Während Touristen die Schweizer Bergwelt bestaunen, pulsiert unter ihren Füßen ein verborgenes Lebensadern-System: Tausende Tunnel durchziehen das Alpenland.
Die Schweiz unter der Erde
Während Touristen die majestätischen Berge und glitzernden Seen der Schweiz bewundern, spielt sich ein wesentlicher Teil des eidgenössischen Lebens unsichtbar ab: Tief unter der Oberfläche durchzieht ein gewaltiges Tunnelnetz das Land. Anders als die spektakulären Alpenpanoramen bleibt diese Infrastruktur meist verborgen – obwohl sie für die Schweizer Mobilität unverzichtbar ist.
Diese unterirdische Welt entstand nicht durch einen Masterplan, sondern entwickelte sich organisch über Jahrzehnte hinweg. Geprägt von der anspruchsvollen Topografie, dem Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und dem steigenden Bedarf an leistungsfähigen Verkehrsverbindungen, wuchs das Tunnelsystem stetig.
Heute umfasst das helvetische Tunnelnetz tausende Bauwerke mit einer Gesamtlänge von mehreren tausend Kilometern. Von kurzen Durchstichen bis zu monumentalen Alpenquerungen reicht die Bandbreite dieser unterirdischen Infrastruktur, die das tägliche Leben stützt, ohne dabei ins Auge zu fallen. Die geografischen Herausforderungen der Schweiz – schroffe Höhenunterschiede und alpine Gebirgszüge – machen oberirdische Verkehrswege oft kostspielig oder technisch kaum realisierbar. Tunnel bieten hier eine wetterfeste Alternative, die steile Anstiege vermeidet und instabile Hänge umgeht.
Mobilität hat in der Schweiz einen außergewöhnlich hohen Stellenwert. Die Bevölkerung legt täglich zahlreiche Wege zurück – im Inland wie auch grenzüberschreitend. Das Verkehrsnetz muss daher nicht nur zuverlässig funktionieren, sondern auch entlegene Regionen erschließen. Der Tunnelbau hat sich von der ingenieurtechnischen Ausnahmelösung zum Standardwerkzeug entwickelt.
Beeindruckende Dimensionen
Nach Angaben der Schweizerischen Gesellschaft für Tunnelbau verfügt das Land über 1.852 Tunnel mit einer Gesamtlänge von 2.544 Kilometern. Diese Zahl umfasst Straßen- und Eisenbahntunnel ebenso wie ältere Anlagen für Wasser- und Energiesysteme. Das unterirdische Netzwerk erreicht Dimensionen, die mit großstädtischen Verkehrssystemen vergleichbar sind. In manchen Regionen findet ein erheblicher Teil aller Bewegungen unter der Erde statt.
Das Schweizer Autobahnnetz zählt zu den dichtesten weltweit. Von den derzeit 1.840 Kilometern Nationalstraßen verlaufen fast 250 Tunnel unter der Erde. Nach Fertigstellung aller geplanten Abschnitte wird das Netz voraussichtlich auf knapp 1.893 Kilometer anwachsen – mit mehr als 270 Tunneln und einer unterirdischen Streckenlänge von etwa 290 Kilometern. Viele Autobahnen werden bewusst durch Tunnel geführt, um Lärmbelastungen zu minimieren, Flächenverbrauch zu reduzieren oder städtische Gebiete zu unterqueren.
Der große Tunnelbauboom setzte nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Ab 1950 entstanden zunächst umfangreiche Drainagetunnel für Wasserkraftwerke. In den 1980er Jahren folgten verstärkt Straßentunnel, ab 2000 dann vermehrt Eisenbahntunnel. Heute verläuft mehr als ein Zehntel sowohl des Autobahn- als auch des Schienennetzes unterirdisch – ein weltweiter Spitzenwert.
Zukunft unter Tage
Das Flaggschiff des Schweizer Tunnelbaus ist der Gotthard-Basistunnel. Mit 57 Kilometern Länge hält er seit seiner Eröffnung im Juni 2016 den Weltrekord und ermöglicht Zügen eine Alpenquerung auf niedriger Höhe – mit deutlich kürzeren Fahrzeiten und geringerem Energieverbrauch. Doch trotz seiner Einzigartigkeit ist er nur Teil eines größeren Musters: Lange Basistunnel bilden das Rückgrat des schweizerischen Bahnverkehrs und unterstützen die Verlagerung von Gütern von der Straße auf die Schiene.
Bemerkenswert ist, dass ein Großteil der jüngsten Tunnelbauaktivitäten nicht in den imposanten Bergregionen, sondern im zentralen Mittelland stattfindet. Verkehrsüberlastung und Städtewachstum haben diesen Bereich zum Schwerpunkt gemacht. Zu den Zukunftsprojekten zählt ein 30 Kilometer langer Eisenbahntunnel zwischen Zürich und Rupperswil, der einen bedeutenden Engpass beseitigen soll.
Großstädte entwickeln mittlerweile komplexe Tunnelsysteme rund um ihre Bahnhöfe. Zürich eröffnete 2015 einen neuen unterirdischen Bahnhof für den Ost-West-Verkehr. Ähnliche Erweiterungen unter der Erde sind in Basel, Bern, Genf und Luzern vorgesehen.
Diese Räume sind nicht auf Repräsentation ausgelegt, sondern rein funktional konzipiert: Bahnsteige, Versorgungsgänge, Lüftungsschächte und Notausgänge bilden eine unauffällige Ebene unter den Straßen.
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