Start COMMUNITY Sasa Schwarzjirg: “Wir Frauen haben gelernt Opfer zu sein – Das muss...
INTERVIEW

Sasa Schwarzjirg: “Wir Frauen haben gelernt Opfer zu sein – Das muss sich ändern!”

Schwarzjirg
FOTO: Felicitas Matern/Feelimage

Die meisten kennen Sasa Schwarzjirg noch aus ihrer Zeit beim Musiksender VIVA, wo sie vielen vor allem durch ihren hippen Sidecut und ihre quirlige Art als Moderatorin im Gedächtnis blieb. Seither durchlebte die Journalistin einen großen Wandel. Auf ihrem Weg zur gestandenen Frau legte man ihr einige Stolperstein auf den Weg. Doch in eine Opferrolle lässt sich das Stehauffräulein mit kroatischen Wurzeln keinesfalls drängen.

Wir sprachen mit der Moderatorin und Redakteurin über ihre Erfahrungen mit virtueller aber auch realer sexueller Belästigung, rassistische und unsittliche Nachrichten, die sie und ihre Schwester, Moderatorin Bianca Schwarzjirg regelmäßig erhalten, und einen Vorfall vor über zehn Jahren, der die heute 32-Jährige zutiefst prägte…

KOSMO: Du stehst mittlerweile schon seit gut einem Jahrzehnt in der Öffentlichkeit…hast du das Gefühl, dass es junge aufstrebende hübsche Moderatorinnen früher schwerer bzw. leichter hatten, als heutzutage – oder ist sexuelle Belästigung damals wie heute etwas, womit man als Frau in dieser Branche unaufhörlich zu kämpfen hat?
Sasa Schwarzjirg:
Meines Erachtens haben es Frauen heutzutage sehr wohl leichter. Damals wäre es beispielsweise undenkbar gewesen, dass jemand wie Kristina Inhof – eine hübsche junge Frau – Sport moderiert. Dennoch werden wir nach wie vor klein gehalten. Führungspositionen – außer im Lifestyle-Bereich – sind auch heute fast ausschließlich Männern vorbehalten…

LESEN SIE AUCH: #metoo: Frauen sprechen über sexuelle Übergriffe

Seit Wochen posten auch in Österreich Tausende Frauen im Netz über sexuelle Übergriffe. Den Stein ins Rollen brachte der Hollywood-Produzent Harvey Weinstein, der zahlreiche Schauspielerinnen sexuell belästigt haben soll.

 

Denkst du wird eine Frau weniger ernst genommen, je besser sie aussieht?
Ganz im Gegenteil! Ich denke grundsätzlich, dass es gepflegte Menschen im Leben leichter haben. Es liegt einfach in unserer Genetik, dass uns attraktive Dinge ansprechen. Dennoch muss man in diesem Fall auch beweisen, dass etwas hinter dieser schönen Fassade steckt. Andernfalls verschwindet man schneller von der Bildfläche, als man glaubt.

Wie wichtig sind äußerliche Attribute in deinem Job?
Das Aussehen spielt nach wie vor eine wichtige Rolle, wobei es den Fernsehmachern grundsätzlich wichtiger ist, als dem Zuseher selbst. Ich verstehe nach wie vor nicht, aus welchem Grund Menschen mit körperlichen Behinderungen nicht auch als Moderatoren eingesetzt werden. Warum sollten sie Inhalte schlechter transportieren können? Nur weil jemand durch Narben oder körperliche Einschränkungen nicht dem Schönheitsideal entspricht, sagt das noch lange nichts über seine Redegewandtheit und seinen Esprit aus. Fernsehmacher trauen dem Zuseher einfach zu wenig zu…

“Führungspositionen sind auch heute fast ausschließlich Männern vorbehalten.”
– Sasa Schwarzjirg

