In der gestrigen Senatsanhörung in den USA entschuldigte sich Dave Calhoun, der CEO von Boeing, bei den Hinterbliebenen der Opfer der zwei tragischen Abstürze der 737 Max Flugzeuge.

Diese Unglücke, in den Jahren 2018 und 2019, forderten insgesamt 346 Menschenleben und lösten eine beispiellose Krise in der Luftfahrtindustrie aus. Calhoun drückte insbesondere den im Saal anwesenden Familien der Opfer, sein tiefstes Bedauern aus und versprach, dass Boeing künftig einen noch größeren Schwerpunkt auf die Sicherheitsaspekte legen werde. „Ich entschuldige mich für das Leid, das wir zugefügt haben“, waren seine klaren Worte, die eine Welle von Emotionen innerhalb des Saals auslösten. Es ist ein seltenes Eingeständnis von Schuld und Verantwortung, das viele Jahre nach den Ereignissen endlich ausgesprochen wurde.
Klage der Angehörigen
Die Hinterbliebenen verlangen vom US-Justizministerium, eine Geldbuße in astronomischer Höhe von bis zu 24 Milliarden Dollar gegen Boeing zu verhängen und das Unternehmen strafrechtlich zu belangen. Ein Schreiben offenbart die dramatische Anklage der Familien: Boeing habe das „tödlichste Wirtschaftsverbrechen der US-Geschichte“ begangen.
Nach den Abstürzen zweier 737 Max Maschinen der Airlines Lion Air und Ethiopian Airlines, beschuldigte das US-Justizministerium Boeing, gegen eine Vereinbarung verstoßen zu haben. Deswegen kam Boeing nach den Abstürzen ohne Strafe davon. Die Bundesstaatsanwälte müssen nun bis 7.Juli Pläne für das weitere Vorgehen präsentierten, beispielsweise Verhandlungen über einen Vergleich.
Technische Pannen und Softwarefehler
Die beiden Abstürze, bei denen Flugzeuge der Boeing 737 Max 8 involviert waren, führten zu einer genauen Untersuchung jener Umstände, die dazu geführt hatten. Es wurde festgestellt, dass Probleme mit einer Assistenzsoftware, bekannt unter dem Namen MCAS, eine signifikante Rolle spielten. Dieses System, das eigens dazu entwickelt wurde, den Piloten in gewissen Flugsituationen zu unterstützen, sorgte für unerwartete und fehlerhafte Eingriffe, die die Piloten nicht korrekt handhaben konnten.
Boeing musste einräumen, die US-Luftfahrtaufsicht FAA in Bezug auf das Ausmaß an erforderlichem Training für die Bedienung dieser Software nicht korrekt informiert zu haben. Calhoun unterstrich die Verantwortung von MCAS und Boeing für die Geschehnisse und erwähnte das fast zweijährige Flugverbot für die 737 Max, bis umfangreiche Überarbeitungen am System abgeschlossen wurden.
Qualitätsmängel
Die jüngste Anhörung war Teil einer Reihe von Untersuchungen, die in Anbetracht aktueller Qualitätsmängel bei Boeing initiiert wurden. Besonders hervorgehoben wurde ein Zwischenfall mit einer nahezu neuen 737-9 Max Maschine Anfang Januar, bei dem ein Rumpfteil während eines Fluges mit mehr als 170 Passagieren an Bord herausbrach. Ermittlungen des NTSB deckten auf, dass an diesem Teil Schraubbolzen fehlten. Boeing konnte keine Dokumentation über durchgeführte Arbeiten an besagtem Fragment vorweisen.
Wiederholte Vorfälle werfen Fragen auf
Calhoun räumte ein, dass es sich im Falle der Alaska Airlines um einen Produktionsfehler gehandelt habe. Er wies jedoch darauf hin, dass dies der einzige ihm bekannte Vorfall unter den aktuellen Fehlern sei, der direkt auf die Herstellung zurückzuführen ist, und nicht auf nachfolgende Wartungsarbeiten. In den vorangegangenen Monaten verzeichnete Boeing mehrere Zwischenfälle, darunter einen Fall, bei dem ein Flugzeug ein Rad beim Start verlor, sowie einen weiteren, bei dem eine Maschine mit einer abgerissenen Klappe am Rumpf landete.
Boeing konfrontiert mit kritischen Stimmen
Ein unlängst im Unterausschuss vorgebrachter Bericht eines Whistleblowers, der Boeing Produktionsfehler beispielsweise beim Modell 787 Dreamliner vorwarf, blieb von Calhoun unkommentiert. Während er die Korrektheit einiger dieser Kritikpunkte anzweifelte, bezeichnete er Berichte über eine Vergeltung gegen den Whistleblower in der Vergangenheit als „herzzerreißend“. Calhoun, der die Unternehmensführung Anfang 2020 übernommen hatte, teilte mit, dass er seine Position zum Jahresende abgeben wird, wobei sein Nachfolger noch nicht öffentlich bekannt gegeben wurde.