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EXKLUSIV INTERVIEW

Holocaust: „Niemals vergessen, damit es sich niemals wiederholt”

Holocaust: „Niemals vergessen, damit es sich nie wiederholt” (FOTO: iStock, zVg.)

Wenn wir für jedes Holocaust-Opfer eine Schweigeminute innehalten wollen würden, müssten wir etwa 36 Jahre lang schweigen. Schweigen kann tödlich sein. Das zeigen die Verbrechen, die geschehen konnten, weil niemand sie öffentlich verurteilte und alle schwiegen. „Wir müssen unsere Stimmen jenen leihen, die keine Stimme haben. Und wir dürfen niemals vergessen, damit sich jene Gräueltat nicht wiederholt.” So beschreibt eine der Überlebenden dieses Verbrechens, von denen es in Sarajevo nur sehr wenige gab, ihre Geschichte.

Die 89-jährige Estera Erna Debevec aus Sarajevo ist Jüdin, pensionierte Juristin sowie Enkelin von Avram Altarac, dem Gründer der Schokoladen-, Bonbon- und Lokumfabrik „Zora”. Sie ist womöglich die einzige Frau in BiH, welche Ladino, die Sprache der sephardischen Juden, spricht.

Sie erinnert sich, wie sie den Holocaust überlebte und wie wichtig das Wissen um dieses Verbrechen sowohl für das Verständnis der Vergangenheit, als auch als Warnung für die Zukunft sei.

„Meine Schwester und ich wurden in einer städtischen Familie, in dem damals elitären Stadtviertel Koševo geboren. Damals war es unüblich im Krankenhaus zu gebären, hingegen kamen die Hebammen zu einem nach Hause. Meine Eltern waren Isak Kaveson und Merjama Kaveson, beide gebildete Menschen. Meine Mutter war Lehrerin, sie hatte die pädagogische Hochschule abgeschlossen, spielte Geige und lernte Sprachen.

Mein Vater war Ökonom und Stipendiat von La Benevolencija. Die jüdische humanitäre Organisation unterstützte damals einkommensschwache Kinder.

Ich begann 1940 mit der ersten Klasse. Meine Schwester war vier Jahre älter als ich. Irgendwann kam die Anordnung der Ustascha-Regierung jüdische Kinder aus den Schulen zu verweisen und sie nicht mehr zu unterrichten. Somit habe ich nur das erste Halbjahr der ersten Klasse abschließen können und ein Zeugnis mit lauter Einsern heimgebracht.”

„Meine Schwester und ich sind in einer städtischen Familie, in dem damals elitären Stadtviertel Koševo geboren. Meine Mutter war Lehrerin und mein Vater Ökonom.” (FOTO: zVg.)

Freiwild mit einem „Ž” gekennzeichnet
Sie betont, dass mit der Schule auch die ersten Anzeichen von Antisemitismus in Sarajevo einsetzten. „Mich hat das nicht so sehr getroffen, denn ich war erst in der ersten Klasse. Meine Schwester, die sehr ehrgeizig und fleißig war, war sehr unglücklich nicht mehr in die Schule gehen zu können. In dieser Zeit hatte eine Gruppe von Intellektuellen, darunter Oskar Danon, das Collegium Artisticum gegründet, um jenen ausgeschlossenen Kindern eine private Schulausbildung zu ermöglichen. Sie wollten die Kinder vor dem Horror retten, der gerade erst für uns vorbereitet wurde. Am 6. April begann das Bombardement. Eine sehr schwere Zeit begann für die Juden mit dem Einzug der Deutschen zu Beginn des Sommers. Nachts wurden Familien abgeführt. Menschen wurden in ihren Pyjamas in die Lastwägen, in Behelfslager oder in Eisenbahnwaggons gebracht. Alles begann im Zentrum von Sarajevo, wo viele Familien verhaftet wurden. Ich erinnere mich, dass mein Vater eine Armbinde mit dem Buchstaben Ž (Anm. d. Red. “Ž” stand für das Wort “Židov”; z. Dt. “der Jude”) trug, so wie viele andere auch. Die Menschen, die das trugen, wurden wie Freiwild behandelt – jeder durfte sie angreifen, sie in ein Lager bringen, zur Zwangsarbeit zwingen oder sie an Ort und Stelle töten.

Ich erinnere mich, dass mein Vater eine Armbinde mit dem Buchstaben Ž (Anm. d. Red. “Ž” stand für das Wort “Židov”; z. Dt. “der Jude”) trug, so wie viele andere auch. Die Menschen, die das trugen, wurden wie Freiwild behandelt – jeder durfte sie angreifen, sie in ein Lager bringen, zur Zwangsarbeit zwingen oder sie an Ort und Stelle töten.

Sie waren durch nichts und niemanden geschützt. Wir verfolgten immer, welche Straßen gerade gesäubert und von Juden entleert wurden. Wir wohnten in der damaligen Frankopanska ulica, der heutigen Gabelina, im vierten Stock eines Hauses, welches meiner Mutter und meiner Tante gehörte. Mein Großvater war als Inhaber der Schokoladenfabrik ’Zora’ sehr wohlhabend gewesen und hinterließ ihnen somit das große Mietshaus im österreichisch-ungarischen Stil. Zur damaligen Zeit waren das ziemlich elitäre Wohnungen, an welchen auch die Deutschen Gefallen fanden. Eines Tages vertrieben sie uns aus dem Stock unter meiner Tante und richteten sich dort Büros ein. Wir sahen sie im Stiegenhaus und wussten nie, wann sie kommen und auch uns so wie die anderen Juden in Sarajevo deportieren würden. Es war sehr anstrengend, in ständiger Furcht zu leben. Meine Mutter war eine kluge und intelligente Frau. Sie begriff, dass wir alles zurücklassen und unser Leben retten müssten. Die meisten jüdischen Familien wollten nicht weggehen und ihr Hab und Gut aufgeben. Sie verstanden nicht, warum sie ihre Häuser verlassen mussten”, erklärt Erna.

