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TRAGÖDIE

Kroatisch-serbische Grenze: Verbrechen oder Unfall – warum musste Madina sterben?

Madina Hussiny - Unfall oder Verbrechen 1
Auf dieser Bahnstrecke geschah die Tragödie. (FOTO: dnevnik.hr/zVg.)

Beim Versuch zusammen mit ihrer Familie nach Kroatien zu gelangen, stirbt die sechsjährige Madina. Ein Unfall, oder ein Verbrechen?

Am 21. November 2017 kam es zwischen 20 und 21 Uhr zu einer Tragödie nahe der serbisch-kroatischen Grenze. Als die Mutter Muslima Hussiny, zusammen mit ihren fünf Kindern, über die Bahngleise ging, kam ein Frachtzug aus der Dunkelheit.

Madinas Schädel ist gebrochen, an ihrem Hinterkopf klafft eine große Wunde und aus ihrer Nase läuft Blut. Ob sie von einem Waggon erfasst, oder vom Sog des Zuges erwischt und weggeschleudert wurde, kann man heute nicht genau sagen.

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Aussage gegen Aussage
Die Behörden erlauben nur in wenige Dokumente Einsicht. Während die Hussinys davon überzeugt sind, dass der Tod der kleinen Madina kein Unfall war und ihn als Verbrechen bezeichnen, schmettert die kroatische Grenzpolizei alle Vorwürfe ab.

NGOs aus Kroatien und Serbien stellten der Familie einen Anwalt zur Seite, die diesen Fall nun vor Gericht bringen möchte. Die Juristin Sanja Jelavić erstattete nun bei der Staatsanwaltschaft in Vukovar Anzeige gegen unbekannt. Vorgeworfen werden neben Amtsmissbrauch, Vernachlässigung mit Todesfolge auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Menschenwürde sowie Verletzung von Kinderrechten.

Sollten Verantwortliche gefunden werden, so droht ihnen bis zu 15 Jahren Haft. Als mutmaßliche Täter werden einige kroatische Grenzpolizisten geführt.

Muslima Hussiny schildert den Vorfall an jener Stelle, an welcher Madina verunglückte. (FOTO: Screenshot/n1)

Flüchtlingsgeschichte der Hussinys
Die Familie lebt derzeit im serbischen Flüchtlingslager Principovac, wo sie zusammen mit 200 weiteren Menschen untergebracht sind, jedoch befinden sie sich bereits seit langem auf der Flucht.

Ihre Reise führte die afghanische Familie über den Iran, die Türkei und Bulgarien nach Serbien, wo sie im April 2017 ankam. Dort verbracht sie insgesamt 10 Monate, bis sie sich dazu entschloss, Serbien in Richtung Europäische Union zu verlassen.
Die schlechten Lebensumstände und Armut des Landes, sowie die schleppend verlaufenden Asylanträge bewogen die Familie dazu, sich einem Schlepper anzuvertrauen. Die Hussinys haben davor gehört, dass Kroatien Familien mit Kindern Asyl gewähre.

Nachdem sie mit einem Taxi zu einem verlassenen Haus gebracht wurden, ging es zu Fuß über Schleichwege weiter. Muslima, die Mutter der Familie, erzählte, dass sie es auf kroatisches Staatsgebiets geschafft hätten.

Dort seien sich auf kroatische Polizisten getroffen. Muslima habe sie um Asyl gebeten, welches vonseiten der Grenzpolizisten verweigert wurde. Die Beamten seien hart geblieben und hätten die Familie mit einem Fahrzeug zurück zu den Gleisen gebracht.
Nachdem sie dort einige Minuten in Richtung Serbien liefen kam der Zug, welcher Madinas Leben nahm.

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Madinas letzte Minuten
Mit ihrer schwerverletzten Tochter im Arm lief Muslima zurück zu den kroatischen Beamten, die sich noch in unmittelbarer Nähe befanden. Sie nahmen die Familie im Wagen zurück zu einem Parkplatz, wo ein Krankenwagen wartete.