Wie vielen deiner Kolleginnen, wurden auch dir unsittliche Facebook-Nachrichten zugeschickt. Im Gegensatz zu anderen, schreckst du aber nicht davor zurück, von deinen Erfahrungen zu berichten. Auf deinem Facebook-Profil postest du sogar Screenshots von anzüglichen und beleidigenden Mitteilungen – und das sogar ohne die Usernamen unkenntlich zu machen. Was genau bezweckst du damit?
Mich überrascht es selbst, dass ich deshalb bisher noch nie verklagt wurde. (lacht) Ich möchte damit in erster Linie potenzielle Täter abschrecken, ihnen damit aber auch zu verstehen geben, dass ich mich nicht in eine Opferrolle drängen lasse! Ich will nicht, dass solche Typen glauben, sie können derartige Nachrichten ungestraft verschicken.

Screenshot-facebook
*User wurde von KOSMO unkenntlich gemacht. (FOTO: Screenshot/Facebook)

Meistens fragen sie mich zu Beginn noch nach einem Date, wenn ich dann ablehne – weil ich grundsätzlich niemanden aus dem Netz treffe – versuchen sie es noch zwei drei Mal, bis dann Nachrichten, wie “Willst du f**ken” eintrudeln, auf die ich selbstverständlich nicht reagiere. Und dann lese ich schon mal Dinge, wie “Du scheiß elendige Hure, ich hoffe dein Hund stirbt!”

Was mich daran aber besonders beunruhigt ist, dass sie diese Art des Cyber Mobbings nicht nur bei mir – einer 32-jährigen, gestandenen Frau mit viel Erfahrung in dieser Branche – betreiben, sondern auch bei unsicheren jungen Mädchen zuschlagen…und wir wissen alle, wozu diese Art von Hassnachrichten manche Teenager schon getrieben hat. Ich möchte mit gutem Beispiel vorangehen, und zeigen, dass man sehr wohl etwas dagegen tun kann!

“Manchen scheint es nicht zu passen, dass Bianca und ich trotz unserer slawischen Wurzeln
im Fernsehen zu sehen sind.”
– Sasa Schwarzjirg

Wie reagieren diese Männer, wenn sie sehen, dass du sie öffentlich an den Pranger stellst?
Es ist leider so, dass ich sie noch so oft auf schöne Art und Weise bitten kann, es zu unterlassen, mir derartige Nachrichten zu schicken – In der Regel macht sie das nur noch aggressiver. Aber sobald ich Screenshots veröffentliche, ist Ruhe! In der Regel blockieren sie mich anschließend, und lassen mich endlich in Frieden. Dennoch riskiere ich mit jedem dieser Postings eine Klage.

Wie häufig hast du mit derartigen unpassenden Kommentaren zu kämpfen?
Früher als ich noch bei ATV war, mehrmals die Woche. Inzwischen nur noch ein paar Mal im Monat. Meist handelt es sich dabei um Penis-Bilder, anzügliche Anmachen, aber auch rassistische Nachrichten. Auch meine Schwester Bianca wird des Öfteren angefeindet. Manchen scheint es nicht zu passen, dass wir trotz unserer slawischen Wurzeln im Fernsehen zu sehen sind.

Sasa Schwarzjirg
Wie uns Sasa im Interview verrät, liest sie sehr wohl alle Nachrichten, die sie zugeschickt bekommt – meist wenn sie nicht einschlafen kann. (FOTO: KOSMO)

Hast du schon einmal daran gedacht, deinen Messenger zu löschen bzw. einfach keine Nachrichten von Fremden zuzulassen?
Ich hatte mein Facebook-Profil aufgrund solcher Nachrichten für etwa ein halbes Jahr deaktiviert, und ließ auch lange keine Nachrichten zu. Dann habe ich eingesehen, dass es unfair ist, 99 Prozent meiner netten Fans die Möglichkeit zu verwehren, mich zu kontaktieren, nur weil ein Prozent nicht ganz dicht sind. (lacht)

Welcher Vorfall hat dir bislang am meisten zugesetzt?
Mit Anfang 20 interviewte ich einen Maturareisenveranstalter bei etwa 38 Grad. Ich trug ein kurzes Kleid und einen Bikini darunter. Noch während des Gesprächs und vor laufender Kamera griff er mir unters Kleid – unters Höschen, und war direkt an meiner intimsten Stelle. Er konnte buchstäblich ertasten, ob ich rasiert bin oder nicht! Ich bin damals zu einer Salzsäule erstarrt, und betete dennoch stoisch meine Fragen herunter. Wäre mir das heute widerfahren, hätte ich ihm mit Sicherheit eine geknallt, und ihn zur Rede gestellt.

