Während israelische Luftangriffe weitere Opfer fordern, verschärft sich die humanitäre Krise im Gazastreifen dramatisch. Die verkündete Feuerpause stößt auf gemischte Reaktionen.
Bei einem israelischen Luftangriff auf ein Wohngebäude im südlichen Gazastreifen sind nach Angaben von Augenzeugen und Rettungskräften mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen. Der Angriff, der sich westlich von Khan Younis ereignete, forderte zudem etwa 20 Verletzte, wie in der Nacht bekannt wurde. Eine unabhängige Überprüfung dieser Opferzahlen war zunächst nicht möglich. Die israelischen Streitkräfte äußerten sich vorerst nicht zu dem Vorfall.
Vor dem Hintergrund internationaler Kritik an ihrem militärischen Vorgehen hatte die israelische Armee überraschend eine tägliche humanitäre Feuerpause verkündet. Diese soll bis auf Weiteres zwischen 10.00 und 20.00 Uhr Ortszeit in jenen Gebieten gelten, in denen keine aktiven Kampfhandlungen stattfinden. Konkret betrifft dies die Region Al-Mawasi im Südwesten, Deir al-Balah im zentralen Gazastreifen sowie Teile der Stadt Gaza im Norden des Küstengebiets.
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Dramatische Unterernährung
Die humanitäre Situation im Gazastreifen verschärft sich derweil dramatisch. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnte am Sonntag vor einer sich rapide ausbreitenden Unterernährung, die mittlerweile „alarmierende Ausmaße“ erreicht habe. Besonders im Juli sei die Zahl der mit Mangelernährung in Verbindung stehenden Todesfälle deutlich angestiegen. In der Stadt Gaza leide inzwischen fast jedes fünfte Kind an akuter Unterernährung.
Die jüngste Analyse der Integrated Food Security Phase Classification (IPC) bestätigt, dass im Mai 2025 rund 470.000 Menschen im Gazastreifen unter katastrophalen Bedingungen leben, was akute Lebensgefahr durch Hunger bedeutet. Laut UNICEF und der WHO sind seit Juni 2025 mehr als 5.800 Kinder im Gazastreifen mit akuter Mangelernährung diagnostiziert worden. Besonders alarmierend: Über 71.000 Kinder sowie rund 17.000 Mütter benötigen dringend medizinische Behandlung wegen akuter Mangelernährung.
Das von der Hamas kontrollierte Gesundheitsministerium beziffert die Zahl der an Unterernährung Verstorbenen auf über 100 Personen, davon sollen 80 Prozent Kinder gewesen sein.
Die aktuellen Hilfsmaßnahmen stoßen bei Hilfsorganisationen auf Kritik. Ärzte ohne Grenzen bezeichnete die verkündete Feuerpause und Luftabwürfe von Hilfsgütern als „nicht ausreichend“ und forderte ein systematisches Verteilungssystem. Das UN-Welternährungsprogramm begrüßte zwar grundsätzlich die temporäre Waffenruhe in bestimmten Gebieten, betonte jedoch die Notwendigkeit zusätzlicher humanitärer Korridore für Hilfskonvois.
Kritik an Luftabwürfen
Juliette Touma, Sprecherin des UN-Palästinenserhilfswerks UNRWA, bewertete die Feuerpause als ersten Schritt, kritisierte jedoch die Praxis der Luftabwürfe als „teuer und gefährlich“. Diese Methode erlaube nur die Verteilung begrenzter Hilfsgütermengen, während im Gazastreifen rund zwei Millionen Menschen auf Unterstützung angewiesen seien. Gegenüber der BBC plädierte Touma für die Öffnung der Grenzübergänge für Hilfslieferungen auf dem Landweg.
Die Versorgungslage verschärft sich durch blockierte Grenzübergänge und ausbleibende Hilfslieferungen weiter dramatisch. UN-Organisationen fordern daher einen sofortigen Zugang zu lebensrettender Hilfe und erhöhten Druck auf die Konfliktparteien, humanitäre Zugänge zu ermöglichen.
Nach Angaben eines Militärsprechers hat Israel die Luftlieferung von Hilfsgütern wieder aufgenommen. Wie die ARD berichtet, wurden etwa sieben Paletten mit Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Zucker und Konserven über Gaza abgeworfen. Zudem teilte das Militär mit, dass eine Trinkwasseraufbereitungsanlage wieder an das israelische Stromnetz angeschlossen wurde, wodurch täglich 20.000 Kubikmeter Wasser produziert werden könnten.
Die israelische Armee wies auf der Plattform X Berichte über eine Hungersnot im Gazastreifen zurück und bezeichnete diese als „falsche Kampagne der Hamas“. Die israelische Seite wirft der Hamas vor, die Verteilung humanitärer Hilfe zu behindern, Hilfsgüter zu entwenden und zu überhöhten Preisen an die notleidende Bevölkerung zu verkaufen.
Die Hamas ihrerseits beschuldigt Israel, gezielt auf Zivilisten an Verteilzentren zu feuern.