„Menschen, welche eine gekennzeichnete Armbinde mit Ž trugen, waren wie Freiwild — jeder durfte sie an Ort und Stelle töten. Sie waren durch nichts und niemanden geschützt.” (FOTO: iStock)

Überleben mit gefälschten muslimischen Dokumenten
Erna Debevec betont, dass ihre Mutter entschied Sarajevo zu verlassen. „Zu dieser Zeit gab es Menschen, die Passierscheine fälschten. Das war natürlich teuer zu bezahlen. Mein Vater besorgte einen Passierschein mit einem muslimischen Namen für meine Mutter, meine Schwester und mich. Mitte September 1941 saßen wir im Zug nach Mostar, wo die Ustascha und eine italienische Militärregierung herrschten. Damals trug meine Mutter keinen Schleier. Wohlhabende Frauen trugen damals Tücher und Kappen. An jenem Tag im Zug bedeckte meine Mutter ihr Gesicht mit dem Tuch als der Kontrolleur uns ermahnte nicht zu sprechen, denn an unserer Sprache hätte man erkennen können, dass wir falsche Dokumente besaßen.

So kamen wir nach Mostar, wo schon viele jüdische Flüchtlinge aus Sarajevo lebten. Bald kam auch mein Vater nach und wir blieben fünf oder sechs Monate dort bis die Militärherrschaft wechselte. Nun herrschten die Deutschen sowie die Ustascha. Wir zogen weiter nach Split, das von Italienern besetzt war. Mein Vater musste jede Woche ein Dokument unterschreiben, da wir in ihrer Evidenz erfasst waren. In einer von der jüdischen Gemeinde errichteten italienischen Schule mussten wir vor einer Kommission Prüfungen bestehen, um Italienischkenntnisse zu erlangen. Ich erinnere mich sogar, als die Militärherrschaft alle religiösen Bücher aus der Synagoge und der Bibliothek verbrannten. In Split gab es sehr viele Juden. Danach beschlossen die Italiener uns auf unterschiedliche Inseln umzusiedeln. Wir wurden nach Brač, andere nach Hvar und Korčula gebracht.”

Mein Vater besorgte einen Passierschein mit einem muslimischen Namen für meine Mutter, Schwester und mich.

Estera Erna Debevec

Lager, Rab, Kapitulation Italiens, Rückkehr
Nach mehreren Umsiedlungen auf unterschiedlichen Inseln wurden die Familie im Sommer 1942 nach Rab gebracht. Erna meint, es sei gut, dass es zur italienischen Kapitulation kam, denn sonst wäre das Lager den Deutschen übergeben worden.

„Dieses Lager mit Stacheldraht, hohen Wachtürmen und Scheinwerfern wurde speziell für Juden errichtet. Darin gab es einen Teil mit Holzbaracken. Im anderen Teil waren die Baracken aus Ziegelsteinen. Dort wurden Juden aus der Region Dubrovnik festgehalten. Es gab auch eine Schule, die wir besuchten. Wir waren bis 9. September 1943 in diesem Lager. Dann kapitulierte das faschistische Italien und das Lager wurde geöffnet. Die Freude war so groß, wir haben den ganzen Tag gesungen! Schon bald wurde die Raber Brigade gegründet, um sich den Partisanen anzuschließen. Die Partisanen übernahmen die Evakuierung des Lagers und überstellten uns sukzessive in die Stadt Rab. Damals sah ich zum ersten Mal ein Bild von Tito. Wir waren überwiegend in orthodoxen Dörfern in Kroatien.Nach einer längeren Zeit in Rab, waren wir in Otočac und Topusko, einem Kurort.

Ich erinnere mich, dort Vladimir Nazor gesehen zu haben. Hier warteten wir die Befreiung Sarajevos am 6. April ab. Das war ein Freudenfest mit Musik! Danach kamen wir nach Split. Ich wurde krank und bekam Mumps. Im August 1945 kehrten wir nach Sarajevo zurück. In gewisser Weise war es eine Freude zurückzukommen. Das Wichtigste war, dass wir nicht mehr gefährdet waren. Menschen kamen, um uns zu helfen, und nicht, um uns irgendwie zu schaden. Wenn es die Partisanen nicht gegeben hätte, hätte es uns auch nicht mehr gegeben. Als wir nach Sarajevo zurückkehrten, waren die meisten unserer Wohnungen besetzt oder komplett entleert. Wir schliefen auf dem Boden. Meine Eltern waren bedrückt, denn sie hatten ihre Familien verloren. Mein Vater hatte sechs Schwestern und drei Brüder und er war der Einzige, der sich retten konnte. Trotz der Trauer um die Verluste war uns bewusst, dass wir weitermachen und uns ein neues Leben aufbauen mussten”, sagt Erna.

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