Leider hat weder der Produzent noch der Kameramann etwas davon mitbekommen, da es richtig voll war, und überall Menschen herumliefen. Die Kamera war nur auf unsere Köpfe gerichtet, und der Produzent achtete auf etwas anderes. Ich erzählte ihm jedoch danach von dem Vorfall, und er meinte, dass er jetzt nichts mehr dagegen tun könne, da wir auf Einladung dort waren, und der Kunde für diesen Beitrag bezahlt hatte.

“Welche normale Frau stellt sich schon freiwillig
durch sexuelle Belästigung in den Vordergrund?”
– Sasa Schwarzjirg

Als ich mich im Nachhinein weigerte einen Nachbericht für den besagten Veranstalter zu verfassen, und sowohl beim Produzenten, als auch beim Sender verdeutlichte, dass ich keine weitere Zusammenarbeiten mit ihm wünsche, setzte man sich letztendlich doch für mich ein, verlangte vom Veranstalter eine Stellungnahme und beendete wenig später die Zusammenarbeit komplett. Er stritt die sexuelle Belästigung aber immer ab, und terrorisierte mich anschließend mit Nachrichten. Er behauptete, er wollte sich damit nur einen Spaß erlauben, und drohte mir mit einer Klage wegen Rufschädigung. Dazu kam es allerdings nie…

LESEN SIE AUCH: „Heute“ löst mit sexistischem Artikel über ORF-Moderatorin heftige Reaktionen aus

Die österreichische Tageszeitung „Heute“ hat mit einem sexistischen Artikel über ORF-Moderatorin für Aufregung gesorgt. Zwar wurde der Beitrag bereits von der Seite gelöscht, in den sozialen Netzwerken kursieren noch etliche Screenshots.

 

Aber erst kurz bevor der “MeToo”-Hashtag 2017 in den sozialen Netzwerken verbreitet wurde – also über zehn Jahre nach diesem Vorfall – bist du mit deiner Erfahrung der sexuellen Belästigung an die Öffentlichkeit getreten…
Richtig, etwa zwei Wochen bevor die Debatte startete, machte ich meine Erfahrung im Zuge eines Interviews publik. Danach brach ein wahrer Shitstorm über mich herein. Mir wurde vorgeworfen, dass ich nur Aufmerksamkeit wollte, was mich persönlich sehr verletzt hat. Aber selbst wenn ich die Geschichte im Zuge der Debatte erzählt hätte, wäre es ein Zeichen von Solidarität, da man damit als Frau auf das individuelle Ausmaß sexueller Belästigung aufmerksam machen möchte – aber das alles geschah noch bevor der Hashtag in Umlauf kam. Als Frau wird einem traurigerweise häufig vorgeworfen, dass man durch Vorfälle dieser Art auf sich aufmerksam machen möchte, aber welche normale Frau stellt sich schon freiwillig durch sexuelle Belästigung in den Vordergrund?

Was mich daran besonders erschütterte, war die Tatsache, dass ich im Anschluss  vorwiegend von Männern – auch Kollegen – angefeindet wurde, die meinten, ich hätte einfach damals schon den Mund aufmachen müssen. Sie verstehen aber nicht, dass viele Frauen nach solch einer Erfahrung einfach keinen Ausweg sehen, und sich nicht trauen sich diesbezüglich zu äußern. Häufig kommen Selbstvorwürfe dazu. Ich zum Beispiel dachte mir, ich hätte an diesem Tag kein Kleid anziehen sollen. Heute weiß ich, dass mich keinerlei Schuld trifft. Es wundert mich aber nach dieser Erfahrung nicht, dass viele Vergewaltigungsopfer sich nicht trauen, an die Öffentlichkeit zu treten, wenn sogar ich mit einer vergleichweisen Bagatelle derartige Reaktionen erlebte…Diese Vorstellung war das absolut Schlimmste an dieser ganzen Sache!

