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ETWAS ZUM NACHDENKEN

Schamlos, gierig und komplexbehaftet: Warum du dein “perfektes Weihnachten” nicht auf Instagram posten solltest

WEIHNACHTEN_FOTO_FAMILIE
(FOTO: iStock)

Armut tut weh und vor allem zur Weihnachtszeit, zeigt sie sich von ihrer ekelhaftesten Seite – den Nährboden dafür schaffen wir selbst.

Geschenke, Skiurlaub, Festtagsessen und Bummeln, für viele gehört das zu Weihnachten einfach dazu. Oft ist einem dabei nicht bewusst, dass diese Selbstverständlichkeiten purer Luxus sind und viel mehr als nur die Geldbörse attackieren.

Wollen wir wirklich unseren Kleinsten die teuren Geschenke unter die Nase reiben und ihnen zeigen wie „das perfekte Weihnachten“ aussieht? Anscheinend.

Hast du was, bist du wer – vor allem zum Fest der Liebe wird deutlich, wie tief der Materialismus in uns verankert ist. Besonders im Internet wird das Bild vom hollywoodreifen Kitsch propagiert, der uns und vor allem den Jüngsten Minderwertigkeitskomplexe schafft. Laut Statistik Austria sind 303.000 Kinder und Jugendliche von Armut betroffen. Sie merken im Vergleich schnell, dass ihr Fest nicht üppig, ihr Kühlschrank nicht voll und ihre Familie anscheinend nicht perfekt ist.

Die bröckelige Glücks-Fassade wird frisch verputzt. Niemand will einen Familienstreit sehen. Zusammenreißen, lächeln, Foto schießen, emotionaler Spruch – posten. Halbehrliche Erinnerungen auf überfüllten Plattformen teilen – ein Like. Schön.

Die Scheinheiligkeit ist hier heiliger als der heiligste Tag selbst. Das war immer so, denn es ist Tradition und diese ist, um jeden Preis zu bewahren. Das Christbaumschauen ist online gegangen. Da es ein Brauch ist brauchen wir uns dafür auch nicht zu schämen.

Hinter den Internet-Kulissen greifen die gierigen Fettfinger nach dem neuesten iPhone und die Designertasche wird über die neue Jacke geschwungen, die alte musste weg – die war ja aus der letzten Kollektion. Liebe geht über die Bankomatkarte. Deshalb fühlt man sich auch verpflichtet extra teure Geschenke auszusuchen. Nur wenn dein Gegenüber vor dem Preisschild deiner Gabe erzittert hast du alles richtig gemacht.

Im Grunde wollen wir zeigen, dass es uns gut geht und wir Weihnachten genießen. Wir wissen alle, dass Liebe und Aufmerksamkeit die schönsten Geschenke sind. Diese Fotos bekommen ja auch die meisten Likes.

Deshalb posiert man mit den Eltern 57 Schnappschüsse lang vor dem gedeckten Tisch. Das Essen ist zwar nun kalt, aber man möchte ja ausdrücken, wie dankbar man für die gemeinsame Zeit ist. Während des Dinners werden die Likes und Kommentare genossen, die hereintrudeln. Weihnachten war ein Erfolg.

Was ist aus dem Fest der Liebe geworden? Was feiern wir eigentlich und warum?
In der Heiligen Nacht gaben sich Maria und Josef mit einer kleinen Scheune zufrieden, in der sie mit ihrem Kind ganz bescheiden die Wärme des Familiennests zelebrierten. Die Familie war heilig und Nächstenliebe war das größte Geschenk.

Vielleicht könnten dieses Jahr ebenfalls etwas Nächstenliebe zeigen? Wie wäre es, wenn wir dieses Jahr keine Geschenke posten und nicht in den Wettbewerb um die “glücklichste Familie” antreten. Genießen wir einfach die gemeinsame Zeit und legen ausnahmsweise das Handy weg – für uns und unsere Nächsten.