Start NEWS POLITIK Türkei-Referendum: Neo-osmanische Ambitionen am Balkan?
KOMMENTAR

Türkei-Referendum: Neo-osmanische Ambitionen am Balkan?

Warum freut sich Sarajevo über Erdogans Sieg? (Foto: zVg.)

Der Ausgang des Verfassungsreferendums in der Türkei löste heftige Reaktionen aus. Während Politiker der Europäischen Union Konsequenzen für die Türkei ziehen, feierte man am Balkan Erdogans Sieg. 

Nach dem knappen Votum der Türkei für das umstrittene Präsidialsystem werden die Stimmen in der EU gegen die Beitrittsverhandlungen immer lauter. Auch die Kritik an den in Europa lebenden Türken wächst. Nur am Balkan scheint die Bewunderung für Erdogan und sein Regime unerschütterlich zu sein. Die Politiker der Balkan-Länder gratulierten dem türkischen Präsidenten zu seinem Sieg und hoffen, dass die Türkei ihren Einfluss am Balkan stärken wird. Vor allem Bakir Izetbegović, der bosnische Leader der SDA Partei, konnte seine Freude über den Sieg seines Vorbildes nicht verbergen.

LESEN SIE AUCH: IN BOSNIEN-HERZEGOWINA HABEN NUR 20% EIN GEREGELTES EINKOMMEN

Wie nun die Statistikagentur Bosnien-Herzegowinas veröffentlichte, waren im Jänner 2017 insgesamt 749.566 Menschen arbeitstätig, davon 310.828 Frauen.

 

“Dieses Ergebnis wird in der Türkei und in der gesamten Region Stabilität gewähren. Es wird die Türkei stärken und zu einer regionalen Macht heranwachsen lassen. Ich denke es ist gut, dass die Türkei eine starke Führung hat”, schwärmt Izetbegović. Auch die türkischen Staatsbürger, die in Bosnien-Herzegowina leben aber auch etliche Bosnier, ließen ihren Gefühlen in Sarajevo freien Lauf und feierten das Sonntagsreferendum. Die Straßen der bosnischen Hauptstadt wurden von Autos, die türkische Fahnen schwangen, überrollt. Auch die Polizei musste einschreiten, als sich Studenten vor dem türkischen College am Rande der Stadt versammelten, um gemeinsam den Sieg zu zelebrieren.

Ein Meer an fremden Flaggen in einem fremden Land? Ein Präsident eines anderen Landes wird in einem fremden Land gefeiert und gelobt? Wahrscheinlich wäre das in keinem anderen Land, außer in Bosnien-Herzegowina, möglich gewesen. Dies zeugt nur von dem traurigen Verhältnis, dass Bosnien-Herzegowina mit der Türkei teilt. In dieser Hinsicht erinnert, überspitzt gedacht, Bosnien-Herzegowina an ein imaginäres Reich früherer Zeiten, als man lediglich ein unbedeutender Teil eines Imperiums war. Während sich die Türkei in Serbien und Kroatien mit wirtschaftlichen Investitionen einkauft, verschafft man sich einen “verlängerten Arm” in Bosnien-Herzegowina durch Bildung, Medien, Kultur – durch den Aufbau einer neo-osmanischen Identität. Türkische Gelder fließen in Schulen oder religiöse Institutionen. Was passiert mit den brachliegenden Fabriken oder der erdrückenden Arbeitslosigkeit des Landes?