Dr. Adnan Smajić – Vom Mediziner zum Tee-Sommelier!

INTERVIEW

Dr. Adnan Smajić – Vom Mediziner zum Tee-Sommelier!

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Dr. Adnan Smajić schlug einen ungewöhnlichen Berufsweg ein... (FOTO: Eugénie Sophie Berger)

Die Fotografin Eugénie Sophie Berger mit französisch-österreichischen Wurzeln führte ein Interview mit Dr. Adnan Smajić – einem Mediziner und Tee-Sommelier, der in Sarajevo seit über sieben Jahren das Teehaus „Franz & Sophie“ führt. Auf ausgesprochen bezaubernde Weise erzählt sie uns die Geschichte eines einzigartigen Handwerks, das in der bosnischen Hauptstadt sein Zuhause gefunden hat…

Eugénie Sophie: Woher kommst du – Wer bist du?
Adnan Smajić: Ich komme aus einem Land, das nicht mehr existiert. Ich komme aus Jugoslawien und dieses Land gibt es nicht mehr. Mein Beispiel führt vor Augen, wie relativ der Herkunftsort einer Person sein kann, er vermag schlichtweg auch nicht mehr bestehen. Ich lebe jetzt hier in Bosnien-Herzegowina, und wer weiß, wie dieser Staat später heißen wird oder in welchem Land ich in einigen Jahrzehnten sterben werde. „Woher kommst du?“ ist also eigentlich eine relative Frage…Stattdessen könnte man fragen: „In welcher Stadt bist du geboren? Im Nord-Osten des heutigen Bosnien-Herzegowinas, in Bijeljina, der weißen Stadt. Ich heiße Adnan, ich bin Tee-Sommelier und betreibe ein Teehaus in Sarajevo.

Wo und was hast du studiert?
Es war noch 1980/81, ich wollte eigentlich Journalismus studieren. Im jugoslawischen Schulsystem mussten wir gleich nach der Matura zum Militär. Davor sollte man sich aber für das Studium inskribieren. Nach meinem Jahr Militärdienst ist die Entscheidung in meiner Familie gefallen: „Nein, du studierst nicht Journalismus, davon kann man nicht leben. Du machst Medizin – davon kann man sehr gut leben!“. Auch wenn sich meine Begeisterung darüber in Grenzen hielt, habe ich es dann doch eingesehen und habe angefangen, Medizin zu studieren – vorerst ziemlich erfolglos, mein Hauptaugenmerk lag auf Handball, mein Studium habe ich nur nebenbei betrieben, das hat aber nicht funktioniert. Dann habe ich aus eigener Entscheidung den Studienstandort gewechselt – von Tuzla nach Banja Luka. Den Handballsport habe ich aufgegeben, um mich auf das Studium zu konzentrieren. 1990 konnte ich schließlich mein Studium abschließen.

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Dein Studienende grenzt an den Beginn des Jugoslawienkrieges – wie hat er dein Leben bestimmt und was hast du gemacht?
Gleich nach dem Studium habe ich angefangen, im Krankenhaus meiner Heimatstadt Bijeljina zu arbeiten. Dann kam im April 1992 der Krieg nach Bosnien-Herzegowina und man musste fliehen. Meine Heimatstadt wurde in der Folge erobert. Danach habe ich von 1992 bis 1993 im Kriegslazarett in Gradačac gearbeitet. Mit dem Blut und den Verwundungen kann man als Mediziner leben, aber nicht mit dem Unglück der Menschen und dem Unsinn des Krieges. Zu einem bestimmten Zeitpunkt hat mich ein damaliger Freund aus meiner Handball-Mannschaft eingeladen, nach Süd-Deutschland, in der Nähe von Fürth zu ziehen – dieser Einladung bin ich 1993 auch gefolgt.

Wieso gerade nach Deutschland?
Ich bin ein Mensch, der ungerne verreist. Hätte es diesen Krieg nicht gegeben, wäre ich heute noch am selben Ort, in derselben Wohnung, eventuell Vater von 3 Kindern. Die Einladung nach Deutschland war eine aus der Not geborene Lösung. Es hätte jedes beliebige Land sein können. Im Nachhinein bin ich aber froh, dass es dann so gekommen ist. Denn Deutschland wird mein Leben nachhaltig verändert haben.

„Mit dem Blut und den Verwundungen kann man als Mediziner leben,
aber nicht mit dem Unglück der Menschen
und dem Unsinn des Krieges.“

Wie ist es dir in Deutschland gegangen?
Anfangs war ich der deutschen Sprache überhaupt nicht mächtig und dachte, ich würde wohl nur eine kurze Zeit in Deutschland bleiben. Eigentlich wollte ich so weit wie möglich weg vom Krieg und all dem Unglück – auch die USA und Kanada standen daher zur Diskussion. Die Trennung vom Krankenhaus und den Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, ist mir schwer gefallen. Wir waren immerhin eine kleine, ethnisch durchmischte Gemeinschaft, die 24 Stunden am Tag gearbeitet hat – für alle Menschen ungeachtet der Herkunft und Religion. Untätigkeit vermittelt mir kein gutes Gefühl, ich habe also in Deutschland angefangen zu arbeiten. Zunächst habe ich alles angenommen, was sich angeboten hatte: ich war auf Baustellen tätig, und habe Getränke serviert, im Grunde genommen waren es kleine Arbeiten, solange ich die Sprache nicht konnte.

Für mich war es aber von Anfang an wichtig, ein beitragendes Mitglied der Gesellschaft zu sein, und so gut es ging, auf eigenen Beinen zu stehen. Nach diesen Gelegenheitsjobs habe in einem Altersheim gearbeitet, so wie die meisten Ärzte aus Bosnien-Herzegowina und Kroatien, die nach Deutschland geflüchtet sind. Es war mitunter die beste Zeit für alte Menschen in Deutschland, denn sie wurden von sehr gut ausgebildeten Medizinern betreut. Und da habe ich mich auch in meine erste Frau verliebt. Sie ist Deutsche und Liebe ist die beste Schule. Wir zogen zusammen nach Münster in Westfalen. Nebenbei habe ich Gesundheitswissenschaften studiert und mit der zunehmenden Sprachbeherrschung war die Integration deutlich einfacher und ich konnte meine Position in der Gesellschaft verbessern. Anfang 2000 habe ich schließlich angefangen, mich näher mit Tee auseinanderzusetzen.

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