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REPORTAGE

Öffnung der Gastronomie: Die Fachgruppe der Wirtschaftskammer Wien am Wort

Peter Dobcak, Obmann der Fachgruppe für Gastronomie bei der Wirtschaftskammer Wien. (FOTO: iStock, KOSMO)

Eine Branche, von der wir alle überzeugt waren, dass sie zu den wenigen gehörte, die die Menschheit immer brauchen würde, war die Gastronomie, und gerade die erlebte in der Pandemie den vollständigen Zusammenbruch. KOSMO hat nachgefragt, wie die Gastronomen aus dieser mehrmonatigen Finsternis herauskommen und was sie erwartet…

Wir fragten den Obmann der Fachgruppe für Gastronomie bei der Wirtschaftskammer Wien, Peter Dobcak, welche Schlussfolgerungen man aus der ganzen Situation ziehen kann und was die Prognosen für die Zeit nach dem Lockdown für diese Branche sind.

KOSMO: Wie sieht die Situation in der Gastronomie-Branche nach dem sechsmonatigen Lockdown aus? Ist bereits bekannt, wie viele Betriebe in Insolvenz gegangen sind?
Peter Dobcak: Durch die Förderungen seitens der Regierung und die Unterstützung der Stadt (die Stundungen bei der Sozialversicherung, Fixkostenzuschüsse usw.) wurde die Branche doch sehr unterstützt. Auch, wenn es durch die Vielzahl an Anträgen oftmals zu monatelangen Verzögerungen gekommen ist, sind 99,5 % Prozent des Geldes geflossen. Wichtig ist es jetzt, dass diese Unterstützung nicht sofort gestoppt wird, sondern über einen gewissen Zeitraum noch weitergeht, weil wir natürlich Zeit in der Gastro- und Tourismusbranche brauchen, um finanziell wieder einen Polster aufzubauen und auch langsam beginnen zu können, unsere Schulden zurückzuzahlen. Hier spielen auch die Banken eine ganz wesentliche Rolle. Denn manche Betriebe haben sicher schon eine Überbrückungsfinanzierung von einem Jahr genommen und dachten, dass die Geschichte im Herbst erledigt sei. Das war leider nicht der Fall und jetzt fordern die Banken die Kreditzahlung. Man muss hier eine Lösung mit den Banken finden.

Wer tatsächlich aufgrund der Pandemie nicht überlebt hat, ist noch überschaubar.

Peter Dobcak

Wie viele Betriebe in Insolvenz gegangen sind, wird sich erst in den nächsten Monaten weisen, wenn die bestehenden Förderungen auslaufen. Wenn die Bankkredite, Steuern usw. ausgezahlt sind, werden wir sehen, wie viele Betriebe überlebt haben. Zum jetzigen Zeitpunkt haben nur einige Betriebe geschlossen oder die Lokalbesitzer sind früher in Pension gegangen. Wer tatsächlich aufgrund der Pandemie nicht überlebt hat, ist noch überschaubar.

Wie sieht der Plan aus, um die Situation in der Branche nach dem Lockdown zu verbessern? Mit welchen Maßnahmen kann der Staat bzw. die Branche sich selbst helfen?
Die Betriebe, die vom Touristenstrom sehr abhängig sind, können davon ausgehen, dass die Förderungen zumindest bis Ende Juni bestehen bleiben. Diese Betriebe müssen nicht aufsperren, können es aber machen. Wenn sie aufsperren, dann muss der Umsatz im Rückgang min. 40 % sein. Dann kann man diese Förderungen weiter in Anspruch nehmen. Darüber hinaus werden in Kürze Gespräche geführt, wie man die Unterstützung noch weiterführen kann. Was die Branche selbst machen kann: Viele in der Branche müssen sich neu erfinden. Das Takeaway z. B. wird ein Teil des Geschäfts bleiben. Meiner Meinung nach ist es am Wichtigsten zu überlegen, ob das, was man anbietet, für die Zielgruppe noch passt. Das ist dann auch damit verbunden, dass man beginnt, einige Sachen im Betrieb zu optimieren und die Preise eventuell anzupassen. Das ist jetzt auch unsere Chance: Wir müssen davon wegkommen, dass wir alles herschenken, weil wir oftmals sehr günstige Preise für die Qualität, die wir liefern, haben. Stattdessen müssen wir auf Basis unserer betriebswirtschaftlichen Kalkulation sagen: So viel muss es kosten und so viel wird es kosten. Die Gäste werden es auch verstehen. Wir sind Geschäftsleute und keine karitative Einrichtung. Nach der Öffnung ist es äußerst wichtig, dass wir keine Gesetzesübertretungen begehen, weil wir Angst haben, den Umsatz zu verlieren.

