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Kontroverse

Gefährliche Ferien: Warum jetzt Touristen nach Afghanistan strömen

Gefährliche Ferien: Warum jetzt Touristen nach Afghanistan strömen
(Symbolbild FOTO: iStock)
4 Min. Lesezeit |

Zwischen viralen Videos mit nachgestellten Entführungen und wachsenden Touristenzahlen entdeckt die Taliban den Wert des Kulturerbes, das sie einst zerstörten.

Groteske Inszenierungen

Eine Gruppe bärtiger, bewaffneter Männer posiert hinter drei knienden Personen mit schwarzen Säcken über den Köpfen. „America, we have one message for you“, verkünden sie in die Kamera. Dann zieht einer der Bewaffneten einem der Knienden den Sack vom Kopf – und enthüllt einen strahlend lächelnden westlichen Mann. „Welcome to Afghanistan“, sagt dieser in dem Video, das in sozialen Medien viral ging. Der Urheber, ein Mann namens Jake, ist nur einer von mehreren Reisenden, die mit solchen Aufnahmen aus Afghanistan Aufmerksamkeit generieren. Was in diesen Inszenierungen meist fehlt: die Lebenswirklichkeit afghanischer Frauen, denen unter dem Taliban-Regime der Zugang zu höherer Bildung und zahlreichen Berufsfeldern verwehrt bleibt.

Nach der erneuten Machtübernahme der islamistischen Taliban im August 2021 verzeichnet das Land einen bemerkenswerten Anstieg ausländischer Besucher. Während Regimekritiker, Aktivisten und Journalisten unter den neuen Machthabern gefährdet sind, können internationale Touristen erstmals seit Jahrzehnten Regionen bereisen, die zuvor durch kriegerische Auseinandersetzungen unzugänglich waren. „Letztes Jahr hatten wir noch 8.000 ausländische Touristen in dem Land“, erklärt Kari Khubaib Rufran, Sprecher des Informations- und Kulturministeriums in Kabul. „Dieses Jahr waren es allein in den ersten sechs Monaten schon 7.000.“ Ein erheblicher Teil stamme aus westlichen Ländern.

Die Taliban, die mit ihrer systematischen Einschränkung von Frauenrechten international für Empörung sorgen, setzen auf den Tourismus als Instrument zur Imageverbesserung. „Die Menschen sollen sehen, dass Afghanistan ein sicheres Land ist“, betont Ministeriumssprecher Rufran. Dieselbe Gruppierung, die 2001 mit der Sprengung der monumentalen Buddha-Statuen im Bamian-Tal weltweite Entrüstung auslöste, wirbt heute mit dem jahrtausendealten Kulturerbe des Landes – einschließlich der vorislamischen Traditionen des Buddhismus, Zarathustrismus und Hinduismus, die alle ihre Spuren in der Region hinterlassen haben.

Kulturerbe als Touristenmagnet

Besucher können mittlerweile bei den Taliban Eintrittskarten erwerben, um die Überreste der in die Felswände gemeißelten Buddha-Statuen zu besichtigen. Auch die historische Synagoge in Herat sei für Touristen zugänglich, wie der Sprecher des Kulturministeriums der Provinz mitteilt. „Der Buddhismus ist ein bedeutender Teil der afghanischen Geschichte“, verkündet sogar ein offizielles Schild im Nationalmuseum in Kabul. Ein Museumsmitarbeiter, der anonym bleiben möchte, berichtet der Deutschen Presse-Agentur allerdings, dass die Taliban inzwischen einen Großteil der Ausstellungsstücke zum vorislamischen Erbe Afghanistans entfernt hätten.

Das Außenministerium rät weiterhin nachdrücklich von Reisen nach Afghanistan ab. „Vor Reisen in dieses Land oder diese Region wird gewarnt“, heißt es auf der offiziellen Webseite. „Österreicherinnen und Österreicher, die sich derzeit in diesem Gebiet aufhalten, werden dringend ersucht, sich unverzüglich mit der zuständigen österreichischen Vertretungsbehörde bzw. der nächstgelegenen Vertretung eines EU-Mitgliedstaates in Verbindung zu setzen“. Zudem wird den in Afghanistan lebenden Österreichern dringend empfohlen, das Land zu verlassen.

Die bulgarische Touristin Anna Pelova räumt ein: „Afghanistan ist kein Reiseland für Anfänger.“ Die Situation der Frauen belaste sie sehr. Gleichzeitig zeigt sie sich überrascht von der kulturellen und historischen Vielfalt des Landes. Für manche Einheimische bietet der wachsende Tourismus einen Hoffnungsschimmer in der wirtschaftlich prekären Lage. Ein Händler in der Nähe der prächtigen Gärten des Mogulherrschers Babur aus dem 16. Jahrhundert in Kabul beklagt jedoch, dass sein Geschäft kaum noch floriere, seit afghanischen Frauen der Zugang zu diesem beliebten Erholungsort durch die Taliban untersagt wurde.

Afghanische Touristenführerinnen

Trotz der massiven Einschränkungen für Frauen arbeiten einige wenige Afghaninnen als Touristenführerinnen – obwohl Frauen aus zahlreichen anderen Berufsfeldern verdrängt wurden. Zoe Stephens aus Liverpool begleitet weibliche Reisende durch Afghanistan und kooperiert dabei mit lokalen Führerinnen. Die ehemalige Studentin Nilofar Rahimi aus Kabul strebt ebenfalls eine Selbständigkeit als Touristenführerin an und möchte Reisen speziell für Frauen anbieten. Da afghanische Frauen nicht ohne männliche Begleitung in andere Provinzen reisen dürfen, birgt ihre Tätigkeit durchaus Risiken. Davon lässt sich die junge Frau, die ihr Studium aufgrund der Taliban-Herrschaft abbrechen musste, jedoch nicht abschrecken: „Ich kann nicht zu Hause sitzen und nichts tun.“

Den ausländischen Besucherinnen möchte sie nicht nur die kulturelle Vielfalt ihres Heimatlandes näherbringen, sondern auch verdeutlichen: „Ich will zeigen, dass auch wir Afghaninnen mehr mit unserem Leben machen wollen.“

Für Reise-Influencer, die Afghanistan in sozialen Medien einseitig positiv darstellen, hat Rahimi wenig Verständnis. „Für mich ist das enttäuschend“, kritisiert die ehemalige Studentin. „Sie sind doch hierhergekommen und haben gesehen, wie die Situation für uns Frauen hier ist.“

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KO KOSMO-Redaktion
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