screenshot-facebook-
Als Reaktion auf einen kritischen Post zum Uber-Verbot vor wenigen Wochen bekam die Moderatorin eine Nachricht von einem Taxifahrer, die sie als Screenshot veröffentlichte. *User wurde von KOSMO unkenntlich gemacht. (FOTO: Screenshot/Facebook)

Wo liegt deiner Meinung nach die Grenze zwischen einem harmlosen Flirt und sexueller Belästigung? Und wie sexy darf sich eine Frau deiner Meinung nach – auf Social Media – präsentieren, ohne als Objekt abgestempelt zu werden?
Eine Frau kann meines Erachtens in Strapsen auf die Straße gehen, und darf nicht angegriffen werden! Und genau hier – bei körperlichen Übergriffen – liegt meiner Meinung nach die Grenze. Dreckige Witze oder Kommentare lassen mich persönlich grundsätzlich kalt – ich finde sie zum Teil sogar witzig – jedoch möchte ich keinesfalls ohne meine Erlaubnis angefasst werden. Was die Nachrichten angeht, die mir zum Teil geschickt werden, kann ich nur sagen, dass ich sie zwar mehr als geschmacklos finde, aber sie schränken mich nicht in meinem Sein ein.

Die österreichische Schauspielerin Nina Proll behauptete ja im Zuge der “MeToo”-Kampagne, dass sie sexuelle Annäherungsversuche von Seiten eines Mannes grundsätzlich erfreulich fände – wie siehst du das?
Annäherungsversuche in Form von Flirts oder Komplimenten finde auch ich absolut erfreulich. Jedoch bin ich kein Fan von unaufgeforderten und aggressiv-sexuellen Anmachen. Und davon ist meiner Meinung nach die Rede sobald unerwünschter Körperkontakt im Spiel ist. Somit wird für mich ab diesem Zeitpunkt einfach eine Grenze überschritten. Nina Proll – so sehr ich sie auch schätze – hat durch ihre Aussage, sie wäre noch nie sexuell belästigt worden, weil sie vermutlich nicht gut genug aussehe, einige betroffene Frauen verletzt. Schließlich sucht sich keine Frau aus, eine derartige Erfahrung zu machen.

sasa-schwarzjirg
“Wir Frauen haben leider gelernt mit viel Demütigung, sexuellen Anspielungen, Missbrauch und Belästigung umzugehen – das muss sich ändern!” (FOTO: Felicitas Matern/Feelimage)

Was würdest du jungen Frauen raten, die mit ähnlichen Nachrichten via Social Media oder gar realen Sex-Attacken im Job zu kämpfen haben?
Im Job würde ich mich sofort an den Betriebsrat wenden – sofern es einen gibt. Grundsätzlich muss man von der Belästigung möglichst viel dokumentieren. Gibt es daher Nachrichten oder E-Mails, die eine sexuelle Belästigung beweisen, sollte man davon sofort Screenshots machen! Widerfährt einem etwas Unsittliches im privaten Umfeld, muss man abwägen, wie schlimm dieser Vorfall war. Kann man nicht damit leben, sollte man einer Vertrauensperson davon erzählen, und letzten Endes zur Polizei gehen. Da die Glaubwürdigkeit von Frauen nach wie vor häufig in Frage gestellt wird, sollte man am besten mit einer zweiten Person hingehen, die den Vorfall bestenfalls bezeugen kann.

Wir Frauen haben leider gelernt mit viel Demütigung, sexuellen Anspielungen, Missbrauch und Belästigung umzugehen – wir haben gelernt Opfer zu sein! Ich finde, das muss sich ändern, weil es einfach nicht in Ordnung ist, dass eine Frau oft mehr ertragen muss, als ein Mann!