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Energiepolitik

EU-Paradox: Russisches Gas fließt trotz Sanktionen durch die Hintertür nach Europa

EU-Paradox: Russisches Gas fließt trotz Sanktionen durch die Hintertür nach Europa
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3 Min. Lesezeit |

Während die EU russisches Gas sanktioniert, steigt ausgerechnet in Belgien der Import von Flüssigerdgas aus Moskau. Ein unerwarteter Nebeneffekt der Transitverbote.

Seit Russlands Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 ist der Gasfluss von Russland in die EU deutlich zurückgegangen. Laut Reuters-Daten machte russisches Gas im Oktober 2025 nur noch 12 Prozent der EU-Gasimporte aus. Auffällig ist jedoch, dass ein erheblicher Teil davon als Flüssigerdgas (LNG) im belgischen Hafen Zeebrugge ankommt. Hintergrund dieser Entwicklung sind verschärfte EU-Sanktionen: Seit dem 27. März verbietet eine neue Transit-Klausel die Weiterleitung von importiertem russischen Gas an Drittstaaten. Diese Maßnahme zielt darauf ab, Russlands Einnahmen aus dem internationalen Gashandel zu beschneiden und damit die Finanzierungsmöglichkeiten für den Ukraine-Krieg einzudämmen.

Die belgischen Wirtschaftszeitungen L’Echo und De Tijd berichten von einem markanten Anstieg russischer LNG-Lieferungen in Zeebrugge seit Inkrafttreten des Transitverbots. Der russische Energiekonzern Novatek lieferte über seine Tochtergesellschaft Yamal LNG in den sieben Monaten nach der Sanktionsverschärfung rund 35,2 Terawattstunden Gas nach Belgien – umgerechnet etwa 3,2 Milliarden Kubikmeter. In den drei Jahren zuvor wurden im vergleichbaren Zeitraum von April bis Oktober typischerweise nur rund 20 Terawattstunden verzeichnet. Die Nettoimporte sind damit um mehr als zwei Drittel gegenüber dem früheren Niveau gestiegen.

Veränderte Gasströme

Der durch die Sanktionen verursachte Lieferstau führt zu einer Verschiebung der Gasströme. Anstatt weiterverschifft zu werden, fließt ein größerer Anteil des russischen LNG über das Fernleitungsnetz von Fluxys Belgium direkt ins europäische Gasnetz. Hauptabnehmer des regasifizierten Brennstoffs sind neben Belgien selbst vor allem die direkt angebundenen Nachbarländer Niederlande, Deutschland und Frankreich. Je nach Marktlage kann das Gas auch über den Interconnector Zeebrugge–Bacton nach Großbritannien transportiert werden, zudem bestehen Verbindungen nach Luxemburg.

Nach der Einspeisung ins europäische Netz lässt sich die Herkunft einzelner Gasmengen nicht mehr eindeutig nachverfolgen, da sich das Gas vermischt und durch Handelsprozesse weiterverteilt wird. Der Analyse-Thinktank Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) beziffert den Umfang russischen LNGs in Zeebrugge für das Gesamtjahr 2024 auf 6,93 Milliarden Kubikmeter. Dieser Wert schließt je nach Berechnungsmethode auch Umschlagvorgänge ein. Im Vorjahr 2023 lag die Menge mit 7,77 Milliarden Kubikmetern noch etwa elf Prozent höher. Für den Hafenbetreiber Fluxys zeichnet sich bereits der nächste Einschnitt ab: Ab dem 1. Jänner 2027 tritt das vollständige EU-weite Importverbot für russisches LNG in Kraft.

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Auslaufende Verträge

Für russisches Pipelinegas sieht der EU-Zeitplan ein Auslaufen bis Ende September 2027 vor. Bei kurzfristigen Verträgen, die vor dem 17. Juni 2025 abgeschlossen wurden, gelten frühere Stichtage – der 25. April 2026 für LNG und der 17. Juni 2026 für Pipelinegas. Im Gegensatz zum Flüssigerdgas beziehen einzelne EU-Länder weiterhin beträchtliche Mengen russisches Pipelinegas. Ungarn importierte laut Reuters 2025 etwa 7,5 Milliarden Kubikmeter über die TurkStream-Pipeline. Die Slowakei hat einen langfristigen Liefervertrag mit dem russischen Konzern Gasprom, der jährliche Importe von rund 3,5 Milliarden Kubikmetern bis 2034 vorsieht.

Nach IEEFA-Daten war Zeebrugge 2024 der bedeutendste europäische Anlandepunkt für russisches LNG. In der Rangfolge folgen die französischen Häfen Dunkerque und Montoir-de-Bretagne sowie der spanische Hafen Bilbao.