Muslima erzählt, dass ihr nicht erlaubt wurde, ins Krankenhaus mitzufahren. Während die fremden Polizisten mit Madina davonfuhren, wären die verbliebenen Familienmitglieder wieder an die Gleise gebracht worden. Madina lag im Sterben, währenddessen wurde die Familie an serbische Grenzbeamte übergeben und abgeschoben.

Zwei Tage nach Madinas Tod wurden ihre sterblichen Überreste nach Serbien gebracht. Die Familie beteuert, dass sie bis heute noch keine offiziellen Dokumente zum Tode ihrer Tochter erhielt. Madina wurde am Rand des serbische-orthodoxen Friedhofes der Grenzstadt Šid beigesetzt.

Madina wurde neben dem orthodoxen Friedhof der Grenzstadt Šid beigesetzt. (FOTO: The Guardian)

Illegales Vorgehen der Polizei?
Sollte die Geschichte der Familie der Wahrheit entsprechen, so handelte die kroatische Polizei mit großer Wahrscheinlichkeit illegal. Insofern die Hussinys wirklich kroatisches Staatsgebiet betreten haben, so wäre es die Pflicht der Beamten gewesen, ihren Asylantrag zu bearbeiten. Zudem hätte man die serbische Seite über eine Abschiebung informieren und darauf achten müssen, ob die Strecke überhaupt passierbar ist.

Bisher gab es nur eine Stellungnahme vonseiten des kroatischen Innenministeriums. Darin wird beschrieben, dass die Familie niemals kroatisches Territorium betreten habe. Die Beamten hätten sie mithilfe einer Wärmebildkamera beobachtet, jedoch sei die Familie erst nach dem Unfall auf die kroatische Seite der Grenze übergetreten.

Laut offiziellen Dokumenten verstarb Madina um 21:10 Uhr, während die Mutter freiwillig mit ihrer Familie zurückkehrte.

Behörden hüllen sich in Schweigen
Sowohl die Anwältin Jelavić als auch die kroatische Ombudsfrau Lora Vidović fordern eine genaue Untersuchung des Falles, allerdings zeigen sich die zuständigen Institutionen wenig bis gar nicht kooperationsbereit.

Die zuvor zitierten Bilder der Wärmebildkamera wären nicht mehr verfügbar, während die GPS-Daten der Mobiltelefone aller Beteiligten beweisen würden, dass sich die Hussinys bereits acht Kilometer innerhalb Kroatien befanden.

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Die Nachrichtenportale „Al Jazeera Balkans“ und „SarajevoTimes“ veröffentlichten kürzlich einen Artikel über das Leben der Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien in Graz.

„Das ist nicht das erste Mal, dass wir diese Antwort bekommen“, sagt Ana Tretinjak, die für das Büro der Ombudsfrau arbeitet, gegenüber profil: „Wir schicken genaue Koordinaten und Zeiten von einem Zwischenfall – und sie sagen uns, dass die Polizei das nicht aufgenommen habe oder ein technisches Problem vorgelegen sei.“

Letzte Entscheidung in Vukovar
Es obliegt nun der Staatsanwaltschaft in Vukovar, ob Madinas Tod zu einem Kriminalfall wird. Sollten sie sich für eine Anklage entscheiden, so könnten Details ans Tageslicht kommen, von welchen NGOs und Migranten bereits über Monate hinweg berichten: illegale Migranten würden bei sogenannten „Push-Backs“ zurückgedrängt und dabei oft geschlagen, gedemütigt und bestohlen.

Die Familie erhofft sich von einer Anzeige viel. Nicht nur, dass es zu einem Umdenken bei der Polizei führt, sondern auch, dass niemandem so etwas noch einmal wiederfährt.

Mehrere Anfragen von profil an kroatische und serbische Behörden blieben bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

(QUELLE: Christoph Zotter, profil)

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