Tausende Kilometer Anreise, stundenlange Warteschlangen und mehr als 100.000 registrierte Auslandswähler: Die serbische Diaspora mobilisierte sich bei der Wahl so stark wie seit Jahren nicht. Doch ob sie damit auch den politischen Umbruch gegen Aleksandar Vucic entscheidend unterstützte, ist noch offen.
Die politische Entscheidung in Serbien wurde am Sonntag, dem 25. Oktober, auch weit außerhalb der Landesgrenzen mit Spannung verfolgt. Während im Inland Millionen Menschen ihre Stimme abgaben, strömten auch im Ausland lebende serbische Staatsbürger zu den Wahllokalen. Besonders auffällig war der Andrang in Wien, wo sich vor den Wahllokalen lange Schlangen bildeten. Die hohe Beteiligung war ein deutliches Zeichen dafür, dass viele Auslandsserben die politische Entwicklung in ihrer Heimat aktiv mitgestalten wollten. Doch eine hohe Wahlbeteiligung allein verrät noch nicht, welche politische Richtung die Diaspora eingeschlagen hat.
Nach Angaben der serbischen Wahlplattform podatak.rs waren für die Abstimmung im Ausland 102.147 Menschen registriert. Die Stimmabgabe war an 93 Wahllokalen in 37 Staaten möglich. Bei der Parlamentswahl 2023 hatten sich noch 39.270 Auslandswähler registriert. Die Zahl hat sich damit innerhalb von knapp drei Jahren mehr als verdoppelt. Die tatsächliche Wahlbeteiligung und die Verteilung der Stimmen auf die einzelnen Wahllisten sind davon allerdings zu unterscheiden.
Wien im Mittelpunkt
Auch in Österreich war das Interesse groß. In Wien leben rund 76.000 Menschen mit serbischer Staatsbürgerschaft. Laut dem ORF hatten sich österreichweit 10.484 serbische Staatsbürger für die Wahl registriert, rund 7.000 davon in Wien. Vor den vier Wiener Wahllokalen mussten Wähler teilweise bis zu 7 Stunden warten. Österreich lag damit bei der Zahl der registrierten Auslandswähler im internationalen Vergleich auf dem dritten Platz.
Dass die Zahl der registrierten Wähler im Vergleich zu 2023 stark gestiegen ist, deutet auf eine größere Mobilisierung hin. Allerdings darf daraus nicht automatisch geschlossen werden, dass die Mehrheit die Studentenbewegung unterstützt. Auch Wähler der bisherigen Regierungspartei SNS konnten sich registrieren und ihre Stimme abgeben. Erst die Ergebnisse der einzelnen Wahllokale können zeigen, welche Liste bei den Auslandsserben tatsächlich vorne lag.
Die Diaspora als politischer Faktor
Die Auslandsserben gelten häufig als wichtiger Rückhalt für oppositionelle und proeuropäische Kräfte. Vor der Wahl wurde deshalb besonders aufmerksam beobachtet, ob die Studentenbewegung auch außerhalb Serbiens Unterstützung mobilisieren kann. Die Bewegung war aus den Protesten gegen Korruption und staatliche Missstände hervorgegangen und trat bei der Wahl gegen das von Aleksandar Vucic dominierte politische Lager an.
Ein Blick auf die vorherige Parlamentswahl zeigt jedoch, dass die Diaspora keineswegs geschlossen gegen Vucic stimmte. Laut einer Analyse des „Standard“ erhielt die Serbische Fortschrittspartei SNS bei der Wahl 2023 im Ausland 56,41 Prozent der Stimmen. In Serbien selbst waren es 46,75 Prozent. Die Auslandswähler unterstützten Vucics Partei damals somit sogar stärker als die Wähler im Inland.
Gerade dieser Vergleich macht die aktuelle Wahl besonders interessant. Sollte die Studentenbewegung diesmal bei den Auslandswählern deutlich besser abschneiden, wäre das ein Hinweis auf eine Veränderung der politischen Stimmung innerhalb der Diaspora. Ohne bestätigte Ergebnisse nach Wahllokalen wäre es jedoch verfrüht, einen solchen Wandel bereits als Tatsache darzustellen.
Stundenlange Reisen für eine Stimme
Der hohe Andrang ging mit Kritik an der Organisation der Auslandswahl einher. Insgesamt waren 93 Wahllokale in 37 Staaten vorgesehen. In einigen Ländern mussten Wähler weite Strecken zurücklegen, weil frühere Wahlmöglichkeiten weggefallen waren. In Nordamerika und anderen Regionen außerhalb Europas erschwerten die Entfernungen die Teilnahme zusätzlich.
Besonders deutlich wurde das in Griechenland: Mehr als 70 serbische Staatsbürger aus Thessaloniki reisten nach Athen, um ihre Stimme abzugeben. Sie protestierten damit zugleich gegen die Entscheidung, in Thessaloniki kein Wahllokal einzurichten. Auch in den USA und Kanada mussten manche Wähler lange Anfahrtswege in Kauf nehmen.
Die Kritik an den Wahlbedingungen war auch deshalb politisch brisant, weil die Opposition und die Studentenbewegung der Regierung vorwarfen, die Teilnahme der Diaspora zu erschweren. Die Behörden wiesen Vorwürfe einer gezielten Behinderung zurück und verwiesen auf die organisatorischen Abläufe. Ob die geänderte Verteilung der Wahllokale die tatsächliche Wahlbeteiligung beeinflusst hat, lässt sich aus den bisher bekannten Zahlen allein nicht feststellen.
Wie stark war der Einfluss auf das Ergebnis?
Auch wenn sich mehr als 100.000 Menschen für die Stimmabgabe im Ausland registriert hatten, bleibt ihr Anteil an der gesamten Wählerschaft begrenzt. In Serbien waren rund 6,45 Millionen Menschen wahlberechtigt. Die Diaspora kann daher ein politisch bedeutendes Signal setzen, das landesweite Ergebnis aber nicht allein bestimmen. Entscheidend sind die tatsächliche Wahlbeteiligung und die Stimmenverteilung auf die einzelnen Wahllisten.
Die Ergebnisse aus Städten wie Wien, Berlin, Zürich oder Chicago könnten dennoch wichtige Hinweise auf die politische Stimmung unter den Auslandsserben liefern. Ein Vergleich mit den Ergebnissen von 2023 würde zeigen, ob sich die Unterstützung für Vucics Partei verändert hat und ob die Studentenbewegung außerhalb Serbiens besonders stark mobilisieren konnte.
Der Rekordandrang ist damit zunächst ein Zeichen politischer Mobilisierung, aber noch kein Beweis für einen Sieg der Opposition innerhalb der Diaspora. Erst wenn die Stimmen aus den einzelnen Auslandswahllokalen vollständig ausgewertet sind, lässt sich sagen, wem die Serben im Ausland ihre Stimme gegeben haben – und ob sich ihre politische Orientierung tatsächlich verändert hat.