Rückblickend betrachtend – was hätte der Staat für die Branche besser machen können?
Die Vorgaben und Auflagen hätten wesentlich einfacher gestaltet werden müssen. Es waren viele tausende Stunden, die viele in die Bürokratie investiert haben, damit sie dann eine Unterstützung bekommen. Manche Vorgaben waren einfach zu streng.

Nach der Öffnung ist es äußerst wichtig, dass wir keine Gesetzesübertretungen begehen, weil wir Angst haben, den Umsatz zu verlieren.

Peter Dobcak

Sind die neuen Corona-Regeln für die Gastronomie tatsächlich umsetzbar? Wie soll das mit den Testungen funktionieren?
Die Formulierung dieser Frage zeigt sehr deutlich das Missverständnis auf, welches in der Bevölkerung vorherrscht: Man muss sich nicht testen lassen, bevor man in ein Lokal geht. Man muss getestet sein, wenn man in ein Lokal geht! So wie sich Menschen jeden Tag die Zähne putzen, so sollte es auch zur Gewohnheit werden, sich drei Mal in der Woche, z. B. zu Hause mit dem Gurgeltest zu testen, und dann ist die ganze Woche abgedeckt. Dann müssen sie nicht mehr an einen Test denken, wenn Sie in ein Lokal wollen. Wir müssen von der Auffassung wegkommen, dass wir uns erst dann testen, wenn wir auf einen Kaffee gehen wollen. Damit entlastet man auch die Gastronomen, weil sie dann nicht vor Ort Gäste testen müssen.

Wir müssen von der Auffassung wegkommen, dass wir uns erst dann testen, wenn wir auf einen Kaffee gehen wollen.

Peter Dobcak

Was wäre Ihr Appell an die Gastronomen beziehungsweise an die Gäste?
Ich habe einen wichtigen Appell an die Gäste: Bitte, machen wir das jetzt noch sechs Wochen, lasst euch Testen, nehmt euer Zertifikat (3Gs) mit und macht es den GastronomInnen nicht schwer. Wir wollen uns nicht mit den Gästen streiten. Wir freuen uns, dass sie kommen, dass wir aufsperren dürfen, aber wir müssen das Gesetz befolgen. Es muss alles gemeinsam getan werden, damit wir ab dem 1. Juli wieder normal leben können.

Schließen wir uns zusammen, schaffen wir noch sechs Wochen und dann, wenn die Infektionszahlen unter Kontrolle sind, dann werden viele dieser Vorgaben wegfallen!

Peter Dobcak

Der Appell an die Gastronomen – viele verhalten sich großartig, aber es gibt auch manche, die grundsätzlich alles kritisieren: Es muss uns allen klar sein, dass es für einen längeren Zeitraum einfach nicht mehr so wird wie vorher. Wir müssen aufhören, uns gegen die Regeln zu wehren, sondern vielmehr versuchen, diese Regeln so gut wie es geht umzusetzen. Außerdem sollten sich beide Gruppen an die Regel halten, denn es wird kontrolliert! Die Stadt Wien hat eigene Kontrollteams, vier bis fünf Personen, die jeden Tag und jeden Abend unterwegs sind und sowohl die Gäste, als auch die Gastronomen kontrollieren. Bei Gastronomen werden die Präventionskonzepte kotrolliert, also ob sie einen COVID-19-Beauftragten haben und ob die Gäste registriert und getestet sind. Gäste werden nach dem negativen Nachweis gefragt. Strafen für die Gastronomen werden bis zu 30.000 Euro gehen und für die Gäste bis zu 1.450 Euro. Sollte es Unklarheiten bzgl. der Maßnahmen geben, ist unsere Fachgruppenwebseite, aber auch die offizielle Corona Webseite des Tourismusministeriums und der Wirtschaftskammer eine geeignete Anlaufstelle:
www.sichere-gastfreundschaft.at. Dort findet man exakte Informationen mit den Links zu den einzelnen Verordnungen, Leitfäden etc. und sie deckt die ganze Gastronomie-, Hotellerie-, und Veranstaltungsbranche ab. Darüber hinaus kann man auch ein E-Mail an die Fachgruppe schicken. Was wir nicht machen, ist, gemeinsam mit einem Gastronomen Anträge auszufüllen. Dafür sind Steuerberater da. Schließen wir uns zusammen, schaffen wir noch sechs Wochen und dann, wenn die Infektionszahlen unter Kontrolle sind, dann werden viele dieser Vorgaben wegfallen!