Ein gestrandeter Tanker, 130.000 Tonnen Rohöl und ein wachsender Teppich auf dem Meer – die Uhr tickt vor Omans Küste.
Der Öltanker „Caroline Bezengi“ zählt zur russischen Schattenflotte – einem Verbund aus schätzungsweise 435 bis 650 Schiffen, die häufig veraltet und mangelhaft gewartet sind. Diese Flotte dient Moskau dazu, westliche Sanktionen zu unterlaufen und den Ölexport am Laufen zu halten, mit dem der Krieg gegen die Ukraine finanziert wird. Der schlechte Zustand vieler dieser Schiffe macht sie zugleich zu einer ernsthaften Bedrohung für die Meeresumwelt.
Wie gravierend diese Gefahr ist, zeigt sich derzeit vor der Südküste des Oman im Arabischen Meer. Seit dem 30. Juni liegt die „Caroline Bezengi“ dort auf Grund – gestrandet im Bereich des Archipels Al-Hallanijat – und verliert seither kontinuierlich Öl ins Meer, wie Satelliten- und Bildaufnahmen belegen. Vor dem Auflaufen soll es an Bord zu Explosionen gekommen sein, deren Ursache bislang ungeklärt ist.
Drohendes Umweltdesaster
Greenpeace zufolge hat sich der Ölteppich inzwischen auf rund 600 Quadratkilometer ausgedehnt – das entspricht etwa der eineinhalbfachen Fläche Wiens. Die omanischen Behörden hatten am Montag noch von 400 Quadratkilometern gesprochen. Noch beunruhigender ist ein weiterer Vergleich: Der Tanker hatte zum Zeitpunkt des Unglücks eine Ladung von rund 800.000 Barrel Rohöl an Bord – etwa das Zwei- bis Dreifache der beim Unfall der „Exxon Valdez“ 1989 ins Meer gelangten Ölmenge, der bis heute als schlimmste Schifffahrtskatastrophe der Geschichte gilt.
Der Ölteppich hat mittlerweile die omanische Küste sowie ein dortiges Meeresnaturschutzgebiet erreicht, das Lebensraum für Buckelwale, Meeresschildkröten und Kormorane ist. Laut der Nachrichtenagentur Reuters sind inzwischen Bergungsmaßnahmen mit spezialisierten Schiffen angelaufen. Gelingt die Aktion, könnte zumindest ein Teil des Rohöls noch vor dem Auslaufen auf andere Schiffe umgepumpt werden – nicht die gesamte Ladung würde dann ins Meer gelangen. Das britische Seesicherheitsunternehmen Ambrey ist in die Einsätze eingebunden und arbeitet nach eigenen Angaben mit dem Oman zusammen; dazu wurde eine führende internationale Ölpest-Reaktionsfirma beauftragt.
Die Bedingungen für die Bergung gelten als außerordentlich schwierig. Saisonale Monsunwinde erschweren die Arbeiten erheblich und könnten zu deutlichen Verzögerungen führen. „Dies ist eine äußerst herausfordernde Situation, die durch widrige Wetterbedingungen im Zusammenhang mit dem Khareef-Monsun (saisonaler Südwestmonsun) verschärft wird“, sagte Ed Wollaston, Direktor für globale Reaktion bei Ambrey.
Ungeklärte Hintergründe
Die „Caroline Bezengi“ ist schätzungsweise 25 Jahre alt und verfügt über keine westliche Versicherung. Erste Probleme meldete das Schiff am 8. Juni vor dem Jemen – nachdem es zuvor durch den Suezkanal und südlich durch das Rote Meer gefahren war. Was danach geschah, bleibt unklar. Eine mögliche Erklärung ist, dass die Ukraine den Tanker mit einer Haftmine angegriffen haben könnte, weil er russisches Öl an Bord hatte, das für Indien bestimmt gewesen sein soll. Angesichts der enormen Entfernung zwischen dem Oman und der Ukraine erscheint dieses Szenario jedoch kaum plausibel. Ob ein Angriff aus dem Jemen oder dem Iran dahintersteckt, ist ebenfalls offen. Ungeklärt bleibt auch, warum das Schiff – wenn Indien tatsächlich das Ziel war – nicht weit südlicher im Arabischen Meer blieb, sondern vor der omanischen Küste auf Grund lief. Manche Beobachter fragen sich daher, ob das Öl möglicherweise doch für den Iran bestimmt war.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Das omanische Transportministerium forderte die Eigentümer auf, das Schiff mitsamt seiner Ladung aus dem Gebiet zu entfernen. Berichten zufolge gehört die „Caroline Bezengi“ einem chinesischen Unternehmen, das – wie bei anderen Schiffen der Schattenflotte üblich – auf eine Briefkastenfirma in Shanghai zurückgeführt werden soll. Greenpeace warnt seit Jahren vor genau solchen Konstellationen. „Denn hier kann es jetzt wirklich sein, dass Oman und seine Bevölkerung schlussendlich auf den Konsequenzen und auf dieser dramatischen Verschmutzung sitzen bleiben“, sagte Nina Noelle, Expertin für internationale Kriseneinsätze bei Greenpeace, im deutschen Fernsehen.