
Die einzige Frau, die Ladino spricht
Die bosnischen Juden sprachen seit ihrer Vertreibung aus Spanien im 16. Jahrhundert und der Ankunft in Sarajevo Ladino. Erna ist eine der wenigen Menschen und die einzige Frau, die diese Sprache der sephardischen Juden noch spricht. In dieser Sprache, so erzählt sie, haben sie ihre Großmütter in den Schlaf gewogen. Man nennt sie auch die Sprache der Schlaflieder.
„Nur diejenigen konnten Ladino sprechen, welche diese als Muttersprache hatten. Es gab keinen Unterricht, in welchem man die Sprache hätte lernen können. Unsere Eltern sprachen Ladino und Serbokroatisch. Sie mischten oft beide Sprachen. Als wir noch Kinder waren, fiel uns das nicht besonders auf. Um die Sprache nicht zu vergessen, telefonierten meine Schwester und ich oft auf Ladino. In Ladino gibt es viele kluge Sprüche, einige von ihnen fallen mir heute noch spontan ein. Ich habe in der jüdischen Gemeinde mit David Kamhi begonnen, Ladino zu sprechen, um ein bisschen zu üben. Er hat sogar einen Unterricht abgehalten. Heute kann ich sagen, dass ich es fließend spreche, auch wenn mir manchmal gewisse Wörter nicht einfallen. Mein Vater sprach fünf Sprachen. Vermutlich besitze ich daher mein Talent für Sprachen.”
Bohoreta
Laura Papo Bohoreta war die erste Jüdin, Feministin, Aktivistin und Literatin, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts für die Bildung und Emanzipation der bosnischen Frauen einsetzte. Sie stand weniger für eine rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen, sondern mehr für die Emanzipation der Frauen im Sinne der Bildung und Alphabetisierung. Sie publizierte unter dem Pseudonym Bohoreta ihren Frauenclub, der im Rahmen der jüdischen Gemeinde in BuH tätig ist. Erna und ihren Glaubensschwestern kam die Idee ihn „Bohoreta” zu nennen. Sie erzählt, dass sie sich vor Covid-19 jeden Dienstag im Haus der jüdischen Gemeinde zusammentrafen, über wichtige Fragen der Gemeinde sprachen und die Feiertage gemeinsam verbrachten.
Der Moment, in dem aus Religion Nationalität wurde, war die größte Katastrophe, die uns passierte.
Estera Erna Debevec
„Schon vor dem Krieg hatte die jüdische Gemeinde Frauensektionen, in welchen Frauen arbeiteten, Feiern organisierten und zum Pessach- und Rosh-Hashanah-Fest spezifische sephardische Speisen zubereiteten. Wir haben Bohoreta im Geiste unserer Literatin, Laura Papo Bohoreta, konzipiert. Sie war zu ihrer Zeit eine fortschrittliche und gebildete Frau. Sie hatte in Istanbul eine Hochschule abgeschlossen und schrieb Einakter in Ladino. Sarajevo hatte damals 80.000 Einwohner, 12.000 davon waren Juden. Jetzt treffen wir uns weniger, solange die Pandemie andauert. Ansonsten treffen wir uns in der Gemeinde zu informellen Zusammenkünften. Die Situation der Juden ist jetzt ganz anders. Es gibt noch einige wenige Familien, in welchen beide Ehepartner Juden sind.”
Kraft der Anpassung
Nach der Verfassung Bosnien-Herzegowinas zählen die Juden nicht zu den konstitutiven Völkern, sondern zu den „Sonstigen”. Die Vorfahren von Erna Debevec kamen vor fünfhundert Jahren in diese Region. Sie findet es wichtig, den jungen Menschen eine gute Bildung und ein Bewusstsein dafür mitzugeben, wer die Juden in dieser Region sind.
Die Juden haben ihren Beitrag zu diesem Land geleistet, sie haben keinen Schaden angerichtet, sondern geholfen.
Estera Erna Debevec
Ich bestehe in meinen Interviews darauf, dass dies keine Eigenwerbung für mich ist. Ich möchte über unseren Beitrag reden. Die Juden sind seit 500 Jahren ein integrativer Teil der Bevölkerung dieser Region, und zwar im kulturellen, wirtschaftlichen und in jedem anderen möglichen Sinne. Die Juden haben ihren Beitrag zu diesem Land geleistet. Sie haben keinen Schaden angerichtet, sondern geholfen. Die Menschen wissen nicht, dass wir zur Entwicklung beigetragen haben. Besonders die junge Generation weiß das nicht. Sie sieht uns als Israelis.
Aber wir sind weder Israelis, noch sind sie selbst Palästinenser. Das ist eine völlig verrückte Konstruktion. Ich glaube, dass weder die einen noch die anderen im Recht sind. Für einen Konflikt braucht es zwei Seiten. Zweitausend Jahre lang mussten wir uns anpassen, um zu überleben. Nationen und Religionen haben uns großen Schaden zugefügt. Der Moment, in dem aus Religion Nationalität wurde, war die größte Katastrophe, die uns passiert ist. Am Ende sind wir alle schwarz, gelb, weiß. Wir empfinden alle denselben Schmerz und wir sind alle gleich” schließt Erna.
Und hier endet die Lebensgeschichte von Estera Debevec, einer Hüterin der Tradition, die mutig in ihr 90. Lebensjahr schreitet. Ein Leben, das sie wirklich nicht verwöhnt hat, in dem sie den Holocaust und die Belagerung Sarajevos überlebt hat. Am Ende des Gesprächs vermittelt sie uns, dass die Liebe zu sich selbst sowie zu anderen besonders wichtig ist. Diese Frau hat einen unwahrscheinlich scharfen Verstand, der noch für ein weiteres Leben ausreichen würde.
AUTORIN: Mediha Adrović