe, der heute in Montenegro lebt, der Mann ist, der die Morddrohung gegen Dragan ausstieß.

„Das war eine der Drohungen, die wir ernstgenommen haben“, schildert Dragan.

Nur manchmal sieht man Dragan den Druck an

„Ich habe glücklicherweise Freunde mit psychologischer Ausbildung. Mit denen bespreche ich, welche der Drohungen eine emotionale Affekthandlung sind und welche ernstgemeint sind. Die zeige ich dann an“ sagt er und fährt sich mit der Hand durch den Bart.

Dragan ist bemerkenswert ruhig für einen Mann, der praktisch täglich online und manchmal telefonisch oder auf der Straße beschimpft und bedroht wird.

So ziemlich alles, was irgendwie von außen erreichbar ist, wurde schon von Vandalen beschädigt oder verschmutzt. Sei es der Briefkasten, die Wohnungstür, die Fenster, das Auto.

Eigentlich ist Dragan eine Frohnatur.

Nur gelegentlich kommt der Druck hoch. Vor allem, wenn er Pausen macht und nachdenkt.

FOTO: Balkan Stories

Die nicht ernstgenommenen Drohungen ignoriert Dragan mittlerweile. „Ich kann die nicht alle anzeigen, sonst würd ich aus dem Polizeiwachzimmer gar nicht mehr rauskommen“, sagt er. „Ich muss ja auch noch was arbeiten.“

Besonders nach Artikeln über Ratko Mladić und seine Verehrung in der Politik der RS findet sich Dragan ohnehin oft genug in einem Büro eines Ermittlers, der die Verantwortlichen der schlimmsten Drohungen ausfinding machen soll.

„Nicht selten hat der dann ein Foto von Ratko Mladić im Büro“,

schildert Dragan.

Als ich nachfrage, ob ihm auch die Polizei Probleme mache, meint er: „Nein, eigentlich nicht. Die gehen den Anzeigen sogar nach. Meistens nicht gern, und man merkt das auch, aber sie betrachten das als ihren Job.“

Dennoch, Mladić-Portraits bei Behörden und die Tatsache, dass alle politischen Parteien in der RS den Völkermord von Srebrenica leugnen und mehr oder weniger offen nationalistisch sind, hat viel mit dem zu tun, was Dragan durchmachen muss.

Es befördert ein allgemeines Klima, in dem jeder Abweichler vom offiziellen nationalistischen Narrativ als Verräter gebrandmarkt wird. Auch und gerade in regimefreundlichen Medien.

Und damit in den Augen vieler mehr oder weniger zum Abschuss freigegeben ist.

Mögen sich die bosnisch-serbischen Behörden noch so neutral verhalten oder wenigstens geben – politische Vertreter und der bosnisch-serbische Boulevard attackieren Dragan verlässlich für jeden kritischen Artikel und ermutigen direkt oder indirekt ihre Fans, Dragan auch auf offener Straße zu beschimpfen oder zu bedrohen.

In abertausenden Artikeln hat er Nationalismus, Korruption und Vertuschung – nicht nur, aber vor allem – in der RS angeprangert und bloßgestellt.

Die Machthaber lassen und ließen gegen ihn hetzen und in der RS fällt so etwas auf fruchtbaren Boden.

Tausende mediale Angriffe gegen ihn haben Dragan zum meistgehassten Mann der RS gemacht.

Wie im Hausarrest

„Mittlerweile fühle ich mich wie im Hausarrest“, sagt Dragan. „Ich geh nur mehr für das Notwendigste raus, zum Einkaufen zum Beispiel. Auf einen Kaffee geh ich nur mehr sehr selten.“

In vielen Kaffeehäusern in Banja Luka hat er wegen seiner Artikel gegen Nationalismus und Korruption offen Hausverbot.

In viele geht er nicht mehr, wenn man dort einfach zugesehen hat, wie ihn ein Gast oder mehrere Gäste beschimpft und drangsaliert haben.

Das geht seit etlichen Jahren so.

„Das vielleicht Schlimmste ist, dass mir das alles schon fast normal vorkommt. Wie eng mein Gefängnis ist, fällt mir oft erst auf, wenn ich anderswo bin und mich auf einmal frei bewegen kann. Dann weiß ich oft gar nicht, was ich mit der Freiheit anfangen soll“, sagt Dragan. Er zuckt lächelnd mit den Schultern.

„Das war zum Beispiel zuletzt bei einer Reise in Slowenien so. Oder als ich vor kurzem gemeinsam mit Una Hajdari eine Ehrung des deutschen Bundestags in Berlin bekommen habe.“

Dragan und Una, eine bekannte kritische kosovarische und serbische Journalistin, waren vom deutschen Parlament als beste Journalisten Südosteuropas ausgezeichnet worden – und besonders für ihren Mut und ihre Risikobereitschaft, sich von täglichen Bedrohungen und Schikanen nicht einschüchtern zu lassen und weiter kritisch zu berichten.

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